DMSB kassiert TCR-Passus im VLN-Reglement 2020 ein

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DMSB kassiert TCR-Passus im VLN-Reglement 2020 ein
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03.02.2020, 18:10

Der Deutsche Motor Sport Bund erklärt den Zwang, dass TCR-Autos in die TCR-Klasse müssen, in der Nürburgring Langstrecken-Serie für nichtig

Das Reglement der Nürburgring Langstrecken-Serie (VLN) 2020 ist vom Deutschen Motor Sport Bund (DMSB) in Teilen nicht genehmigt worden. Abgelehnt wurde der Abschnitt des Reglements, der die Teilnahme von TCR-Fahrzeugen auf die eigens eingeführte TCR-Klasse beschränkt. Offenbar hatten sich beide Parteien im Vorfeld nicht ausreichend abgestimmt.

Konkret geht es um einen Passus in Kapitel 6 des vorläufigen Technischen Reglements der Nürburgring Langstrecken-Serie 2020. Dort heißt es: "In der Nürburgring Langstrecken-Serie ist die Teilnahme von TCR-Fahrzeugen in einer anderen als der VLN Klasse TCR nicht zulässig. (ausgenommen: in der Klasse SP-X zu Erprobungs-, Test-, Versuchszwecken, u.ä.)."

Dagegen sind nach Informationen von 'Motorport.com' mehrere Teams vorgegangen, die ihre - teils modifizierten - TCR-Fahrzeuge bisher in der Klasse SP3T an den Start gebracht haben und jetzt in die TCR-Klasse hätten zurückgehen müssen. Sie haben den DMSB auf diese Situation aufmerksam gemacht. Dieser hat daraufhin jenen Absatz einkassiert.

Der DMSB begründet den Schritt damit, dass man es Teilnehmern nicht vorschreiben könne, in welcher Klasse sie mit einem erworbenen Fahrzeug an den Start zu gehen haben. Man könne dem Eigentümer auch nicht das Recht nehmen, an einem gekauften Produkt Umbauarbeiten vorzunehmen. Damit wird auch ein Präzedenzfall für andere Klassen und Rennserien geschaffen.

#833 (Hyundai Veloster TCR: Nico Verdonck, Moritz Oestreich

#833 (Hyundai Veloster TCR: Nico Verdonck, Moritz Oestreich

Foto: Jan Brucke/VLN

Knackpunkt Einheitsreifen

TCR-Boliden dürfen damit weiterhin auch in der Klasse SP3T an den Start gehen. Das Reglement dieser Klasse lässt allerdings Umbauten an den Fahrzeugen zu, die dadurch schneller als reine TCR-Fahrzeuge sind. Zudem lässt sich mit einem Wechsel der vorgeschriebene Einheitsreifen in der TCR-Kategorie umgehen.

Dieser ist auch Dreh- und Angelpunkt der ganzen Situation. Die TCR-Klasse ist auf der Nürburgring-Nordschleife seit ihrer Einführung im Jahr 2017 auf Einheitsreifen unterwegs. Zunächst war Hankook alleiniger Ausrüster, seit 2019 der Goodyear-Dunlop-Konzern. Für diesen dürfte der DMSB-Beschluss nun zu weniger Absatz führen.

Die Einheitsreifen waren bei den TCR-Teams nie populär. "Diese Klasse wäre ohne den Einheitsreifen durch die Decke gegangen", sagt ein einflussreiches Teammitglied einer TCR-Mannschaft gegenüber 'Motorsport.com'.

Die TCR-Kategorie hat sich in den 2010er-Jahren als weltweit erfolgreichste Tourenwagen-Kategorie etabliert. Nur auf der Nordschleife fristet die TCR-Klasse mit 2019 durchschnittlich 4,5 Startern ein Nischendasein.

Seitens der VLN heißt es, dass die Einheitsreifen aus Gründen der Balance of Performance (BoP) notwendig seien. Teams halten dagegen, dass in den Klassen SP9 (GT3) und SP10 (GT4), die ebenfalls einer BoP unterliegen, freie Reifenwahl vorherrscht. In der GT4-Klasse wurde der Einheitsreifen 2019 aufgegeben.

Die Kritik ist deutlich: "Jede Serie kriegt das Thema TCR gebacken, nur die VLN nicht", heißt es von jenem TCR-Teammitglied. Es muss dazu gesagt werden, dass jede TCR-Serie auf Einheitsreifen fährt. Allerdings hat die Nürburgring-Nordschleife sehr spezielle Anforderungen und nicht jedes Auto funktioniert hier auf den Einheitspneus gleich gut.

Kostenexplosion in der SP3T?

