Kolumne von Timo Bernhard: Spannung pur bei WEC-Premiere in Mexiko

Sportwagen-Weltmeister Timo Bernhard von Porsche berichtet in seiner Kolumne über das erste 6h-Rennen der Langstrecken-WM (WEC) in Mexico City und über einen packenden Dreikampf um den Laufsieg.

Liebe Leser von Motorsport.com,

was für ein Rennen! Das Debüt der WEC in Mexiko war Spannung pur – von der Rennvorbereitung bis zu den letzten Runden.

Die ganze Mannschaft kam mit vollen Akkus zum fünften Lauf. Man hat gespürt, dass sich fast alle in der Sommerpause seit dem Rennen auf dem Nürburgring etwas erholt hatten. Ich war auch ein paar Tage mit meiner Familie im Urlaub und habe die Zeit sehr genossen. Bis dahin war mein Kalender seit Jahresbeginn so voll, dass wenig Zeit für Privates blieb, und irgendwann muss jeder aufladen.

Trotz der Pause hat unser Porsche-Team einen Megajob in der Vorbereitung auf dieses Rennen gemacht. Die Strecke liegt fast 2.300 Meter über dem Meeresspiegel und die dünne, sauerstoffarme Luft verändert eine Menge. Wir sind aerodynamisch mit maximalem Abtrieb gefahren, aber durch den geringeren Luftwiderstand ist das nicht dasselbe wie anderswo. Die Kühlung ist ebenfalls kritisch, aber auch dieses Thema hatte das Team im Griff.

Wir sind mit einer super Basis in die 90-minütige Testsession gestartet, die es aufgrund der schwierigen Anforderungen am Donnerstagmorgen zusätzlich gab.

Ich selbst kannte den neuen Kurs aus unserem Simulator in Weissach und habe mich sehr auf Mexiko gefreut. Ich erinnere mich gut daran, wie ich in den frühen 1990er-Jahren die Formel-1-Rennen dort im Fernsehen angeschaut habe. Die Fankulisse war immer gigantisch. Dieser Kurs atmet Motorsport-Geschichte, und die Erfolge der Brüder Pedro und Ricardo Rodriguez, nach denen die Strecke benannt ist, bleiben auch in der Porsche-Rennsportgeschichte unvergessen.

Die Trainings verliefen für uns problemlos. Wir konnten unser geplantes Programm durchziehen. Wir haben viel ausprobiert und gelernt und ein gutes Bild davon bekommen, wie wir uns für das Wochenende aufstellen.

Keine gewöhnliche Rennstrecke

Die Streckencharakteristik liegt irgendwo zwischen einem Stadtkurs und einer permanenten Strecke und besitzt einen eigenen, nicht einfachen Rhythmus – sie hat schon ein paar Tricks parat. Außer einer langen Geraden gibt es sehr viele enge Kurven.

Bereits in den Trainings konnten wir sehen, dass das Feld dicht beisammen liegt. Für das Qualifying am Freitag waren Brendon und Mark auf unserem Auto im Einsatz, und es war eine spannende Angelegenheit, denn beide Audis und unsere Porsche 919 Hybrid lagen Kopf an Kopf bis zum Schluss. Am Ende war es Platz vier für uns und Platz zwei für unser Schwesterauto – davor jeweils ein Audi. Wir lagen alle vier innerhalb von weniger als 0,3 Sekunden!

Die Wettervorhersagen ließ auf Regen im späteren Rennverlauf schließen. Brendon hatte einen tollen Start. Er zog direkt am Schwesterporsche vorbei und arbeitete sich vor auf Platz zwei. Kurz nachdem Mark in einer Gelbphase übernommen hatte, überholte er nach dem Restart den #8 Audi mit Lucas di Grassi und ging in Führung. Die beiden lieferten sich ein spannendes Duell und kamen auch gleichzeitig zum Stopp an die Box. Unsere Jungs hatten beim Service die Nase vorn und ich kam vor dem Audi zurück auf die Strecke.

Der nächste Stopp fiel erneut in eine Gelbphase. Ich sollte sofort an die Box kommen, aber dann entschloss sich das Team kurzfristig, doch noch eine Runde zu warten. Obwohl ich bereits über die weiße Linie der Boxenanfahrt gefahren war, fuhr ich wieder zurück auf die Strecke. Dafür wurde uns eine Stop-and-Go-Strafe aufgebrummt, die Brendon später absitzen musste, wodurch wir vorübergehend die Führung verloren.

Brendon fuhr aber einen unglaublich schnellen Stint und eroberte die Spitzenposition von Audi einige Runden später wieder zurück. Im letzten Drittel des Rennens schaltete sich dann auch noch das Wetter ins Renngeschehen ein und wir mussten Regenreifen aufziehen. Als ich wieder im Cockpit war, hatte es sich aber bereits gebessert. Wir konnten mit Intermediates weiterfahren und uns wieder am Audi vorbei an die Spitze setzen.

Sprint bis ins Ziel

In den letzten 20 Minuten der sechs Stunden setzte erneut Regen ein. Ich fuhr den Schlussstint. Im dritten Sektor war es plötzlich nasser als in der Runde zuvor und ich musste das Auto auf einem nassen Randstein abfangen und rutschte in den Notausgang. Zum Glück bin ich nirgendwo angeschlagen und konnte den Sieg "in trockene Tücher packen".

Die sechs Stunden von Mexiko waren wirklich keine einfache Sache. Wegen der wechselnden Wetterbedingungen und wegen der Verkehrs auf dieser überwiegend sehr engen und schmalen Strecke. Man musste extrem geduldig und umsichtig sein, aber das waren die meisten auch. Es ist viel weniger passiert als befürchtet, da muss man dem ganzen Feld ein Kompliment machen.

Diesmal ist von Pause keine Rede, am 17. September 2016 fahren wir bereits auf dem Circuit of The Americas in Austin. Eine supertolle und vollkommen andere Strecke – aber davon erzähle ich beim nächsten Mal!

Euer
Timo Bernhard

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Über diesen Artikel
Rennserien WEC
Veranstaltung Mexiko-Stadt
Rennstrecke Autodromo Hermanos Rodriguez
Fahrer Timo Bernhard
Teams Porsche Team
Artikelsorte Kommentar
Tags langstrecken-wm, lmp1, mexico city, mexiko, porsche, porsche 919 hybrid, prototyp, sportwagen, wec