WRC: Das sind die 5 großen Themen der Rallye-WM 2017

Die Rallye-WM (WRC) 2017 steht ganz im Zeichen von Veränderungen. Motorsport.com erklärt, auf was in der am Wochenende beginnenden Saison am meisten zu achten ist.

Wird Sebastien Ogier (endgültig) zur Legende?

Sébastien Ogier, Julien Ingrassia, M-Sport, Ford Fiesta WRC 2017

Sebastien Ogier hat während seiner gesamten Karriere unter Beweis gestellt, dass er ein besonderes Rallye-Talent ist. Mit seinen 4 WM-Titeln zählt er zu den erfolgreichsten Fahrern aller Zeiten. Und er ist zweifelsohne der aktuell beste Rallyefahrer in der WRC.

Aber ist er auch so gut wie es sein Vorgänger als Weltmeister, Sebastien Loeb, einmal war? Und bei dieser Frage lassen wir die WM-Titel (4:9 aus der Sicht von Ogier) außer Acht.

Vielleicht muss an dieser Stelle erwähnt werden: Loeb hatte nie einen Spaziergang. Mit Petter Solberg, Marcus Grönholm und Mikko Hirvonen waren immer starke Gegner zur Stelle, die es Loeb in seinen WM-Jahren nicht einfach gemacht haben – auch wenn die eine oder andere Saison recht einseitig verlaufen sein mag.

Ogier wiederum wurde zwischen 2013 und 2016 mit seinem dominanten Volkswagen Polo WRC nie ernsthaft unter Druck gesetzt. Sein geringster Vorsprung auf den WM-2. in all diesen Jahren: 49 Punkte in der Saison 2014. Das sagt schon viel aus.

Doch jetzt hat Ogier die Chance, an seiner Legende zu basteln. Denn er hat sich zur WRC-Saison 2017 dem privaten M-Sport-Team angeschlossen. Dieser Rennstall hat schon seit 2012 keine Rallye mehr gewonnen. Und aus diesem Team ging noch nie ein WRC-Champion hervor.

Die zur Saison 2017 eingeführten Regeln sorgen für einen kollektiven Neuanfang im Starterfeld. Allerdings ist die Form der vergangenen Jahre noch immer relevant. Und da hat sich M-Sport unter Malcolm Wilson im Vergleich zu Citroën und Hyundai nicht immer gut verkauft.

Hinzu kommt: Im Gegensatz zur Saison 2012, die Ogier mit der Testarbeit für Volkswagen verbrachte, hatte er vor dem Saisonauftakt 2017 in Monaco kaum Gelegenheit, den Ford Fiesta auszuprobieren. Im Gegenteil: Ihm unterlief sogar ein Fahrfehler. Er crashte bei der Vorbereitung zur Rallye Monte Carlo.

Ein hervorragendes Tempo und keine Fehler haben Ogier bereits 4 Mal zum Weltmeister gemacht. Doch dabei hatte der Franzose auch immer das Vertrauen in sein Material. Das wird ihm zu Saisonbeginn 2017 fehlen. Und man darf gespannt sein, wie er damit umgeht!

Die große Chance für Thierry Neuville und Hyundai

Thierry Neuville, Nicolas Gilsoul, Hyundai i20 WRC, Hyundai Motorsport celebrates the podium

Die vergangenen 4 Jahre waren eine Show von Ogier. In seinem Windschatten haben aber immerhin noch ein paar weitere Piloten um zumindest einzelne Siege gekämpft.

Thierry Neuville war der 1. unter ihnen. Er kam Ogier in der Saison 2013 mehrfach recht nahe. Damals bestritt der Belgier gerade mal seine 2. Saison in der WRC. Doch Hyundai war technisch noch nicht reif für den Titel, als Neuville 2014 zum Hersteller aus Südkorea stieß.

Ende 2015 fiel er in ein gewaltiges Formtief. Seine Karriere schien vor sich hinzutröpfeln. 2016 startete Neuville allerdings mit dem modifizierten i20 neu durch. Mit dem Sieg in Italien schüttelte er die Krise ab, erzielte 7 Top-4-Platzierungen und ließ 2 von 3 VW-Piloten in der Gesamtwertung hinter sich.