Nichtsdestotrotz hätte bei einem Zwang, in der TCR-Klasse starten zu müssen, diese wohl ein ansehnliches Starterfeld zusammenbekommen. Die meisten TCR-Teams hatten sich mit der Situation bereits arrangiert. Schließlich wäre es vielleicht sogar möglich geworden, in dieser Klasse um den VLN-Titel zu fahren, wenn alle TCR-Autos in eine Klasse gezwungen werden.

Audi RS 3 LMS, Audi RS3 LMS

Die TCR-Kategorie fährt in der Nürburgring Langstrecken-Serie auf Einheitsreifen

Foto: VLN

Die VLN hat sogar eine Trennung in Amateur- und Profiklasse vorgenommen. Auf Wunsch der Teams sollten als Amateure nur jene Fahrer eingestuft werden, die kein FIA-Rating besitzen. Keine zwei Monate vor Saisonstart ist nun alles wieder anders.

Die SP3T kann attraktiver sein, weil ein Teilnehmer fehlendes fahrerisches Können theoretisch durch Umbauarbeiten wettmachen kann. Es handelt sich noch um eine Klasse "vom alten Schlag", in der das technische Verständnis über das Auto ebenso wichtig ist wie das Können hinterm Lenkrad.

Ursprünglich war sie als Auffangbecken für ehemalige Cup-Fahrzeuge gedacht, etwa den Seat Leon Supercopa. Mit entsprechenden Umbauten hätte man die betagten Renner auf das Niveau modernerer Fahrzeuge (also v.a. TCR) bringen können.

Nun fürchten die TCR-Teams eine Abwanderung in die SP3T. Es würde eine Sogwirkung einsetzen: Da in jener Klasse auch Teams starten, die keine TCR-basierten Fahrzeuge einsetzen, hat diese Klasse das Potenzial, noch voller als die TCR-Kategorie werden. So gehen erste TCR-Teams in die SP3T, andere folgen dann sukzessive.

Warum das problematisch ist? Aufgrund der technischen Freiheiten in der SP3T fürchten viele Teams eine Kostenexplosion. Die Alternative, in einer fast leeren Klasse zu starten, erscheint aber als noch unattraktivere Option.

"Girls only" und der umgebaute Golf

Eines der Teams, die beim DMSB "angefragt" haben, ist das Team WS Racing, das unter dem Namen "Girls Only" ein reines Damenteam in der Nürburgring Langstrecken-Serie an den Start bringt. Gesponsert wird die Mannschaft von Giti Tire. Dass sich beim Reifenhersteller aus Singapur das Interesse an einem Einheitsreifen in argen Grenzen hält, liegt auf der Hand.

Thorsten Willems, Geschäftsführer bei WS Racing, erklärt gegenüber 'Motorsport.com': "Wir haben im Jahr 2018 einen TCR-Golf erworben, an dem wir vor der Saison 2019 zahlreiche Umbauten vorgenommen haben. Diese können nicht mehr so einfach rückgängig gemacht werden. Wir erwarten als Kunde Planungssicherheit. Das gilt auch für andere Teams."

Carrie Schreiner

Das "Girls Only"-Team darf weiter in der SP3T starten

Foto: VLN

Unter Ausnutzung der SP3T-Regeln wurde die Luftführung im kompletten Vorderwagen am Volkswagen Golf GTI TCR verändert, um eine eigens entwickelte Stoßstange anzubringen. Aufgrund der anderen Anströmung musste der Motor neu abgestimmt werden. "So führt eines zu anderen", sagt Willems.

Eine fünfstellige Summe habe man investiert. Ein Rückbau würde - sofern technisch überhaupt noch machbar - noch einmal mindestens dasselbe kosten. Auch bestätigt er, dass man sich die Umbauten gespart hätte, wenn es keine Einheitsreifen in der TCR-Klasse gäbe.

Letztlich sei im Wagenpass des Golfs mittlerweile sogar die SP-Klasse vermerkt. Der Reglementsentwurf für die Nürburgring Langstrecken-Serie war darauf aber vorbereitet: "Eine anderslautende Klassen-Eintragung im Wagenpass / ASN-Dokument des Fahrzeugs, oder ein neu ausgestellter Wagenpass / ASN-Dokument des Fahrzeugs für andere als die TCR-Klasse ist dabei nicht relevant."

Gänzlich aussterben wird die TCR-Klasse voraussichtlich nicht: Einige TCR-Autos, deren Antriebsstrang nicht strikt von der Serie stammt, würden in der SP3T unter ein spezielles Restriktor-Reglement fallen. Damit wären diese Fahrzeuge dort nicht konkurrenzfähig. Ein Beispiel dafür ist der Hyundai i30 N TCR. Dennoch wäre nicht davon auszugehen, dass die 4,5 Starter in diesem Jahr groß gesteigert werden dürften.

Mit Bildmaterial von VLN.

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Urheber Heiko Stritzke