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Als Walter Röhrl vorhatte, einfach über Zuschauer drüberzufahren!

Walter Röhrl erinnert sich an die Zuschauerproblematik in der Rallye-WM der 1980er-Jahre, insbesondere an eine Szene, als er selber "irrational" handelte

Walter Röhrl hat in seiner langen und erfolgreichen Karriere als Rallyefahrer jede Menge erlebt. Beim Rückblick auf einige dieser Erlebnisse erschrickt der zweimalige Weltmeister heute selber regelrecht, wie eiskalt und "irrational" er damals unter dem Druck des Wettbewerbs handelte.

Mitte der 1980er-Jahre, als die Rallye-WM mit den legendären Gruppe-B-Autos von Audi, Ford, Lancia, Opel, Peugeot und Co. ihre weltweit ebenso populärste wie gefährlichste Phase hatte, war Röhrl mittendrin. Die Zuschauer an den Wertungsprüfungen standen damals noch nicht so weit weg es heute bei vielen Rallyes der Fall ist.

Ganz im Gegenteil: Viele Zuschauer standen damals direkt auf der Piste, als die Fahrer und Beifahrer in ihren Gruppe-B-Monstern bereits auf Zeitenjagd unterwegs waren. Häufig sprangen die Zuschauer erst im letzten Moment vor einem herankommenden Auto zur Seite. Das ging meistens gut, aber nicht immer.

 

Ein schwerer Unfall bei der Portugal-Rallye 1986, als Joaquim Santos mit seinem Ford RS200 in eine Gruppe Zuschauer fuhr, wobei drei zu Tode kamen und mehr als 30 weitere verletzt wurden, war mitverantwortlich dafür, dass 1986 die fünfte und letzte Saison der Gruppe-B-Ära blieb.

Aber auch nach dem Ende der Gruppe B bestand (und besteht) die Gefahr von Unfällen mit Rallye-Zuschauern weiterhin. Walter Röhrl ist eine Szene aus seiner aktiven Karriere besonders im Gedächtnis geblieben. "Es gibt eine Situation, wo ich das gespürt habe. Das war bei einer Monte Carlo, 1987, wo ich mit dem Audi 200 gefahren bin", erinnert sich Röhrl in einem Video auf dem YouTube-Kanal von Motorsport-Total.com.

Walter Röhrl bei der Rallye Monte Carlo 1987

Walter Röhrl im Audi 200 bei der Rallye Monte Carlo 1987

Foto: Motorsport Images

Weil der Audi 200, den Röhrl damals fuhr, "sowieso zu groß war und keine Leistung hatte", stand der zweimaliger Rallye-Weltmeister unter Druck. Im direkten Vergleich zum kompakten und wendigen Lancia Delta war der Stufenheck-Audi laut Röhrl 70 Zentimeter länger und hatte 70 PS weniger Motorleistung.

Und so erwischte sich Röhrl dabei, wie in seinem Kopf ein Schalter umgelegt wurde. "An einer Stelle am Col de Turini, da ist so ein Rechtseck. Da sind immer drei auf der Straße gestanden", erinnert er sich an die Zuschauer bei der berühmten "Monte", speziell an einen: "Ich habe jedes Mal bremsen müssen. Beim dritten Mal bin ich am Start gestanden und habe gesagt: Wenn er wieder steht, fahr ich ihn über den Haufen!"

"Zum Glück", so Röhrl weiter über den Zuschauer bei der Rallye Monte Carlo 1987, "ist er weggesprungen. Denn ich habe meine Lenkung nicht mehr aufgemacht. Ich habe gesagt: Jetzt fahre ich ihn übern Haufen, wenn er nicht auf die Seite geht."

Von dieser Denkweise ist der mittlerweile 71-Jährige heute selber regelrecht erschrocken. "Das sind so Dinge, die sind irrational", sagt Röhrl und erklärt: "Aber das kommt eben durch diesen enormen Druck, den du hast. Du willst gewinnen, du kämpfst um alles, und dann gibt es so einen Deppen, der dort steht. Und mit dem Auto, wenn der Schwung weg ist, dann bist du verhungert."

Röhrl gibt zu, dass er die dicht an und häufig auch auf der Piste stehenden Zuschauer damals weitestgehend ausgeblendet hat. "Das mit den Leuten, das ist mir erst bewusst, wenn ich mir heute die Videos anschaue", sagt er und erinnert sich an den Beginn der Gruppe-B.Ära. Der war 1982 und ging einher mit dem Aufkommen der Zuschauerproblematik.