Neuville hatte bisher nie eine realistische Titelchance. Doch der Ausstieg von Volkswagen und die neuen WRC-Regeln bieten ihm die bis dato beste Gelegenheit, ganz nach vorn zu fahren.

Hyundai geht bereits in seine 4. Saison in der Meisterschaft. Inzwischen ist das Team gefestigt und ein ernstzunehmender Gegner – mehr als vor 3 Jahren. Teamchef Michel Nandan traut seiner Mannschaft nach dem Ausstieg von Volkswagen sogar die Favoritenrolle zu.

Natürlich: Dani Sordo und Hayden Paddon, die beiden weiteren Hyundai-Fahrer, sind nicht zu unterschätzen. Auch sie können um Siege kämpfen. Aber Neuville ist wahrscheinlich am ehesten dazu in der Lage, seine Leistung über die komplette Saison hinweg abzurufen und um den Titel zu fahren. Sofern sein neuer Hyundai i20 der Aufgabe gewachsen ist.

Ogier kam für 2017 nur bei M-Sport unter. Eine bessere Chance gibt es für Neuville vielleicht nie.

Citroën kehrt werksseitig zurück

Kris Meeke, Paul Nagle, Citroen C3 WRC Plus 2017, Citroën World Rally Team

Seit dem Abgang von Loeb hatte Citroën damit zu kämpfen, an die erfolgreiche Vergangenheit anzuknüpfen. Hirvonen gelang 2013 nur der 4. Platz. Kris Meeke und Mads Östberg schafften in den folgenden beiden Jahren insgesamt nur 1 Sieg.

Dennoch: Meeke hat sich mit seiner Leistung eine langfristige Zukunft im Team verdient. 2016 dankte er es dem Einsatzteam PH Sport mit gleich 2 Siegen.

Citroën trat im vergangenen Jahr nicht als Werksmannschaft an, sondern konzentrierte sich auf die Entwicklung des neuen C3 für 2017. Meeke war intensiv in die Arbeit am Neuwagen eingebunden. Der Erfolg von Citroën hängt also nicht nur vom Team, sondern in gleichem Maße auch vom Fahrer ab.

Und bedenkt man die gewaltige Erfahrung von Citroën im Rallyesport und die dominanten 3 Jahre in der Tourenwagen-WM (WTCC), dann kann es für die französische Marke nur ein Ziel geben: den Sieg!

Wenn sich der Citroën C3 als stärkstes Auto erweist, dann kämpft Meeke zweifelsohne um Siege. Aber gelingt es ihm, eine konstant souveräne Leistung hinzulegen?

Der Ire ist schnell. Das hat er immer wieder gezeigt. Sein einziges Manko war die Konstanz. Und dazu kamen auch einige Unfälle. 2016 hat jedoch gezeigt, dass Meeke sich besser unter Kontrolle hat. Er hat gelernt, auch mal auf Punkte zu fahren, wenn der Sieg nicht drin war.

Weil Citroën 2016 kein Werksteam unterhielt, stand Meeke nicht unter Druck. Das ist in diesem Jahr anders. Vor allem, wo seine Citroën-Teamkollegen Craig Breen und Stephane Lefebvre wohl in 1. Linie ein Lernjahr absolvieren. Meeke ist damit die einzige Hoffnung von Citroën im Titelkampf.

Ob es sich auszahlt, dass Citroën ganz auf Meeke setzt? Das werden wir sehen. Aber spannend wird es dadurch allemal!

Die steile Lernkurve von Toyota

Toyota Racing, Toyota Yaris WRC 2017

Die Rallye-WM mag Volkswagen verloren haben. Doch das Timing hätte besser nicht sein können: Jetzt, wo der weltgrößte Automobilbauer (Stand: 2015) weg ist, steigt die Nummer 2 ein – Toyota.

Die japanische Marke hat ein großes Erbe im Rallyesport. Mit Carlos Sainz, Juha Kankkunen und Didier Auriol war Toyota bereits Rallye-Weltmeister. 1999 verließ man die WRC zugunsten der Formel 1. Doch diese lange Auszeit endet an diesem Wochenende.

Der Sport hat sich in der Zwischenzeit verändert. Das gilt aber auch für das Team. Früher operierte Toyota aus Köln, wo das Unternehmen ein millionenschweres Hauptquartier errichtet hat. Nun ist das WRC-Werksprogramm gewissermaßen das Haus- und Hofprojekt von Ex-Champion Tommi Mäkinen. Er leitet es aus seiner Heimat Rovaniemi in Finnland.

