Er war selbst fast tot: WEC-Sieger mit starker Rede zu Nürburgring-Tragödie
Anthony McIntosh gewinnt erstmals die LMGT3-Klasse in der WEC - Nach dem Sieg äußert er sich umfangreich zum Todesfall auf der Nürburgring-Nordschleife
Anthony McIntosh hielt in der Pressekonferenz eine ergreifende Rede, als er zum Nürburgring-Unfall befragt wurde
Foto: FIA FIA
Der tödliche Unfall von Juha Miettinen auf der Nürburgring-Nordschleife war auch beim zeitgleich stattfindenden Rennen der Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) in Imola ein großes Thema. BMW und WRT widmeten den LMGT3-Sieg dem verunglückten Finnen. Für Gänsehaut sorgte jedoch der siegreiche Amateurfahrer Anthony McIntosh.
Der Geschäftsführer von Global Power Components, einem Hersteller von Teilen für Energieerzeugung, ergriff das Wort, als das siegreiche Trio bestehend aus ihm, Parker Thompson und Dan Harper auf der Pressekonferenz nach dem tödlichen Unfall auf dem Nürburgring gefragt wurde. Für seine Worte erhielt der 51-Jährige eine Runde Extra-Applaus in der Pressekonferenz:
"Es ist auf eine gewisse Weise paradox - ich habe erst mit dem Rennsport angefangen, nachdem ich [kurz vor dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie] beinahe gestorben wäre. Ich lag im Krankenhaus und musste mich damals von meinen Kindern verabschieden, was eine unglaublich schmerzhafte Erfahrung ist. Insgesamt war das eine sehr traumatische Situation."
"Das war für mich der Weg in den Motorsport. Ich hatte vorher nie ein schönes Auto besessen, also beschloss ich, mir eines zu gönnen und leistete eine Anzahlung. Wegen der Pandemie wurde das Auto jedoch nie ausgeliefert."
"Das brachte mich auf die Idee, ein Auto zu mieten und an einem Trackday teilzunehmen. Doch niemand wollte mir eines vermieten, weil ich keine Rennlizenz hatte. Also habe ich gesucht, wie man eine bekommt - einfach, weil ich unbedingt auf die Rennstrecke wollte. So hat sich Schritt für Schritt dieser Weg ergeben, der mich schließlich in die IMSA und in meine Rennkarriere geführt hat."
‘¿’"Seitdem ist der Rennsport zu einer großen Leidenschaft für mich geworden. Natürlich bewegt man sich dabei immer auf einem schmalen Grat. Sollte etwas passieren, würde mir das für mein Umfeld unendlich leidtun. Aber für mich persönlich gilt: Wenn ich im Rennsport sterben würde, dann würde ich das bei etwas tun, das ich wirklich liebe."
"Ich bin unglaublich dankbar und glücklich, dass ich etwas tun darf, für das ich so sehr brenne. Es gibt kaum etwas im Leben, das mir so viel bedeutet wie der Motorsport - und das sage ich als jemand, der damit nicht aufgewachsen ist. Ich habe früher kaum Rennen geschaut, bin nie Kart gefahren und hatte bis zu diesem Erlebnis auch kein besonderes Auto."
"In gewisser Weise hat mir der Rennsport das Leben gerettet. Es ist etwas, worauf ich mich jedes Mal aufs Neue freue. Tragische Ereignisse gehören zwar zur Realität dieses Sports - und man muss alles daransetzen, die Risiken zu minimieren -, aber gleichzeitig muss sich jeder Fahrer bewusst sein: Es kann jederzeit passieren."
Vom Sterbebett aufs Siegerpodest
Gegenüber Motorsport-Total.com erklärt der US-Amerikaner, wie er dem Tod so nahe kam: "Ein Virus hatte den hinteren Teil meines Gehirns angegriffen. Es fühlte sich an wie elektrische Schläge - extrem stark, sodass sich meine Hände unkontrolliert verkrampften. Diese Anfälle traten alle 20 Minuten auf, jeweils etwa zehn Minuten lang, rund um die Uhr. Es gab nichts, was das stoppen konnte."
McIntosh erlebte die Hölle auf Erden: "Die Ärzte konnten mir keine wirksamen Schmerzmittel geben, weil die Ursache direkt im Gehirn lag. Gleichzeitig versuchten sie fieberhaft herauszufinden, was los war. Ich konnte tagelang nicht essen, nicht schlafen- mein Zustand war kritisch."
"Im Krankenhaus kam irgendwann der Punkt, an dem ich völlig am Ende war. Der Virus hatte mein Gehirn praktisch übernommen. Die Ärzte stellten immer wieder dieselben Fragen und wollten mich schließlich sogar an eine Spezialbehörde überweisen." Es schien, als wäre sein Leben zu Ende. Von seiner Verwandtschaft nahm er bereits Abschied.