"1982 hat das begonnen, speziell in Portugal. Ich habe Startnummer 1 gehabt und bin immer gegen eine geschlossene Menschenmenge gefahren. Also die sind nicht gestanden, sondern die Straße war zu, und im letzten Moment sind die weggesprungen", schildert Röhrl, der in jener Saison für das Opel-Werksteam fuhr und den jungen Henri Toivonen als Teamkollege hatte.

Michele Mouton bei der Rallye San Remo 1983

Ein typisches Bild aus der Gruppe-B-Zeit, hier Michele Mouton, Rallye San Remo 1983

Foto: Motorsport Images

Nach einer Reihe von WP-Bestzeiten für Toivonen wurde Röhrl im Opel-Team angesprochen. Er erinnert sich an den Dialog: "Da sagt der: 'Und, werden wir alt? Lassen wir uns von dem jungen Finnen verblasen?' Da sage ich: 'Horch mal, es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich zehn totfahre. Die Straße ist zu vor mir. Ich kann da nicht mit Vollgas auf die Menschen zufahren.'"

Wie ging der Dialog weiter? "Da sagt er zu mir: 'Glaubst du, dass du das viele Geld von uns bekommst, dass du auf die Idioten aufpasst, oder dass du für uns gewinnst?'" Röhrls Reaktion darauf war zunächst nachdenklich, dann pragmatisch: "Da stehst natürlich da und sagst: 'Bin ich da verkehrt in dem Sport?' Aber irgendwann gewöhnst du dich so dran und blendest das aus."

Ari Vatanen bei der Rallye Portugal 1985

In den 1980er-Jahren standen die Zuschauer direkt an - und häufig auf - der Piste

Foto: Peugeot Sport

"Die hat's nicht gegeben für mich", sagt Röhrl über die Zuschauer. "Ich habe also keine Probleme, so", zeigt er mit Daumen und Zeigefinger einen engen Abstand, "mit 160 an Menschen vorbeizufahren. Und heute, wenn ich das sehe im Video, sage ich: Bist du bescheuert gewesen, oder was? Wie kann ein Mensch sowas machen?"

Was bei der Portugal-Rallye 1986 ein tragisches Ende nahm, als Joaquim Santos nach einer Sprungkuppe einen Zusammenstoß mit den Zuschauern nicht vermeiden konnte, das ist im Falle von Röhrl immer gutgegangen. "Gott sei Dank habe ich nie ein Problem gehabt. Wir haben irgendeinem eine Kamera aus der Hand gefahren, mit dem Heck hinten im Drift. Aber sonst war nie was", sagt er.

Und so kommt Röhrl zum Schluss: "Bei allem, was ich jetzt erzählt habe und wo ich ein Schuldgefühl haben müsste, was ich da gemacht habe, war ich derjenige, der 1986 bei der [Rallye] Portugal, als das mit den Zuschauern passiert ist, sofort gesagt hat: 'Ich fahr' keinen Meter mehr weiter. Ich kann das nicht mehr verantworten.'"

Walter Röhrl

Nicht immer dachte und handelte Röhrl so eiskalt wie bei der "Monte" 1987

Foto: Motorsport Images

"Alle anderen wollten weiterfahren. Und nach zwei Stunden Diskussion mit mir habe ich alle überzeugt, dass die ganzen Werksteams aufgehört haben", erinnert sich Röhrl und weiß: "Da hat sich die Situation dann verändert."

War der Unfall mit drei toten Zuschauern in Portugal 1986 einer der Faktoren, die zum Ende der Gruppe B führten, so gab es den zweiten Faktor nur zwei Monate später. Bei der Rallye Korsika verunglückten Röhrls ehemaliger Teamkollege Henri Toivonen und dessen Beifahrer Sergio Cresto tödlich, als sie bei einem Feuerunfall in ihrem Lancia Delta verbrannten. Am Ende jener Saison 1986 war die Gruppe B Geschichte.

"Dieses Problem mit Mittelmotor, Benzin und Brennen, das war das größte Problem bei der Gruppe B", betont Röhrl. In einem Interview zur damaligen Zeit sagte er einmal über die Gruppe B: "Es ist die tollste Zeit. Ich hoffe nur, dass ich sie überlebe." Heute steht für ihn fest: "Das war die tollste Zeit, die Gruppe B."

Mit Bildmaterial von Audi AG.

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