Timo Bernhard und der Porsche 919 Hybrid: "War von A bis Z dabei"

Mit dem 6-Stunden-Rennen von Bahrain 2017 ist die Ära des Porsche 919 Hybrid in der Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) zu Ende gegangen. Das erfolgreiche Projekt brachte der Rennabteilung in Weissach viele große Pokale ein.

Die beste Bilanz beim Klassiker in Le Mans hat Earl Bamber vorzuweisen: zwei Starts, zwei Siege. Dennoch ist es ein anderer Pilot, der für das Projekt 919 steht wie kein anderer: Timo Bernhard. Der Le-Mans-Sieger 2017 blickt im Interview zurück auf seine LMP1-Zeit mit Porsche.

Frage: "Timo, du warst der erste Fahrer im LMP1-Programm von Porsche und du warst der letzte Werkspilot, der den 919 beim Rookietest nach dem Saisonfinale in Bahrain in einer offiziellen WEC-Session bewegt hat. Was bleibt bei dir aus der LMP1-Zeit hängen?"
Timo Bernhard: "Stolz. Dieses eine Wort bringt alles auf den Punkt. 2011 ging es mit Komponententests im RS Spyder los, dann folgten 2012 Dinge wie Bauen einer Sitzkiste, Lenkradauslegung, Knopfanordnung, generelle Ergonomie im Cockpit und so weiter. Da bekommt man als Fahrer einen ganz neuen Blick auf das Gesamte."

"Das beinhaltet solche Sachen wie beispielsweise die optimale Sitzposition - und zwar dann eben nicht nur für den Fahrer, sondern auch in puncto Crashsicherheit oder Gurtauslegung. Auf dem Weg zu den ersten Tests mit dem 919 im Jahr 2013 ist so vieles passiert, was man im Nachhinein als unglaublich lehrreich empfindet. Das hat mich als Fahrer definitiv vorangebracht und irgendwie kompletter gemacht."

 

Genuss bis zur letzten Rennrunde in Bahrain

"Man fährt die ersten Tests 2013, arbeitet sich durch erhebliche Probleme. Dann die erste Rennsaison 2014 mit vielen neuen Eindrücken und Erkenntnissen. Auf dem weiteren Weg zweimal Weltmeister und der Le-Mans-Sieg 2016 - dann spannt sich der Bogen bis zu den allerletzten Wettbewerbsrunden des 919. Unser Renningenieur Kyle funkte tatsächlich: 'Du fährst jetzt die letzte offizielle Rennrunde im 919 Hybrid'. Da wurde mir so richtig bewusst, dass ich dieses Projekt von A bis Z komplett erlebt habe."

"Mir als Fahrer ist vollkommen klar, dass dies der Höhepunkt meiner Karriere war. Es ist mir völlig bewusst, dass man so etwas nur ein einziges Mal in seiner Laufbahn erlebt. Das sind wirklich starke Emotionen. Wenn dann am Ende aufgrund der großen Erfolge das Wort Stolz unter allem steht, ist es natürlich perfekt."

Frage: "Auf euren T-Shirts zum Abschied war der 919 mit Modellen wie 917 und 962 in einer Reihe. 'Eine neue Legende ist geboren' stand darunter. Ist der 919 tatsächlich in dieser Riege?"
Bernhard: "Klar sehe ich das so. Aber ich bin da auch nicht ganz objektiv, weil ich vom Anfang bis zum Ende ein Teil des Programms war. Das Fahrzeug 919 Hybrid hat sich aus meiner Sicht den Titel Legende verdient. Wir haben nicht nur Porsche auf die große Bühne zurückgebracht, sondern perfekt an die Erfolge aus den frühen Jahren angeknüpft. Die Erwartungen waren mega hoch, wir haben sie erfüllt."

 

Le Mans 2014: Die tröstenden Worte von Wolfgang Porsche

Frage: "Du bist seit fast 20 Jahren Porsche-Werksfahrer, stehst für die Marke im Motorsport wie kaum ein anderer. Wie war dann das Gefühl, 2014 ins Fahrerlager von Le Mans zu kommen?"
Bernhard: "Ein Mix aus Spaß, Spannung, Druck, Vorfreude und Erwartungen. 2014 war so besonders, da fühlte man sich wirklich wie unter einem Mikroskop. Es war der erste Le-Mans-Auftritt in der Topklasse seit 16 Jahren. Der Erwartungsdruck war enorm. Das gehört aber im Motorsport dazu. Jeder Fahrer geht anders damit um. Egal wie, man muss es in den Griff bekommen. Da reift man als Fahrer enorm."

"Ich habe viele Jahre sehr, sehr großen Aufwand betrieben, mich immer weiter zu verbessern. Mir war klar, dass ein solches Projekt nur ein einziges Mal im Leben kommt. Ich habe immer die Chance gesehen, dass ich mir meine Träume auf diesem Weg erfüllen kann. Das hat geklappt. Le-Mans-Sieg und zwei WM-Titel. Das ist doch der Hammer!"

