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Kolumne zu den 24h Le Mans 2026: Nehmen Sie die blaue Pille

FIA und ACO schaffen die perfekte Illusion: Der Zuschauer bekommt nicht mit, dass hinter der glitzernden Fassade mittlerweile eine parallele Angstwelt vorherrscht

Kolumne zu den 24h Le Mans 2026: Nehmen Sie die blaue Pille

Der Spektakel bei den 24h Le Mans 2026 war riesig, doch hinter der Fassade...

Foto: Marc Fleury

Liebe Freunde der Hunaudieres-Geraden,

da haben wir doch bekommen, was wir uns alle gewünscht haben: Ein hochspannendes Rennen mit drei Marken im direkten Infight, das bis zum Schluss offen war. Mehr als 350.000 Zuschauer durften eine Motorsportparty feiern und bis zum Ende mitfiebern.

Und es waren drei Autos mit verschiedenen Charakteren. Zunächst muss man Toyota beglückwünschen. Das Update vom GR010 auf den TR010 Hybrid war ein riesiger Wurf. Es generiert Abtrieb ohne Ende, trotzdem war die Endgeschwindigkeit auf den Geraden absolut konkurrenzfähig. Das Ganze garniert mit einer spektakulären Optik, die einen das altbackene LMP1-Design schnell vergessen ließ. (Tempoanalyse 24h Le Mans 2026)

Dann der Cadillac, der amerikanischer nicht hätte sein können: Brutal mit dem schreienden V8 auf den Geraden, den Preis dafür gab es in den kurvigen Passagen. Ein Topspeed-Fahrzeug, wie es im Buche steht. Das Ganze ebenfalls für den Zuschauer durch den tiefen Heckflügel nachvollziehbar. Cadillacs Pech waren die im Vergleich zu allen Trainingstagen höheren Temperaturen im Rennen.

Der BMW lag irgendwo dazwischen, war weder auf den Geraden noch in kurvigen Mikrosektoren ganz oben, aber eben immer vorne dabei. Auch das BMW-Upgrade hat wie gewünscht funktioniert. Weniger Fluktuation, mehr Konstanz. Ohne die Safety-Car-Phasen, wahrscheinlich schon allein ohne die zweite, hätte BMW das Rennen gewonnen.

Für Genießer waren dann auch noch unterschiedliche Strategien dabei. Der Toyota fuhr nur zwölf Runden, BMW und Cadillac deren 13. Ein bisschen Langstrecken-Element war also in diesem 24-Stunden-Sprint auch dabei. Schade, dass die Safety-Car-Phase fünf Stunden vor Schluss die Strategien quasi annulliert hat, das wäre sonst sehr interessant geworden.

Hinterfragen Sie besser nichts

Und doch fühlt sich das Ganze einfach hohl an. Denn FIA und ACO haben es erfolgreich geschafft, aus dem technischen Wettbewerb, der das 24-Stunden-Rennen ausgezeichnet hat, eine eigene Show nach eigenem Gusto zu machen. Die Fäden, wer die Chance auf den Sieg hat und wer nicht, laufen mittlerweile hinter den Kulissen zusammen.

Das war bereits klar, als 2023 Toyota mit einer BoP-Änderung gegen die eigenen Regeln um den Gesamtsieg gebracht wurde. Immerhin haben die Kölner den gestohlenen Sieg nun zurückerhalten - und das nicht durch ein BoP-Geschenk, sondern durch einen wirklich erkämpften Sieg.

Insgesamt haben es FIA und ACO geschafft, dem Zuschauer eine perfekte Illusion zu bieten. Genießen Sie, was wir Ihnen vorsetzen. Nehmen Sie die blaue Pille. Aber kommen Sie bloß nicht auf die Idee, unser Spektakel zu hinterfragen.

Denn hier kommt die hässliche Seite zum Tragen. Für die Beteiligten gleicht das Fahrerlager einem Überwachungsstaat. Jeder Mitarbeiter der Hersteller, der die BoP-Zahlen kennt (und das sind nur ganz wenige, ausgewählte Personen), ist mittlerweile dermaßen verängstigt, dass man das Thema nicht einmal mehr "off record" ansprechen kann.

Die Angst vor drakonischen Strafen bei einem Informationsleck scheint mittlerweile so groß zu sein, dass die Paranoia mitschwingt, jedes falsche Wort könnte intern gemeldet werden. Denn die Strafen, sollte die BoP nach außen geraten, sind, soweit man das hört, gigantisch.