Die neuen Regeln machen Toyota den Einstieg zweifelsohne einfacher. Aber es darf bezweifelt werden, dass die Marke auf Anhieb so stark auftritt wie Volkswagen vor 4 Jahren.

Denn die Testmöglichkeiten waren begrenzt. Daher hat das Team verhaltene Erwartungen an die Saison 2017. Teamboss Mäkinen hofft einfach nur, dass bei der Rallye Monte Carlo möglichst viele Kilometer abgespult werden können.

Extraschwung hat das Team erhalten, indem es den bisherigen Volkswagen-Fahrer Jari-Matti Latvala kurzfristig noch in seine Mannschaft aufgenommen hat. Der Finne hatte ein furchtbares Jahr 2016, hat aber WRC-Erfahrung als Siegfahrer. Und das wiederum hat er seinen Teamkollegen Juho Hänninen und WRC2-Champion Esapekka Lappi voraus.

Vom reinen Speed her kann Latvala auf dem gleichen Niveau fahren wie sein früherer Stallgefährte bei VW, Ogier. Das hat er immer wieder bewiesen. Es fehlte ihm einzig an der notwendigen Konstanz. Dennoch dürfte Latvala dazu in der Lage sein, das Potenzial des neuen Yaris-WRC-Boliden aufzuzeigen.

Latvala zählt zudem zu den erfahrensten Piloten im Feld. Seine Rückmeldung an die Ingenieure wird entscheidend zur Weiterentwicklung von Toyota vom Neueinsteiger zum Topteam beitragen. Selbst wenn die WRC-Saison 2017 aus der Sicht des Teams noch nicht so erfolgreich verlaufen sollte.

Viele Änderungen = mehr Spektakel?

Thierry Neuville, Nicolas Gilsoul, Hyundai i20 WRC, Hyundai Motorsport

Fast alles ist neu in der WRC 2017. Und das ist nicht verkehrt. Schließlich haben in den vergangenen 13 Jahren nur 2 unterschiedliche Fahrer den WM-Titel gewonnen. Der letzte, wirklich enge Titelkampf liegt schon einige Jahre zurück – es war 2011.

Volkswagen ist raus, der Fahrermarkt kam in Bewegung. Dann auch neue technische Regeln. Die neue Saison wird mit großer Spannung erwartet. Das bedeutet aber auch: Es gibt keinen Anhaltspunkt, wie das Kräfteverhältnis aussehen könnte.

Ogier hat bei M-Sport eine neue Herausforderung zu bewältigen. Selbst wenn er mit dem Ford Fiesta eine Rolle im Titelkampf spielen wird, so einfach wie mit VW wird er es bestimmt nicht haben.

Und auch die anderen Marken haben jeweils mindestens 1 Fahrer in ihren Reihen, der bereits in der Rallye-WM gewonnen hat. Ein Vierkampf um den Titel unter Beteiligung aller Marken mag zwar unrealistisch sein. Doch alles andere als eine Dominanz eines Fahrers oder eines Teams wäre den Rallyefans sicherlich sehr willkommen.

Das neue Reglement hat zudem optisch sehr ansprechende Fahrzeuge hervorgebracht. Die neuen Autos sehen spektakulär aus, wirken aggressiv und erinnern an die goldenen Tage der Gruppe B. Und diese legendären Boliden verzaubern die Fans bis heute.

Dank einer verbesserten Aerodynamik und mehr Motorleistung dürfte die neue Generation von WRC-Autos deutlich schneller sein als ihre Vorgänger. Das wiederum stellt die Fahrer vor eine neue Herausforderung.

Sicher ist also nur: Nichts ist mehr so, wie es 2016 noch war…

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Über diesen Artikel
Rennserien WRC
Veranstaltung Monte Carlo
Fahrer Kris Meeke , Jari-Matti Latvala , Sébastien Ogier , Thierry Neuville
Teams Toyota Racing , Citroën World Rally Team , M-Sport , Hyundai Motorsport
Artikelsorte Vorschau
Tags citroen, citroën c3 wrc, ford, ford fiesta wrc, gruppe b, hyundai, hyundai i20 wrc, rallye, rallye-wm, toyota, toyota yaris wrc, volkswagen, wrc