Wie die brillante Toyota-Strategie im ersten Stint in Le Mans geplant wurde
Toyota-Technikchef David Floury erläutert die Strategie zum Le-Mans-Sieg 2026 im Detail, zieht Vergleiche zu den Vorjahren und erklärt, was ihn am meisten freut
Mit dem für 2026 neuen TR010 Hybrid fuhr Toyota bei den 24h Le Mans auf P1 und P3
Foto: Rainier Ehrhardt
Die 24 Stunden von Le Mans boten am vergangenen Wochenende über weite Strecken des Rennens einen spannenden Kampf dreier Hersteller an der Spitze der Hypercar-Klasse. Toyota, BMW und Cadillac waren der Konkurrenz einen Schritt voraus und waren bei der diesjährigen Auflage des WEC-Saisonhighlights die einzigen mit realistischen Siegchancen.
Am Ende setzten sich Mike Conway, Kamui Kobayashi, Nyck de Vries im Toyota TR010 Hybrid mit der Startnummer 7 durch. Sie haben Le Mans 2026 mit zehn Sekunden Vorsprung auf das BMW-Trio Robin Frijns, Rene Rast, Sheldon van der Linde gewonnen. Im zweiten Toyota (Startnummer 8) kamen Sebastien Buemi, Brendon Hartley, Ryo Hirakawa mit 20 Sekunden Rückstand auf ihre siegreichen Teamkollegen auf dem dritten Platz ins Ziel.
Gestartet waren die beiden Toyota nur von den Positionen 14 und 15. Dass man nach Ablauf der 24-stündigen Renndistanz trotzdem beide Fahrzeuge auf dem Podium hatte, wobei das zwischenzeitlich schlechter platzierte Auto am Ende sogar gewonnen hat, das lag nicht zuletzt an einer brillanten Strategie direkt in der Anfangsphase.
Der wichtige erste Stint im Rennen
Denn im ersten Stint ging Toyota mit beiden Autos "off sequence", sprich auf eine abweichende Boxenstoppstrategie. Indem man den ersten Boxenstopp vier respektive fünf Runden früher einlegte als die Konkurrenz, sicherte sich Toyota wichtige "Track Position". Dank dieses strategischen Schachzugs mussten sich die beiden in Köln vorbereiteten TR010 Hybrid nicht in mühsamen Zweikämpfen ihren Weg durch das Feld bahnen, sondern hatte weitestgehend freie Fahrt.
Im Toyota #8 fuhr Buemi einige extrem schnelle Runden. So wurde der Nachteil, der durch den abweichenden Boxenstopp-Rhythmus entstanden war, schnell wieder kompensiert. Die Datenanalyse der 24h Le Mans 2026 zeigt, dass der Toyota #8 in der Tat das schnellste Auto im Rennen war. Gewonnen hat am Ende trotzdem das Schwesterauto.

Conway, Kobayashi, de Vries im Toyota #7: Nicht die Schnellsten, aber die Sieger
Foto: Rainier Ehrhardt
Der siegreiche Toyota #7 war n der zweiten Stunde aufgrund eines schleichenden Plattens zwar vorübergehend ins Mittelfeld zurückgefallen. Aber in der Nacht sorgte die erste Safety-Car-Phase (Abflug des AF-Corse-Ferrari #54 aus der LMGT3-Klasse in den Esses) dafür, dass Conway/Kobayashi/de Vries wieder in Schlagdistanz zur Spitze kamen.
In der Schlussphase des Rennens am Sonntagnachmittag, als die Lufttemperatur wie schon am Samstagnachmittag wieder knapp unterhalb von 30 Grad Celsius lag, waren die beiden Toyota TR010 Hybrid etwas stärker als der BMW M Hybrid V8 von Frijns/Rast/S. van der Linde und der Cadillac V-Series.R von Deletraz/Stevens/Nato, der auf dem vierten Platz ins Ziel kam.
Strategie oder Pace: Was war entscheidend?
Hat Toyota die 24h Le Mans 2026 letztlich über die Strategie gewonnen oder über die reine Pace? Auf diese Frage antwortet Toyota-Technikchef David Floury: "Um ehrlich zu sein glaube ich, es war eine Kombination aus beidem. Bezüglich der Strategie haben wir ein paar sehr gute Entscheidungen getroffen. Und zu gewissen Phasen des Rennens war auch unsere Pace sehr stark."
"Es gab aber auch Phasen, in denen BMW stark war und Phasen, in denen Cadillac stark war. Es war also nicht so, dass ein Hersteller das gesamte Rennen dominiert hätte. Abhängig von den Streckenbedingungen und von den Reifen konnten wir sehen, dass mal der eine, mal der andere stärker war", so Floury.
Die Strategie, gleich im ersten Stint "off sequence" zur Konkurrenz gehen, die wurde laut dem Toyota-Technikchef gemeinsam mit den Fahrern geplant, als man sich die schwierige Ausgangslage für das Rennen vor Augen führte.
Wie die clevere Strategie geplant wurde
"Da wir in der Startaufstellung so weit hinten standen, haben wir uns zusammengesetzt. Und da wir in puncto Topspeed einen ziemlich großen Nachteil gegenüber unseren Wettbewerbern hatten, war uns klar, dass es nicht einfach werden würde, nach vorne zu fahren. Deshalb mussten wir kreativ sein", erklärt Floury.
Der angesprochene Topspeed-Nachteil des TR010 Hybrid in Zahlen: Im Rennen war der auf der Hunaudieres-Gerade schnellere der beiden Toyota (#7) mit 349,6 km/h auf P8 der Topspeed-Wertung zu finden. Das Schwesterauto (#8) wurde mit 348,5 km/h auf P10 notiert. In der Topspeed-Wertung der gesamten Le-Mans-Woche waren es für Toyota sogar nur P9 und P12. Die schnellsten Autos waren der Cadillac #38 und der Ferrari #51 mit jeweils 351,8 km/h.