Und nun versuchen FIA und ACO uns unabhängigen Medien den Hahn abzudrehen, indem sie die BoP geheimhalten. Denn wir sind die letzte störende Institution in der perfekten Scheinwelt, die man mittlerweile offenbar als Ziel angestrebt hat. Ein entmündigtes Publikum, das keine Fragen stellt, sondern einfach genießt.

Im Schein von Merchandise-Ständen, dem Glanz und Glamour und der sportlichen Action bleibt diese problematische Ebene dem Fan verborgen. Die perfekte Illusion einer heilen Welt, unter deren Fassade die Angst umhergeht.

Mit der Geheimhaltung der BoP hat der ACO in einem diktatorischen Akt die unabhängige Berichterstattung beschnitten, indem die Informationsgrundlage entzogen wird. Mitten im demokratischen Europa. In der Hoffnung, dass wir Medien endlich bei diesem Thema die Klappe halten und mit einstimmen in das absolute Wohlfühl-Gefühl.

Schlechte BoP? Ihr seid doch selbst schuld, wenn es nicht läuft

Die Begründung von ACO-Präsident Pierre Fillon ist ungeheuerlich. "Für den Ausgang eines Rennens macht die BoP wahrscheinlich nur 20 oder 30 Prozent aus", sagte er vor dem Wochenende. Strategie, Boxenstopps, Reifenwahl und Liebe zum Detail würden den Rest ausmachen.

Das muss man erstmal sacken lassen. Dass Reifenwahl und Strategie auf der Langstrecke elementar sind, ist kein Geheimnis. Doch wie weit man sich hier auf oberster Ebene mittlerweile von der Realität der betroffenen Ingenieure entkoppelt hat, zeigt die mitschwingende Botschaft: Wer verliert, ist selbst schuld - ganz egal, mit welchen sportpolitischen Bleigewichten er auf die Reise geschickt wurde.

Also, Ferrari, hättet ihr mal in diesem Rennen die richtigen Reifen gewählt, dann hättet ihr wohl den vierten Le-Mans-Sieg in Folge geholt. Und Peugeot, warum sind eure Boxenstopps so schlecht?

Derselbe ACO, der 2023 Toyota zwei Minuten und 30 Sekunden auf die Renndistanz verlangsamt hat, stellt sich nun hin und sagt förmlich: Sorry, Toyota, aber an eurer Niederlage damals seid ihr zu 70 Prozent selbst schuld, nachdem wir euch zwei Minuten und 30 Sekunden langsamer gemacht haben. Das grenzt bereits an Respektlosigkeit.

Eine weitere Begründung: Es sei zu viel über BoP geredet worden. Wie bitte? Es gibt seit 2024 einen Maulkorb. Seitdem ist das Thema in Interviews bereits strikt tabu. Wie soll dann noch "zu viel" über BoP geredet werden?

Den Vogel schoss aber Bruno Famin beim Auftakt in Imola ab. Er wurde, frisch von Alpine gewechselt, vorangeschickt, um die Geheimhaltung zu erklären. Seine Begründung: Die Details der technischen Einstufungen seien für Außenstehende zu komplex für eine korrekte Einordnung. Hier wird mal eben das gesamte Publikum für zu dumm erklärt, die BoP zu verstehen. Starker Tobak.

Mehr als die Hälfte des Feldes war chancenlos

Letztlich ist es schlicht und einfach so: FIA und ACO wollen die volle Kontrolle über das Narrativ. Unabhängige Medien, die die BoP analysieren, stören da nur. Denn bei aller Liebe, dass hier drei Hersteller auf demselben Niveau fuhren, ist die eine Sache. Das bedeutet aber, dass fünf nicht auf diesem Niveau waren. Genesis mag man hier als Neuling noch ausklammern. Bleiben vier Hersteller.

Alpine hat es im Rennen entweder nicht hingekriegt oder hat vor dem Rennen eine ungünstigere Einstufung erhalten. Fakt ist: Vor allem in der Beschleunigung aus engen Kurven oder Schikanen heraus waren die A424 im Rennen signifikant schwächer als in den Trainings.

Dank der Geheim-BoP, die Spekulationen beenden wollte, können wir jetzt nur spekulieren, ob Alpine im Rennen einfach daneben lag oder vor dem Rennen eingebremst wurde. Wäre sie offen, könnten wir jetzt genau sagen, dass Alpine es selbst nicht hinbekommen hat. So aber müssen wir spekulieren - exakt das, was laut Famin eigentlich mit der Geheim-BoP abgeschafft werden sollte.

