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Lotterer und Genesis: Zwischen Start-up-Mentalität und Großkonzern-Power

Andre Lotterer hat sich an eine der schwierigsten Aufgaben im Motorsport herangewagt - Wie er den Aufbau von Genesis Magma Racing von null miterlebte

Lotterer und Genesis: Zwischen Start-up-Mentalität und Großkonzern-Power

Andre Lottererhat sich bei Genesis einer völlig neuen Aufgabe gestellt

Foto: Genesis Genesis

Der Aufbau eines neuen Motorsport-Programms ist für einen Fahrer so etwas wie die Königsdisziplin im Motorsport - und oft eine undankbare Aufgabe. Häufig sind es erst die Nachfolger, die die wirklichen Früchte der harten Aufbauarbeit ernten. Dennoch ist es eine Mission, der nur wenige Fahrer charakterlich und fachlich gewachsen sind.

Andre Lotterer wurde ausgewählt, um genau diesen Prozess für das LMDh-Projekt von Genesis voranzutreiben. Für den dreimaligen Le-Mans-Sieger bedeutete der Wechsel zum Hypercar-Projekt der Hyundai-Gruppe unter dem Banner von Genesis einen Schritt in völlig unbekanntes Terrain.

In seiner bisherigen Karriere, sowohl in Europa als auch in Japan, wurde Lotterer meist in bereits perfekt geölte Maschinerien integriert. Das Genesis-Projekt, das buchstäblich mit einem weißen Blatt Papier begann, stellte den 44-Jährigen daher vor eine Herausforderung, wie er sie in über zwei Jahrzehnten Profisport noch nicht erlebt hat.

"Ich bin bisher eigentlich immer in Projekte reingekommen", reflektiert Lotterer im Gespräch mit Motorsport-Total.com. Selbst beim Formel-E-Programm mit Porsche oder der Rückkehr nach Le Mans mit dem 963 im Jahr 2023 war das Fundament ein anderes.

"Da griff man in Weissach auf ein extrem eingespieltes Team zurück. Das waren Leute vom GT-Programm oder von Manthey, die seit Jahren genau wussten, wie die Rädchen ineinandergreifen. Es war neu, aber bei weitem nicht so radikal neu wie hier."

Denn Genesis startete im Jahr 2024 wirklich bei null, mit Ausnahme der Strukturen des Teams Idec Sport, die aber noch auf LMP2-Projekte ausgelegt war. Lotterer wurde im Dezember 2024 neben Pipo Derani als Entwicklungspilot für den GMR-001 verkündet. Es war ein Kaltstart für alle Beteiligten.

Kreativität statt Routine

Diesen Prozess, ein Team fast vom Reißbrett weg aufzubauen, beschreibt Lotterer als eine der kreativsten Phasen seiner Laufbahn. Um dem Projekt die nötige Tiefe zu verleihen, traf er eine bewusste Entscheidung: Er verzichtete für die Saison 2025 auf ein fixes Renncockpit, um sich als Test- und Entwicklungsfahrer ungestört dem Aufbau des Teams und der Entwicklung des Boliden zu widmen.

Nur ein Gastspiel in der LMP2-Klasse in Le Mans ließ er sich nicht nehmen, obschon er auch hier lediglich als Ersatzfahrer einsprang. Eigentlich war Logan Sargeant bei Idec Sport geplant, bis dieser im Februar 2025 urplötzlich vom gesamten Projekt absprang und den Weg für Lotterer frei machte.

"Es ist eine ganz andere Art von Herausforderung", erklärt Lotterer. "Es macht mich stolz, so tief involviert zu sein und meinen Teil dazu beizutragen, dass aus einer Idee ein Rennteam wird. Man identifiziert sich viel stärker mit dem Ergebnis, wenn man die Früchte der eigenen Arbeit von der ersten Schraube an wachsen sieht."

Dabei war für den Routinier vor allem eine Tugend gefragt, die im Cockpit normalerweise zweitrangig ist: Geduld. "In einem gewachsenen Werksteam ist alles vorhanden. Hier musste man manchmal auf Teile warten, weil Lieferketten und Prozesse erst definiert werden mussten. Es passiert nicht alles von heute auf morgen. Man muss lernen, mit diesem Rhythmus umzugehen und gleichzeitig die menschliche Zusammenarbeit zu festigen."

