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WRC legt Fokus auf chinesische Hersteller, Hybridautos und Action

Im Rahmen unsere Interviewserie #ThinkingForward mit führenden Köpfen der Motorsport-Branche spricht WRC-Direktor Peter Tuhl über die Zukunft der Rallye-WM

WRC legt Fokus auf chinesische Hersteller, Hybridautos und Action

Mit der Rallye Monte Carlo (21. bis 24. Januar) beginnt in dieser Woche die Saison 2021 der Rallye-Weltmeisterschaft (WRC). Der Kalender mit zwölf Stationen umfasst erstmals Läufe in Kroatien und Ypern, außerdem kehrt die Safari-Rallye in Kenia zurück.

Der Rallyesport zieht Millionen Fans auf der ganzen Welt an und bereichert die Bandbreite der Motorsport-Disziplinen. Aber wie sieht es um die langfristige Zukunft der Rallye aus? Darüber sprechen wir in der ersten Ausgabe unserer Interviewserie #ThinkingForward im Jahr 2021 mit WRC-Direktor Peter Thul.

Er erklärt dabei, welche Qualitäten man mitbringen muss, um im Rallyesport an die Spitze zu kommen, warum die WRC ähnlich wie die Formel 1 eher auf Hybridantriebe und Bio-Kraftstoff anstatt auf rein elektrische Antriebe setzt und warum so viele Beifahrer nach ihre aktiven Laufbahn Karriere bei Teams und Verbänden machen.

Rallyefahrer sind die vielseitigsten Piloten

Frage: "Herr Thul, die WRC ist eine der spektakulärsten Formen des Motorsports. Was macht den Rallyesport aus Ihrer Sicht so attraktiv?"

Peter Thul: "Rallyefahrer, ich will nicht zwangsläufig sagen, dass sie die besten Fahrer der Welt sind, aber sie sind sicherlich die vielseitigsten. Das bedeutet, sie sind in der Lage, das Auto unter jedweden Bedingungen, auf verschiedensten Oberflächen und so weiter zu kontrollieren. Das ist einfach spektakulär."

"Und es ist sehr nah an den Fans - der Paddock-Bereich ist offen, die Fans können direkt zu den Fahrern gehen. Darüber hinaus ist die Technik faszinierend; es ist ein Fahren an der Grenze, und diese Autos beschleunigen wie kaum ein anderes; sie haben ein kurz übersetztes Getriebe, das auf 180 oder 200 km/h begrenzt ist."

"Auch die Bremsleistung ist einfach unglaublich. Wenn Sie jemanden auf den Beifahrersitz eines modernen Rallyeautos setzen, ist er von den Bremsen am meisten beeindruckt. Es ist alles so hart, nicht vergleichbar mit einem Straßenauto, auch nicht mit einem Sportwagen."

Frage: "Wie hat sich der Fahrstil, mit dem man im Rallyesport erfolgreich ist, in den vergangenen Jahren verändert?"

Thul: "Die Technologie hat einen gewaltigen Sprung gemacht. In den guten, alten Zeiten von Walter Röhrl und Hannu Mikkola war es eine Art Marathon. Man musste schauen, dass das Auto die großen Sprünge und rauen Oberflächen überlebt. Und heute ist es ein Sprint."

"Einfach unglaublich, wenn man die Federwege eines modernen WRC-Rallyautos sieht, wie schnell sie über diese rauen Oberflächen fahren und wie viel Grip es gibt. Vor einigen Jahren betrug der Abstand zwischen dem Ersten und dem Zweiten bis zu einer Stunde. 2018 betrug der Abstand zwischen Neuville und Ogier auf Sardinien 0,7 Sekunden. Sie fahren ständig Vollgas, es gibt keinen Raum mehr für taktische Spielchen."

Beifahrer sind wie Buchhalter im Cockpit

Frage: "Sie haben Ihrer Karriere als Beifahrer gestartet. Und es gibt einige frühere Beifahrer, die nun in den Sportbehörden wichtige Positionen innehaben - Leute wie Jean Todt, David Richards und Daniele Audetto. Welche Erfahrungen haben sie gesammelt, und wieso sind so viele Beifahrer in wichtigen Positionen im Motorsport tätig?"

Peter Thul

Peter Thul begann seine Karriere als Rallyebeifahrer

Foto: Motorsport Network

Thul: "Ich würde mich selbst nicht in die Reihe dieser legendären Beifahrer stellen, aber ich denke wir sind sehr gut organisiert. Der Beifahrer ist im Rallyeauto eine Art Buchhalter. Wenn man einen guten Beifahrer an Bord hat, kann man sich darauf konzentrieren das Gaspedal durchzutreten und schnell zu fahren. Um alles andere, den administrativen Kram, kümmert sich der Beifahrer. Wir sind es gewohnt, unter Zeitdruck zu arbeiten, und dass man Entscheidungen nicht zurücknehmen kann."