Dann das Thema Ferrari. Spätestens 2025 dürften FIA und ACO ihren BoP-Schritt von 2023 tief bereut haben. Ein vierter Ferrari-Sieg wäre der Worst Case für das Hypercar-Reglement gewesen. Anders als in den Vorjahren machten zumindest zwei Autos diesmal auch einen nahezu fehlerfreien Job. Keine Dramen wie mit dem Getriebe beim Siegerfahrzeug 2025 oder der offenen Tür 2024.

Und jetzt steht die Scuderia da, muss 60 Millionen Italienern und weiteren Millionen von Ferrari-Fans auf der ganzen Welt erklären, warum man diesmal nicht einmal den Hauch einer Chance hatte, obwohl man alles besser gemacht hat. Und darf nicht drüber reden.

Zum Glück blieb die Sache auch einigen Fans nicht verborgen. Spöttische KI-Bilder, die den 499P mit einem großen Auflieger zeigten, machten die Runde in den sozialen Medien, auch in den Kommentarspalten unter den offiziellen Postings der 24 Stunden von Le Mans. Die Hardcore-Fans lassen sich nicht für dumm verkaufen. Und das ist gut so. Aber sie machen eben nur einen Bruchteil des Publikums aus.

Aston Martin hat deutliche Fortschritte gemacht. Hier gilt Fillons Argument mit den 70 Prozent vielleicht noch. Da der Aston Martin Valkyrie 2025 ohnehin schon nahezu die Ideal-BoP hatte, war die Steigerung diesmal allein auf die eigene Entwicklung zurückzuführen. Aber jedes Auto tritt eben nur einmal zum ersten Mal in Le Mans an.

Und Peugeot? Vielleicht ein Opfer des eigenen Erfolgs von der Poleposition in Spa. Im Vorjahr hatte der 9X8 trotz aller bekannten Probleme die schlechteste BoP im ganzen Feld. Es fehlten gut zwei Sekunden im Durchschnitt der besten 60 Prozent aller Runden auf die schnellsten Autos. Der Rückstand 2026: Rund drei Sekunden...

Diktatorische Maßnahmen sind immer ein Zeichen der Schwäche

Man muss also festhalten: Die BoP passte bei drei von sieben betrachteten Herstellern - Debütant Genesis bereits ausgeklammert. Vier Marken waren chancenlos. Und das, obwohl Fillon noch versicherte: "Unser Ziel ist es, die Autos so auszugleichen, dass jeder die gleichen Gewinnchancen hat."

Dieses Ziel hat man auch im vierten Jahr nicht einmal zur Hälfte erreicht. Die Reaktion? Statt sich dem Diskurs mit rationalen Argumenten zu stellen, wird die Debatte gänzlich unterbunden. Die einen dürfen nicht reden, den anderen werden wichtige Informationen vorgehalten.

Autoritäre Maßnahmen sind letztlich immer ein Zeichen der Schwäche. Wer der Debatte nicht mehr mit rationalen Argumenten Herr wird, entzieht ihr einfach die Grundlage.

Der Traum, die Hypercars ähnlich den GT3-Boliden bei den 24 Stunden von Spa in ein Fenster zu bringen, in dem sechs oder sieben Marken auf Augenhöhe kämpfen, funktioniert bei den Hypercars nicht.

Wie auch? Von den GT3-Boliden fließen jedes Wochenende Gigabyte an Daten von Hunderten Rennwagen in die Datenbank der SRO ein. Die WEC-Kommission bekommt lediglich Daten von einer Handvoll Hypercars bei acht WEC- und neun IMSA-Rennen im Jahr, an denen die GTP-Klasse an den Start geht.

Bei den Hypercars gibt es ein Performance-Fenster aus Abtrieb und Luftwiderstand (siehe Grafik). Doch es ist der Versuch, ein dynamisches und dazu dreidimensionales Bild eines fahrenden Autos zweidimensional auf dem Papier darzustellen. Das ist nicht genug für die Simulationen, eine BoP zu erstellen, die so nahe an die Perfektion kommt wie die der SRO.

So sieht das Performance-Fenster für die Hypercars etwa aus; AED = Adjustable Aero Device (

So sieht das Performance-Fenster für die Hypercars etwa aus; AED = Adjustable Aero Device ("Flügelstellung")

Foto: smg/Stritzke

Doch statt offen dazu zu stehen, dass es schlicht nicht möglich ist, versucht der ACO die Debatte von vornherein abzuwürgen. Und die FIA, die einen ganzen Bereich ihrer Website Ethik und Compliance widmet, lässt sich auf dieses Spiel ein.

Also, nehmen Sie die blaue Pille. Es wird Ihnen gefallen. Alle anderen bleiben bitte draußen.

Euer

Heiko Stritzke

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