Kurze Dienstwege im "Magma"-Kosmos

Obwohl der gigantische Hyundai-Konzern, einer der sogenannten "Jaebeols" in Südkorea, von außen betrachtet wie ein unbeweglicher Tanker anmuten mag, beschreibt Lotterer die Struktur innerhalb des Rennteams als erstaunlich agil. Mit Teamchef Cyril Abiteboul und Sportdirektor Gabriele Tarquini hat er Ansprechpartner, die eine Politik der offenen Tür pflegen.

"Es gibt hier keine Spielchen, keine internen Grabenkämpfe", betont Lotterer. "Das Team ist noch klein, dynamisch und ehrlich. Das ist ein riesiger Vorteil in der Entwicklungsphase."

Besonders spannend ist der direkte Draht zur Konzernspitze über Luc Donckerwolke, den Chief Creative Officer der Gruppe. Donckerwolke, der als Design-Papst hinter Marken wie Bentley oder Lamborghini stand, ist die treibende Kraft hinter der "Magma"-Performance-Linie von Genesis.

"Luc ist extrem präsent und hat den direkten Draht nach ganz oben", betont Lotterer. "Wir fühlen uns als wichtiger Teil eines neuen Kapitels. Sie lassen uns spüren, dass wir dazu auserkoren wurden, der gesamten Gruppe eine neue Dosis Adrenalin zu verpassen."

Von der LMP1-Fragilität zur Hypercar-Robustheit

Ein Punkt, der besonders fasziniert, ist die technologische Reife der aktuellen Fahrzeuggeneration. Der Vergleich zur hochkomplexen Endphase der LMP1-Hybridsysteme fällt deutlich aus: "Ich erinnere mich an mein letztes Jahr bei Audi [2016]. Das Auto war technologisch so radikal und komplex, dass die Standfestigkeit eigentlich nie wirklich gegeben war."

Damals habe man bei fast jedem Rennen und jedem Test mit Systemausfällen gekämpft. Letztlich ging die LMP1-Klasse an den enormen Kosten dieser Herangehensweise am absoluten Limit zugrunde.

Heute sieht die Realität anders aus. "Die Hypercars sind vom ersten Roll-out weg erstaunlich zuverlässig. Die Technik ist zwar immer noch High-End, aber im Vergleich etwas simpler und robuster ausgelegt."

Das erlaubt dem Team, bei den Testfahrten ein Pensum abzuspulen, das in der LMP1-Ära undenkbar gewesen wäre. Während LMP1-Boliden oft zwei Jahre Vorlauf brauchten, debütierten die meisten LMDh-Fahrzeuge mit lediglich einem Jahr Vorbereitung. Auch der GMR-001 hatte vom Rollout bis zum geplanten ersten Renneinsatz lediglich siebeneinhalb Monate gehabt. Wegen der Katar-Absage sind es nun achteinhalb.

Tarquini als Ruhepol an der Boxenmauer

Für die menschliche Komponente sorgt künftig auch Gabriele Tarquini. Die italienische Tourenwagen-Legende und Lotterer sind charakterlich ähnlich und hatten parallel laufende Karrieren, fuhren aber nie gegeneinander. Der gegenseitige Respekt ist dennoch groß.

"Wir sind nie gegeneinander gefahren, aber es ist klasse, ihn im Team zu haben", so Lotterer. Tarquinis Rolle werde vor allem an den Rennwochenenden zum Tragen kommen. "Er hat diese unglaubliche Erfahrung und versteht die Psyche eines Fahrers perfekt. Er ist das Bindeglied, das uns die nötige Ruhe geben wird, wenn es im ersten Rennen in Katar ernst wird. Und er hat richtig coole Storys auf Lager."

Mit dieser Mischung aus technischer Akribie und einer gesunden Portion Aufbruchstimmung geht Lotterer mit Genesis in die neue Saison - bereit, die ersten Früchte einer Arbeit zu ernten, die weit vor der ersten grünen Flagge begonnen hat.

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