Frage: "Was war für dich der emotionalste Moment abgesehen von deinem Le-Mans-Sieg 2016?"
Bernhard: "Das war Le Mans 2014. Wir lagen auf Podestkurs, dann der Motorschaden. Da bin ich runter in die Box gegangen, da stand das Auto abgedeckt. Das hat mich sehr berührt und getroffen, das war hoch emotional. Ich habe mich bei allen Leuten nochmal bedankt. Da steckte so viel Arbeit in diesem Projekt und dann so etwas."

"Für mich persönlich war das auch deswegen besonders, weil es nach meinem Sebring-Unfall das erste richtig große Rennen wieder war. LMP1 in Le Mans und das mit Porsche, da spielte so vieles hinein. Dr. Wolfgang Porsche stand in der Box. Ich ging zu ihm und sagte: 'Sorry, dass wir bei der Rückkehr keinen Erfolg hatten'. Da nahm er mich in den Arm und meinte: 'Ihr habt den Porsche-Spirit würdig vertreten. Ihr habt gekämpft. Das ist am wichtigsten'. Das war für mich ein Gänsehaut-Moment."

 

#2 Porsche Team Porsche 919 Hybrid: Timo Bernhard, Earl Bamber, Brendon Hartley, #1 Porsche Team Porsche 919 Hybrid: Neel Jani, Andre Lotterer, Nick Tandy
#2 Porsche Team Porsche 919 Hybrid: Timo Bernhard, Earl Bamber, Brendon Hartley, #1 Porsche Team Porsche 919 Hybrid: Neel Jani, Andre Lotterer, Nick Tandy

Foto Porsche AG

Bahrain 2015: Die WM-Zitterpartie mit Zangen und Klebeband

Frage: "Die Person Wolfgang Porsche spielt ohnehin eine große Rolle, ist mein Eindruck. Im Gegensatz zu vielen anderen Herstellern gibt es hier eine Marke, die ein Gesicht hat: Ein Mann, der den Namen Porsche trägt. Wie wichtig ist es, dass es jemanden gibt, der diese gesamte Tradition in sich und seinem Namen trägt?"
Bernhard: "Er war sehr oft bei den Rennen vor Ort. Er hat damit völlig klar gezeigt, welchen Stellenwert das LMP1-Programm im gesamten Unternehmen hatte. Das ist etwas ganz Besonderes. Man merkt den Rückhalt - einmalig. Man kann wirklich von der Porsche-Familie sprechen. Ich bin im 19. Jahr als Porsche-Werksfahrer und fühle mich als Teil des Ganzen."

 

Frage: "Bei eurem Titelgewinn 2015 gab es das große Zittern beim Finale in Bahrain, als sich die Drosselklappen-Steller verabschiedeten. Wie hast du das damals erlebt?"
Bernhard: "Das war etwas, das man so schnell nicht vergisst. Wir hatten einen Punktevorsprung auf Audi und mussten eigentlich 'nur' Vierter werden. Unser Auto war schnell, wir haben das Rennen angeführt. Alles lief nach Plan - dann nahm der Motor urplötzlich kein Gas mehr an. Mit Ach und Krach kamen wir zurück zur Box."

"Die Story war unglaublich. Einen solchen Defekt hatten wir zuvor mal in einem Freien Training am Schwesterauto gehabt. Die Mechaniker haben sich sofort wieder daran erinnert und hatten eine witzige Lösung parat. Mit Zange und Panzerband wurde die Drosselklappe auf maximale Öffnung gehalten. Dann ging noch die zweite Drosselklappe flöten - wieder das gleiche. Das Gas konnte dann nur noch elektronisch gesteuert werden, weil eigentlich mechanisch gesehen dauerhaft Vollgas anlag."

"In einem solchen Moment - es war mitten im entscheidenden letzten Saisonrennen - hast du keine Zeit für lange Analysen. Da müssen Lösungen her - und die waren da. Beide Crews haben dann perfekt zusammengearbeitet. Das hat uns den WM-Titel gesichert. Es war ein perfektes Beispiel für Teamwork. Nur durch diese geniale Zusammenarbeit sind wir ins Ziel gekommen und haben die Punkte für den Titel geholt. Diese Zitterpartie werde ich niemals vergessen."

Zukunft bei Porsche: Le-Mans-Rückkehr im 911 RSR?

Frage: "Was machst du im kommenden Jahr?"
Bernhard: "Ich werde weiter Rennen fahren, ganz klar mit Porsche. Weil es das LMP1-Programm nicht mehr gibt, wird es etwas im GT-Bereich sein. Die Frage ist halt noch, welches Programm ich absolvieren werde und welche Rennen. Man wird mich bestimmt noch in der WEC sehen. Die Serie ist klasse, Le Mans ist mega. Schauen wir mal. Geplant ist zudem, dass ich meinem eigenen Team mehr Zeit widme. Ich will das Thema weiter voranbringen."

Frage: "Es ist gut möglich, dass Porsche 2018 in Le Mans mit vier 911 RSR startet - so der ACO die Nennungen annimmt. Dann wäre sicher ein Platz für dich reserviert, oder?"
Bernhard: "Kann gut sein, aber das müssen wir halt noch abwarten. Es mag dann zwar nicht um den Gesamtsieg gehen, aber das Niveau in der GTE-Pro-Kategorie ist genial hoch. Diese hart umkämpfte Klasse würde mich natürlich reizen, gar keine Frage."

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