WEC Silverstone: Sieg für Audi, Crash für Porsche, Podest für Toyota

Fässler/Lotterer/Treluyer gewinnen den dramatischen WEC-Saisonauftakt in Silverstone – Porsche-Pilot Hartley crasht beim Überrunden – Ferrari dominiert GTE-Klassen.

Marcel Fässler, Andre Lotterer und Benoit Treluyer haben für Audi die 6 Stunden von Silverstone, den Saisonauftakt der Langstrecken-WM (WEC), für sich entschieden. Platz zwei ging an Romain Dumas, Neel Jani und Marc Lieb (Porsche). Das Podium komplett machten Stephane Sarrazin, Mike Conway und Kamui Kobayashi (Toyota).

Fotogalerie: 6 Stunden von Silverstone

Es waren sechs aufregende Rennstunden, die den 52.000 Zuschauern an der britischen Grand-Prix-Strecke geboten wurden. Beim Start ging Polesitter Lotterer direkt in Führung, gefolgt von Audi-Markenkollege Oliver Jarvis im zweiten der neuen R18 e-tron quattro.

Der Held des ersten Stints aber war Mark Webber. Am Steuer des Porsche 919 Hybrid mit der Startnummer 1 arbeitete sich der Australier vom Platz drei kommend nach vorn. Nach einer halben Stunde übernahm Webber im Überrundungsverkehr die Führung von Lotterer.

Nachdem Treluyer das Steuer des #7 Audi von Lotterer übernommen hatte, übertrieb es der Franzose prompt: Dreher beim Versuch, kurz zuvor an der Box verlorene Sekunden wieder aufzuholen. "Ich wollte einfach zu viel. Dabei ist mir das Heck weggerutscht", so Treluyer.

Heftiger Crash von Porsche-Pilot Hartley

Davon unbeeindruckt lag der #1 Porsche auch nach dem Fahrerwechsel von Mark Webber auf Brendon Hartley in Führung. Kurz nach der 3-Stunden-Marke die große Schrecksekunde: Beim Überrunden des Gulf-Porsche von Michael Wainwright aus der GTE-Am-Klasse verschätzte sich Spitzenreiter Hartley. Für den LMP1-Porsche endete die Kollision nur mit viel Glück nicht in einem Überschlag. Als die beiden Fahrzeuge im Kiesbett zum Stillstand gekommen waren, waren Enttäuschung und Erleichterung gleichermaßen groß.

"Es tut mir leid für das Team. Das Auto war unglaublich gut und Mark fuhr einen verdammt starken ersten Stint", so Hartley, der sich bezüglich der Kollision mit Wainwright keiner Schuld bewusst ist: "Als ich ein GT-Auto auf der Außenbahn überholen wollte, was an dieser Stelle eigentlich normal ist, hat mich der Fahrer nicht gesehen. Ich möchte niemandem die Schuld geben. Es war ein schockierender Moment und ist wirklich schade."

Die Sichtweise des GTE-Am-Piloten Wainwright ist freilich eine andere: "Ich war nur Passagier. Ich wusste überhaupt nicht, dass er neben mir war, bis es zu spät war. Ich glaube, er wollte an mir vorbeiziehen und für die nächste Kurve wieder die Ideallinie nehmen. Leider wurde mir vom schnelleren Auto einfach nicht genug Platz gelassen. Das kann man auf den TV-Bildern sehr gut erkennen. Es war ein sehr unglücklicher Unfall, der sich ganz sicher hätte vermeiden lassen. Meine Schuld war es ganz sicher nicht."

Audi bezwingt Porsche

Damit nicht genug der Dramen im LMP1-Feld: Unmittelbar nach dem Hartley-Crash streikte am #8 Audi von Lucas di Grassi, Loic Duval und Oliver Jarvis das Hybridsystem. Somit waren nach einem Drittel der Distanz bereits zwei der sechs Werksautos draußen. Den Kampf um den Sieg machten anschließend die im Rennen verbliebenen Crews von Audi und Porsche unter sich aus. Dabei sorgten vor allem die engen Rad-an-Rad-Duelle von Benoit Treluyer (Audi) und Marc Lieb (Porsche) für Unterhaltung.

Kurz vor der 5-Stunden-Marke ein Rückschlag für den #2 Porsche von Dumas/Jani/Lieb. Dumas kollidierte in Club Corner auf Rang zwei liegend mit dem Ford GT von Marino Franchitti und wurde von diesem in einen Dreher geschickt. "Ich weiß nicht, welche Linie Dumas von mir erwartete. Es war ein dummer Fehler seinerseits, denn ich war ebenfalls in ein Duell verstrickt", so der Ford-Pilot.