Die Rettung brachte letztlich eine scheinbar belanglose Frage: "Jemand fragt mich, ob ich in Kalifornien gewesen sei." Und tatsächlich war er das, weil seine Tochter den Film Free Solo gesehen hatte und nun ebenfalls Freeclimberin werden wollte. Als guter bestand er darauf, die Wand (mit Sicherheitsseilen) im Yosemite-Nationalpark vorher auszutesten, was er auch tat.
"Ich hielt die Frage zunächst für irrelevant, weil meine Symptome erst Monate später in Wisconsin auftraten. Doch sie testeten mich auf eine spezielle Zeckenart, die es in Kalifornien gibt, aber nicht in Wisconsin. Dabei stellte sich heraus, dass ich durch einen Zeckenbiss an Borreliose erkrankt war, die sich bis ins Gehirn ausgebreitet hatte und dort die Entzündung verursachte."
Nachdem es endlich eine Diagnose gab, konnten gezielt Antibiotika eingesetzt werden. "Zwei Wochen später konnte ich das Krankenhaus wieder verlassen", erzählt der frisch gebackene Rennsieger.
Schneller Aufstieg im Motorsport
Mit dem plötzlich aufgekommen Wunsch, Autorennen zu fahren, stieg er Ende 2021 in den Mazda-MX-5-Cup ein. Zwei Jahre später gewann er bereits die Amateurwertung in der nordamerikanischen Lamborghini-Super-Trofeo und beim Lamborghini-Weltfinale in Vallelunga.
Ein Jahr später gewann er sowohl die Sprintwertung der italienischen GT-Meisterschaft in der Amateurklasse als auch die Pro-Am-Wertung beim Lamborghini-Weltfinale in Jerez de la Frontera. So trat er dann 2025 auf die große Bühne in der IMSA SportsCar Championship und mit ersten Einsätzen in der WEC.
"Ich war eigentlich immer in allem gut, was ich gemacht habe - Triathlon, Fahrradfahren, oder sogar Wrestling. Aber im Rennauto war ich anfangs richtig schlecht. Ich musste echt hart mit anderen Fahrern trainieren", erinnert er sich.
"Es war wirklich viel Arbeit und darin unterscheidet sich der Motorsport von anderen Sportarten. Wenn man etwas liebt, aber nicht gut darin ist, und dann so hart arbeitet und es sich letztlich auszahlt, dann bedeutet das einem sehr viel."
WRT-Teamchef Vincent Vosse erklärt gegenüber Motorsport-Total.com, wie McIntosh letztlich bei WRT landete: "Wir kamen in Kontakt und er wollte gerne bei uns fahren. Wir haben natürlich gesehen, was er in dem Aston Martin vergangenes Jahr aufgeführt hat. Das war sehr stark. Und das hat er heute wieder bewiesen. Vor drei Jahren habe ich seinen Namen nicht einmal gekannt, heute hat er in unserem Auto unglaubliche Dinge gezeigt."
Drama und Hundertstel-Krimi in der LMGT3
Sportlich war das 6-Stunden-Rennen ein Knaller: Eigentlich war der Garage-59-McLaren #10 (Au/Fleming/Kirchhöfer) auf Kurs, Garage 59 beim ersten WEC-Einsatz gleich den ersten Sieg zu bescheren. Doch eine halbe Stunde Schluss spielte der McLaren 720S LMGT3 plötzlich völlig verrückt. Die Ursache des Defekts ist noch nicht geklärt.
"Ich fühle mit dem McLaren-Team, sie haben alles richtig gemacht, hatten eine starke Pace und die Fahrer haben einen fehlerfreien Job gemacht. Wir nehmen diesen Sieg und würden ihn gerne Juha Miettinen widmen", sagt Vosse.
Es war jedoch ein Herzschlagfinale, denn letztlich siegte der BMW mit nur 0,265 Sekunden Vorsprung auf die TF-Sport-Corvette #33 (McDonald/Edgar/Catsburg). Schlussfahrer Harper, für den es das WEC-Debüt war, erklärt, warum es so eng wurde:
"Es gab ein Kommunikationsproblem und es war schwierig vorherzusehen, ob die Hypercars uns nochmal überrunden würden. Ich wusste also nicht, ob es noch zwei oder drei Runden werden würden. Wir waren mit dem Sprit schon sehr knapp und dann hieß es, dass es noch zwei Runden werden würden."
"Deshalb kam ich aus der letzten Kurve und feierte schon ein wenig, weil ich dachte, dass es vorbei war. Aber dann hieß es, dass dies der Start unserer letzten Runde sein würde. Da war Nicky [Catsburg] schon sehr nah dran und brachte mich in der letzten Runde gut zum Schwitzen. Aber ich habe es über die Linie gebracht."
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