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"Die Kunst eines Weltmeisters": Kalle Rovanperä trotzt allen Widrigkeiten

Übermüdet und fast ohne Vorbereitung wurde Kalle Rovanperä in die Rallye Polen geworfen - und doch siegte der Finne im Stile eines echten Champions

"Die Kunst eines Weltmeisters": Kalle Rovanperä trotzt allen Widrigkeiten

Unmittelbar nach der Zieldurchfahrt bei der Rallye Polen war Toyota-Pilot Kalle Rovanperä nicht anzumerken, dass er gerade einen der bemerkenswertesten Siege seiner Karriere in der Rallye-Weltmeisterschaft (WRC) gefeiert hatte. Der Held des Wochenendes wirkte eher erschöpft als überglücklich und gab das auch offen zu.

"Im Moment bin ich einfach nur müde. Ich bin einfach froh, hier zu sein, denn es war ziemlich hart. Ich werde das erst später realisieren", sagt Rovanperä. Aber wer wollte es ihm verdenken? Hinter dem zweifachen Weltmeister und seinem Beifahrer Jonne Halttunen lag eine Woche, die sie sich ganz anders vorgestellt hatten.

Rovanperä schraubte am Dienstag in seiner finnischen Heimat an seinem Jet-Ski, Halttunen ließ sich in Estland ein neues Tattoo stechen, als bei beiden kurz hintereinander das Telefon klingelte. Toyota-Teamchef Jari-Matti Latvala war am Apparat und teilte ihnen mit, dass Sebastien Ogier und sein Beifahrer Vincent Landais bei der Recce einen Verkehrsunfall hatten.

Statt eine freie Woche zu genießen, wurde Rovanperä als Ersatzmann nach Polen beordert, wo er am späten Dienstagabend eintraf. Am Mittwochmorgen stand fest: Ogier fällt aus, der Finne muss den dritten Toyota in Polen fahren.

Doch das war leichter gesagt als getan. Da Rovanperä und Halttunen nicht damit rechneten, in Polen zu fahren, hatten sie weder am Test vor der Rallye teilgenommen noch die Videos der Wertungsprüfungen studiert. Auch auf einen alten Aufschrieb konnten sie nicht zurückgreifen. Denn die Rallye Polen stand zuletzt 2017 auf dem WM-Kalender. Damals war Rovanperä gerade 16 Jahre alt und machte bei Rallyes im Baltikum seine ersten Schritte im Rallyesport.

Auch blieb am Mittwoch keine Zeit für eine reguläre Besichtigung, die normalerweise in zwei Durchgängen stattfindet. Im ersten Durchgang diktiert der Fahrer seinem Beifahrer den Aufschrieb, im zweiten Durchgang liest ihn der Beifahrer vor, woraufhin der Fahrer gegebenenfalls Anpassungen vornehmen kann.

Vor der Reise nach Polen die Nacht zum Tag gemacht

Rovanperä und Halttunen konnten die Prüfungen jedoch nur einmal im Straßenauto absolvieren und starteten dann bei der Rallye auf Strecken, die sie kaum kannten. "Ich muss sagen, dass ich nicht wirklich viel erwartet habe, und natürlich versucht man jedes Mal, wenn man den Helm aufsetzt, sein Bestes zu geben", sagt Rovanperä.

Nicht nur die mangelnde Vorbereitung, sondern auch seine körperliche Verfassung machte Rovanperä zu schaffen. "Ich glaube, die größte Herausforderung war, dass ich einfach keinen Schlaf hatte und schon vor dem Wochenende ziemlich müde war", sagt er. Denn in der Erwartung, in dieser Woche keine Rallye zu fahren, hatte sich der Finne nicht so fit gehalten wie sonst. "Ich habe das Wochenende davor nicht gut geschlafen und am Montag habe ich mit meinem Freund das NHL-Finale geschaut und am nächsten Morgen bin ich für die Besichtigung aufgewacht."

Unter diesen Umständen fiel es Rovanperä schwer, das versäumte Videostudium der Prüfungen vor Ort in Polen abends nachzuholen. Zwischendurch sei er vor dem Laptop eingeschlafen, gibt der 23-Jährige zu.

Videoanalyse in Polen besonders wichtig

Doch wie wichtig die vorherige Videoanalyse gerade bei einer schnellen Schotter-Rallye wie in Polen ist, unterstreicht Toyota-Teamchef Latvala gegenüber Autosport, einer Schwesterpublikation von Motorsport-Total.com im Motorsport Network. "Man hat die Notizen, aber der Unterschied ist, dass man heutzutage, wenn man sich eine Prüfung auf Video ansieht, dieses Bild [im Kopf] hat und weiß, wie sehr man die Straße ausnutzen und wie nah man am Straßenrand fahren kann", so Latvala.

"Ohne dieses Bild [von den Videos] kann man sich nur auf die Notizen verlassen und muss das Risiko eingehen, am Straßenrand zu fahren, ohne zu wissen, wie sich das anfühlt. Man muss sich also zu 100 Prozent auf die Aufzeichnungen verlassen, aber manchmal gibt es ein bisschen mehr, als die Aufzeichnungen sagen", fährt Latvala fort.

Am Ende trotzte Rovanperä all diesen Widrigkeiten und fuhr einen Sieg nach Hause, den er erst mit etwas Abstand richtig einordnen kann. "Es war nicht so einfach, hart zu pushen, denn man muss entscheiden, wo man Risiken eingeht. Ich muss sagen, dass es ziemlich clever war [wie wir gefahren sind]. Wir haben keine Fehler gemacht und alles lief nach Plan", fasst er seine Leistung zusammen.

Teamchef Latvala adelt seinen Piloten

Für Teamchef Latvala war Rovanperäs Leistung in Polen der Beweis, dass er ein echter Champion ist. "Weltmeister haben etwas mehr als andere und können sich mehr anstrengen. Ich hätte nie erwartet, dass er hier ohne Vorbereitung so stark sein würde", sagt er. "Das ist definitiv eine sehr, sehr starke Leistung. Eine seiner besten Leistungen war unter schwierigen Bedingungen im Regen, wie in Estland [2023], aber das [in Polen] ist die Kunst eines Weltmeisters."

Erholung ist für den Weltmeister nach dieser anstrengenden Woche übrigens nicht angesagt. Von Polen geht es für Rovanperä direkt weiter ins italienische Imola, wo er am Dienstag einen Porsche testen wird, mit dem er in dieser Saison im Carrera-Cup Benelux antritt.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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