Nach der letzten Runde der Fahrerwechsel waren es Marcel Fässler und Neel Jani, die das Rennen zu Ende brachten. Den Ausschlag dafür, dass der Audi-Pilot mit 46 Sekunden Vorsprung letztlich deutlich gewann, gaben zwei späte Zusatzstopps von Jani. 50 Minuten vor Schluss war ein Platten vorn rechts der Grund, zehn Minuten vor Schluss musste der Schweizer eine letzte Ladung Benzin für den 919 Hybrid abholen.

Toyota auf dem Podest

Durch die Ausfälle je eines Porsche und eines Audi erbte Toyota beim Debüt des TS050 Hybrid einen Podestplatz. Der Rückstand betrug eine Runde, doch diese fingen sich Sarrazin/Conway/Kobayashi erst kurz vor Schluss ein. Angesichts der Tatsache, dass der TS050 laut Toyota-Berater Alexander Wurz "viel zu wenig Abtrieb" für Silverstone entwickelt, ein versöhnliches Abschneiden.

Ergebnisübersicht: 6 Stunden von Silverstone

Der zweite Toyota (Davidson/Buemi/Nakajima) schloss nach einem Reifenschaden, den sich Nakajima beim Überrunden eingefangen hatte, hinter den drei privaten LMP1-Autos von Rebellion beziehungsweise ByKolles ab.

LMP2: Sieg beim Debüt für RGR Sport by Morand

Die LMP2-Klasse wurde von einem Team gewonnen, das zum ersten Mal in der WEC antrat: RGR Sport by Morand. Ricardo Gonzalez, Filipe Albuquerque und Bruno Senna brachten den Ligier JS P2 mit 32 Sekunden Vorsprung auf die Zweitplatzierten ins Ziel. Für Senna gab es damit beim WEC-Comeback prompt Siegerchampagner.

Ryan Dalziel, Luis Felipe "Pipo" Derani und Christopher Cumming schlossen für Extreme Speed Motorsports (ESM) nach anfänglicher Führung auf dem zweiten Platz der LMP2-Klasse ab. Das Podium komplett machte G-Drive mit Roman Rusinov, Nathanael Berthon und Rene Rast.

Neben dem siegreichen Team RGR Sport by Morand gab auch Manor sein WEC-Debüt. Das besser platzierte Auto dieses Teams wurde in Händen von Rao/Bradley/Merhi auf Platz sechs ins Ziel gebracht. Der zweite Oreca der Manor-Truppe (Graves/Stevens/Jakes) sah die Zielflagge nicht.

Ferrari-Dominanz in den GTE-Klassen

Der erste Sieg des Jahres in der GTE-Pro-Klasse ging in überzeugender Manier an Ferrari. Davide Rigon und Sam Bird hatten beim WEC-Debüt des 488 von AF Corse eine Runde Vorsprung auf die Konkurrenz. Den zweiten Platz fuhren Gianmaria Bruni und James Calado im zweiten Ferrari 488 von AF Corse ein – und das trotz Start vom Ende des Feldes (keine Qualifying-Zeit) und einer 3-Minuten-Strafe (Motorwechsel vor dem Rennen).

Platz drei in der GTE-Pro-Klasse ging trotz eines bislang schwierigen Wochenendes an Aston Martin. Nicki Thiim, Marco Sörensen und Darren Turner zeigten am Steuer des Vantage V8 mit der Startnummer 95 ein tadelloses Rennen. Thiim feierte damit seinen 27. Geburtstag auf dem Podest. Am zweiten Aston Martin (Startnummer 97 mit Richie Stanaway und Fernando Rees am Steuer) verreckte 25 Minuten vor Schluss auf Platz vier liegend der Motor.

Somit erbte Ford beim WEC-Debüt des neuen GT den vierten Platz. Mit einer Runde Rückstand auf den drittplatzierten Aston Martin verpassten Franchitti/Priaulx/Tincknell einen Podestplatz aber recht deutlich. Johnson/Mücke/Pla brachten den zweiten Ford GT auf Platz fünf nach Hause. Der einzige Porsche im GTE-Pro-Feld, der 911 RSR von Dempsey-Proton Racing mit Richard Lietz und Michael Christensen am Steuer, fiel mit einem Schaden an der Radaufhängung früh zurück und hatte unterm Strich 40 Runden Rückstand.

Die Ferrari-Dominanz machte sich nicht nur in der GTE-Pro-Klasse bemerkbar. Mit Perrodo/Collard/Aguas im Cockpit des bewährten 458 Italia von AF Corse gewann der italienische Hersteller auch die GTE-Am-Klasse.

Das zweite Rennen im WEC-Kalender 2016 steigt am Samstag, den 7. Mai, in Spa-Francorchamps.

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Über diesen Artikel
Rennserien WEC
Veranstaltung Silverstone
Rennstrecke Silverstone Circuit
Fahrer Andre Lotterer , Marcel Fässler , Benoit Tréluyer
Teams Team Joest
Artikelsorte Rennbericht