Kolumne von WEC-Pilot Timo Bernhard: Wieder Weltmeister!

In seiner neuen Kolumne für Motorsport.com schreibt Porsche-Pilot Timo Bernhard über seinen zweiten WM-Titelgewinn in der Langstrecken-WM (WEC) 2017.

In Schanghai beide WM-Titel geholt zu haben, ist Wahnsinn. Ich bin ungeheuer stolz auf das Porsche-LMP-Team und meine Fahrerkollegen. Wenngleich, das habe ich auch im Hinterkopf, wir jetzt auch noch zu dritt im Finale punkten müssen, damit der Fahrertitel wirklich Brendon, Earl und mir gemeinsam gehört. Theoretisch würde ja einer in der Wertung zurückfallen, wenn er in Bahrain nicht mitfahren könnte. Es gibt überhaupt keinen Grund, warum das passieren sollte, aber rechnerisch ist das eben so.

Ich empfinde es als große Ehre, bei diesem so extrem erfolgreichen Programm von Porsche von Anfang an dabei gewesen zu sein. Ich bin ja schon 2013 den Rollout in Weissach mit dem allerersten Testträger gefahren. Danach folgte eine schwierige Test- und Entwicklungsphase, die uns als Team richtig zusammengeschweißt hat. Dass wir dann drei Le-Mans-Siege und sechs WM-Titel geholt haben, ist kaum in Worte zu fassen. Mega! Ich glaube, das wird gefühlsmäßig erst nach dem letzten Rennen alles so richtig bei mir ankommen. Da wird dann auch viel Wehmut mitschwingen …

Das "kleine Finale" der WEC in Schanghai

Das zurückliegende Rennwochenende war nicht einfach. Nach dem Lauf in Fuji war Schanghai für uns das zweite, an dem wir uns von der Performance her etwas schwer taten. Toyota war wirklich richtig stark und der verdiente Sieger, da kann ich nur gratulieren. Dass unsere Truppe trotz dieser Situation und trotz des hohen Drucks im Titelkampf die Nerven behalten und fokussiert gearbeitet hat, verdient großen Respekt.

Die Langstrecke ist eben ein Mannschaftssport. Einer für alle und alle für einen. Insofern war es auch besonders schön, dass wir auch gleich am selben Tag neben dem Fahrertitel auch noch die Hersteller-WM gewonnen haben. Denn so hatte wirklich jeder einen Grund zum Feiern. Das haben wir dann auch noch gemacht!

Ich bin recht positiv gestimmt nach Schanghai gefahren. Auch weil ich annahm, dass die Strecke dem Porsche 919 Hybrid eher liegt als Fuji. In Schanghai hat mir schon immer gefallen, dass der Kurs viele verschiedene Elemente bietet; beispielsweise die lange Gegengerade und den bezüglich der Fahrtechnik sehr anspruchsvollen Mittelsektor. Gute Erinnerungen hatten wir natürlich auch: Denn wir haben dort 2015 und 2016 jeweils gewonnen und den Herstellertitel für Porsche geholt.

Diesmal zeichnete sich schon am Freitag ab, dass es eng zugehen würde. Kurios war auch: Das Training begann aufgrund von Funk-Kommunikationsproblemen der Rennleitung mit dem Streckenpersonal mit anderthalb Stunden Verspätung. Aber dann konnten wir unser geplantes Programm problemlos abspulen, verschiedenen Fahrzeugabstimmungen und Reifenmischungen testen und Qualifying-Simulationen durchführen.

Keine Chance gegen Toyota

Samstag bin ich gar nicht gefahren. Earl und Brendon waren diesmal im Qualifying an der Reihe und haben deshalb auch das komplette dritte Training zur Vorbereitung genutzt. Brendon hatte im Qualifying eine sehr gute zweite Runde. Für Earl lief es dann leider nicht so gut. Er hat sich bei einem Dreher den Reifensatz ruiniert. Das mündete schließlich in einen Plattfuß, und der Reifensatz hat uns dann auch im Rennen gefehlt. Aber so etwas passiert eben. Insgesamt ist unsere Fehlerquote ja nun wirklich minimal. Jedenfalls war deshalb nur Startplatz vier für uns drin.

Earl fuhr am Sonntag den Start und den ersten Doppelstint. Er konnte sich kurzfristig auf Position drei verbessern, musste dann aber den schnelleren Nummer-8-Toyota ziehen lassen. Als unser Schwesterauto dann ein technisches Problem hatte, rückte Earl wieder auf Platz drei vor, bevor er das Auto an Brendon übergab.

Nach Gelbphase gab es dann eine brenzlige Situation, als Brendon beinahe von einem LMP2 von der Strecke geschoben wurde. Es gab zwar Kontakt, zum Glück blieb der aber ohne schwere Folgen.

Der verschleißintensive Asphalt auf dem chinesischen Formel-1-Kurs spielte während des Rennens auch eine große Rolle. Abseits der Ideallinie lag alles voller Reifenabrieb. Bei einem Stopp haben wir sogar die Fronthaube getauscht, weil sich darin so viel Gummiabrieb gesammelt hatte, dass die Balance nicht mehr passte.

Kurz bevor ich an die Reihe kam, wurden wir vom führenden Nummer-8-Toyota überrundet. Mein Stint war gut, aber er stand natürlich unter der Prämisse, dass uns Platz drei zum Titelgewinn reichte. Ich hätte noch zulegen können, aber wir wollten nichts riskieren. Wir haben sogar etwas Tempo herausgenommen, um das Auto sicher über die Distanz zu bringen. Um Toyota ärgern zu können, hat uns ohnehin das letzte Bisschen gefehlt. Das Auto hielt durch, und die Crew hat wieder einen sensationellen Job abgeliefert, Hut ab dafür!

Jetzt geht es zum Saisonfinale nach Bahrain – mit einem lachenden und einem weinenden Auge, denn es wird unser letzter Renneinsatz mit dem Porsche 919 Hybrid. Wir wollen gemeinsam für einen würdigen Abschluss einer herausragenden Ära sorgen.

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Über diesen Artikel
Rennserien WEC
Veranstaltung 6h Schanghai
Rennstrecke Shanghai International Circuit
Fahrer Timo Bernhard
Teams Porsche Team
Artikelsorte Kolumne
Tags porsche 919 hybrid, weltmeister