Toyota-Technikchef David Floury erklärt, wie der Plan geschmiedet wurde
Foto: James Moy Photography / Getty Images
"Wir haben uns also mit den Fahrern zusammengesetzt", greift Floury den vorherigen Gedanken auf und erläutert: "Dabei haben wir unterschiedliche Szenarien ausgearbeitet. Und als wir dann [in der ersten Stunde] im Verkehr feststeckten, haben wir den Plan sehr zügig umgesetzt. Uns war klar, dass wir irgendwie nach vorne kommen mussten. Wir wollten nicht fünf oder sechs Stunden lang im Verkehr feststecken."
Die gewählte Strategie, den ersten Boxenstopp mit beiden Autos deutlich früher einzulegen als die Konkurrenz - nämlich schon nach acht respektive neun Runden statt der 13 Runden, die ein Stint im Hypercar-Zeitalter in Le Mans üblicherweise umfasst - die erlaubte es Toyota, "sehr schnell nach vorne zu kommen", wie Floury herausstellt.
Toyota-Technikchef: "Der Schlüssel zum Sieg waren ..."
"Ich würde aber nicht so weit gehen zu sagen, dass das der Schlüssel zum Sieg war", schränkt der Toyota-Technikchef ein. "Schließlich waren zu diesem Zeitpunkt noch 23 Stunden zu fahren. Der Schlüssel zum Sieg, das waren die Stärke des gesamten Teams und die Tatsache, dass wir niemals aufgegeben haben."
"Wir haben mit beiden Fahrzeugbesetzungen zusammengearbeitet und haben von der Strategie her das Gegenteil von Imola gemacht. Genauer gesagt haben wir die Rollen im Vergleich zu Imola getauscht. Die Strategie als Ganzes war aber ganz ähnlich", so der Toyota-Technikchef.

Buemi, Hartley, Hirakawa im Toyota #8 hatten großen Anteil am Sieg der #7
Foto: JEP
Im Toyota #8, der auf P3 ins Ziel kam, war Sebastien Buemi laut Floury "in der Mitte eines Reifenstints in der Lage, den BMW mehrere Runden lang hinter sich zu halten. Solche Dinge sind es, die die Grundlage für einen Sieg bilden. Deshalb ist es unterm Strich wirklich die Arbeit des gesamten Teams, die den Ausschlag gegeben hat".
Was Toyota nach Le Mans 2026 am meisten freut
Und noch etwas anderes verschafft dem Toyota-Technikchef nach dem sechsten Le-Mans-Sieg der Marke große Genugtuung. "Diesmal kann keiner sagen, dass wir konkurrenzlos gewonnen haben", grinst Floury.
Damit spricht er auf die Siege in den Jahren 2018, 2019 und 2020 sowie 2021 und 2022 an. In den letzten drei Jahren der LMP1-Ära (2018 bis 2020) war Toyota das einzige Werksteam. In den ersten zwei Jahren der Hypercar-Ära (2021 und 2022) war die Konkurrenz mit Alpine und Glickenhaus überschaubar und nicht auf Toyota-Niveau.
"Es gab aber auch Jahre, in denen wir den Sieg verpasst haben. Ich denke da vor allem an 2023 und 2024, die noch immer schwer im Magen liegen", sagt Floury und kommt zufrieden zum Schluss: "In diesem Jahr ist es uns gelungen, den Job bis zum Ende zu erledigen. Damit ist die Debatte [um Siege ohne echte Konkurrenz] jetzt Vergangenheit."

1. Conway/Kobayashi/de Vries, 3. Buemi/Hartley/Hirakawa, mit Nakajima und Floury
Foto: Marc Fleury
Von Revanche will der Toyota-Technikchef aber nicht sprechen. Vielmehr lobt er noch einmal die gesamte Teamleistung, die den Le-Mans-Triumph 2026 möglich gemacht hat: "Revanche passt nicht zu unserem Geist. Es ist einfach toll für das gesamte Team, nachdem wir es im vergangenen Jahr nicht verdient haben zu gewinnen. Wir hatten nicht das perfekte Auto und haben auch nicht das perfekte Rennen abgeliefert. Deshalb haben wir uns selber hinterfragt. Klar ist, wir gewinnen zusammen und wir verlieren zusammen."
"Eine Revolution im Team hat es nicht gegeben. Wir haben einfach die Ärmel hochgekrempelt und seit dem vergangenen Jahr viel Arbeit investiert, um das neue Auto für dieses Jahr zu entwickeln. Wir haben das Ganze also selber in die Hand genommen und viel investiert. Deshalb ist das jetzt eine schöne Belohnung für das gesamte Team. Ich freue mich wirklich sehr für das gesamte Team, das so hart gearbeitet hat, um diese Erfolg möglich zu machen."
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