Rekordfahrt des Porsche 919 Evo: "Das war kein Kinderspiel!"

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Rekordfahrt des Porsche 919 Evo:
Autor: Roman Wittemeier
03.07.2018, 11:32

Timo Bernhard über seinen Rundenrekord auf der Nordschleife: "Ups, das war verdammt schnell" - Teamchef Andreas Seidl: "Plötzlich kamen die Ingenieure mit einer Idee ..."

In 5:19.546 Minuten hat Timo Bernhard im Porsche 919 Hybrid Evo den 35 Jahre alten Rundenrekord von Stefan Bellof (6:11.13 Minuten) auf der Nordschleife gebrochen. Der Saarpfälzer benötigte am vergangenen Freitag gerade einmal drei Versuche bei verhältnismäßig kühlen Bedingungen am Morgen, um sich in vermutlich für lange Zeit in den Büchern der Rekorde einen Platz zu sichern. Die Rekordfahrt im Rahmen der 919-Trobute-Tour war - ebenso wie jene in Spa von Neel Jani - ursprünglich nicht geplant gewesen.

"Eigentlich wollten wir im Rahmen der 919-Tribute-Tour nur Demoruns machen, zum Beispiel beim 24-Stunden-Rennen oder in einigen Städten. Aber dann kam unser Chef-Renningenieur Stephen Mitas um die Ecke mit der Idee, ein oder zwei Rekordfahrten zu machen", schildert Teamchef Andreas Seidl im Gespräch mit Motorsport.com, wie es zu den ultraschnellen Fahrten in den Ardennen und in der Eifel überhaupt kam.

Porsche 919: Timo Bernhard with the record time board

Porsche 919: Timo Bernhard with the record time board

Foto: Porsche

"Ich bin Porsche-verrückt und kenne die Geschichte der Marke bestens. Ich erinnerte mich, dass Penske früher mal einen 917 genommen und modifiziert hat, um Temporekorde zu fahren. Das war das Vorbild", erinnert sich Stephen Mitas an den Ursprung seiner Idee. Porsche modifizierte den LMP1 aus der WEC in intensiver Arbeit über rund ein halbes Jahr. Man machte Simulationen, trennte sich von Reglementvorgaben und leistete viel Feinarbeit. Das Ergebnis: 1.160 PS Systemleistung, mehr Abtrieb als ein Formel-1-Auto.

Sicherheit geht vor: Da sitzt ein Mensch im Auto

"Es war klasse, aber auch sehr anstrengend. Ich war die ganze Zeit komplett fokussiert, habe es wie ein Qualifying gesehen. Das Auto ist derart schnell, dass man extrem aufmerksam sein muss. Auf der Norschleife gibt es null Raum für Fehler", berichtet Timo Bernhard nach seiner Runde. "In mir ist neben Stolz auch Erleichterung", sagt Seidl, "weil man natürlich immer im Kopf hat, was vielleicht auch schiefgehen kann. Sicherheit hatte absolut höchste Priorität. Da sitzt ein Mensch im Auto, das vergessen wir niemals."

Porsche 919: Timo Bernhard

Porsche 919: Timo Bernhard

Foto: Porsche

"Es waren schon Situationen dabei, wo ich dachte: 'Ups, das war verdammt schnell!'", schmunzelt Timo Bernhard. Ein Ritt auf der Rasierklinge, eine himmlische Fahrt durch die grüne Hölle. "In der letzten Runde sah ich auf der Döttinger Höhe im Display, dass ich vier Sekunden schneller bin als auf der 5:24er-Runde. Da habe ich nochmal alles gegeben, weil ich unbedingt unter 5:20 Minuten fahren wollte. Klingt einfach besser!"

"Das war keinesfalls ein Kinderspiel. Es ist die schwierigste Strecke der Welt. Diese in einem solch schnellen Auto am Limit zu meistern, ist nicht ganz ohne", berichtet der zweimalige Sieger der 24 Stunden von Le Mans. 5:19.546 Minuten - eine optimale Runde. Sauber, am Limit und ultraschnell. Aber: "Zehn Runden mehr und ich hätte bestimmt noch hier oder dort etwas Zeit gefunden", lacht Timo Bernhard. "Aber darum ging es nicht."

Entwicklung des Porsche 919 Evo haben Sponsoren bezahlt

"Mit noch mehr Zeit und noch mehr Entwicklung, könnte man aus dem Paket noch mehr herausholen. Für ist aber klar, dass mit der Rekordfahrt auf der Nordschleife jetzt alles gemacht ist. Das war es. Jetzt fahren wir Demos in Goodwood, Laguna Seca und ein paar Städten", sagt Team- und Technikchef Seidl. Einen interessanten Punkt fügt er an: "Das Projekt 919 Evo - also dessen Entwicklung - ist komplett über Sponsoren finanziert. Man kann unseren Partnern und auch Michelin nur danken."

"Ich war anfangs etwas skeptisch, als die Ingenieure mit dieser Idee zu mir gekommen sind. Die haben Rundenzeiten genannt, die sie anvisieren. Aber gut", schmunzelt Seidl. "Wir haben uns dann scharfe Ziele bei der Entwicklung des 919 Evo gesetzt. Diesmal hat uns nicht das Reglement die Grenzen gesetzt, sondern der Rahmen war von Budget und Zeit gesteckt. Wir wollten eine Zeit von unter sechs Minuten anpeilen - und haben alle Ziele erreicht."

"Mit ging es nicht darum, Stefan Bellof einen Rekord wegzunehmen", erklärt Bernhard. "Im Gegenteil: Ich wollte vielmehr auf diese Art an seine unglaubliche Leistung vor 35 Jahren erinnern. Man darf nie vergessen, dass er damals mit einem Auto gefahren ist, das bei Weitem nicht auf dem Stand von heute war - und außerdem war er im Wettbewerb mit anderen Autos auf der Strecke. Damals eine solche Runde zu fahren, war einfach unfassbar gut."

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Urheber Roman Wittemeier