"Man trifft eine Entscheidung und muss mit den Konsequenzen leben. Eine zweite Chance gibt es meistens nicht. Wenn man beispielsweise die Ansage 'links voll über Kuppe' macht, kann man in der Luft nicht mehr sagen: 'Oh, vielleicht doch ein bisschen langsamer!' Dann fliegt man ab. Man trägt die Verantwortung und muss dem Druck standhalten. Die Feuertaufe in einem Rallyeauto durchzumachen, kann nicht schaden. In manchen Situationen hilft es einem."

Frage: "Live-Bilder von einer Rallye zu zeigen, war immer ein Traum, aber im Rahmen der althergebrachten TV-Übertragung war das schwierig. Jetzt im Zuge der digitalen Transformation ist es möglich. Jetzt gibt es die OTT-Plattform WRC+, die Live-Signale aus den Rallyeautos zeigt. Was hat es den Fans gebracht und wie bauen Sie von hier aus für die Zukunft auf?"

Thul: "Es bedeutet, dass ein Fan morgens aus dem Bett aufstehen, sich einfach einloggen kann und die Action miterlebt. Und wir haben nicht nur die Berichterstattung durch die Kameras an Bord, wir haben auch Hintergrundinformationen, sodass wir die Faszination eines Sports vermitteln können, der im Vergleich zur Formel 1 viel schwieriger zu transportieren ist. Hinzu kommt, dass die TV-Berichterstattung, die wir jetzt produzieren, wirklich beeindruckend ist."

WRC als Schaufenster für Plug-in-Hybride

Frage: "Nächstes Jahr führt die WRC Hybridantriebe ein. Etwas später als andere Zweige des Motorsports, aber das Paket klingt ziemlich spannend. Eine Leistung von rund 500 PS aus dem Verbrennungsmotor plus dem Hybridsystem, das klingt nach verdammt viel Power für etwas, das auf Schotter herumrutscht. Erzählen Sie uns von Ihren Hoffnungen für eine hybride Zukunft."

Ott Tänak

Ab 2022 fahren die WRC-Autos mit Hybridantrieben

Foto: Motorsport Network

Thul: "Zunächst müssen wir uns die Situation in der Autoindustrie im Allgemeinen ansehen. Nach einer Studie waren im Jahr 2013 74 Prozent Verbrennungsmotoren, 30 Prozent Hybrid- und etwa 3 Prozent reine Elektroautos auf der Straße. Die Annahme ist, dass wir unter den 132 Millionen Autos, die in diesem Jahr weltweit verkauft werden, 38 Prozent Verbrenner haben werden, aber wir werden 37 Prozent Hybridautos und 25 Prozent Elektroautos haben. Es ist also der ideale Schritt zur richtigen Zeit."

"Und es hat zwei Funktionen. Erstens werden diese Autos spektakulär sein. Sie haben zusätzliches Drehmoment vom Elektromotor, sie haben Rekuperation, sie werden Energie zurückgewinnen. Aber darüber hinaus werden wir die Vorteile des Plug-in-Hybrids zeigen; ein System, das sehr intelligent ist, wenn man es als Fahrer permanent auflädt.Wir werden die Technologie vorführen und beweisen, dass sie unter allen Umständen funktioniert. Außerdem können wir aufklären, dass ein Plug-in-Hybrid am besten funktioniert, wenn am ihn einsteckt und die Energie auflädt."

Frage: "Ist ein rein elektrischer Antrieb oder Wasserstoff in der WRC in Zukunft überhaupt denkbar?"

Thul: "Ich denke, dass ein intelligenter Mix von Technologien in der Zukunft funktionieren wird. Das heißt, Hybride, Plug-in-Hybride und Elektroautos werden mittelfristig die Zukunft sein. Ich weiß, dass einige Traditionalisten, einige Fans dieser neuen Elektrifizierung skeptisch gegenüberstehen."

"Aber wir haben keine andere Wahl. Für rein elektrische Antriebe gibt es meiner Meinung nach andere Formate, die viel besser geeignet sind. Rallycross ist beispielsweise eine perfekte Bühne. Man hat kurze Rennen, man kann auch mit spektakulären Leistungsmengen fahren und lädt dann wieder auf. Aber es hängt alles von der Batteriekapazität ab, wie schnell man sie aufladen kann. Ich würde also im Moment nichts ausschließen."

USA und China zwei Schlüsselmärkte für die WRC

Frage: "Wenn wir uns den Rallyekalender anschauen, in welchen Bereichen wollen Sie dort wachsen?"

Thul: "Wir haben zwei klare strategische Märkte, die wir angehen möchten. Zunächst einmal sind die USA sehr wichtig für uns, auch für unsere Stakeholder, für die Hersteller. Und natürlich China. Wir hatten vor einigen Jahren einen Versuch, das hat nicht funktioniert, weil es alle möglichen Probleme gab. Aber wir sehen das als einen strategischen Markt und wollen mit der Rallye in jedem wichtigen Automarkt präsent sein."

Sebastien Ogier, Julien Ingrassia

Sebastien Ogier startet die Saison einmal mehr als Titelverteidiger

Foto: Motorsport Network

Frage: "COVID-19 hat vielen Herstellern Probleme bereitet. In den Top-Ligen des Sports wie der Formel 1 und der Formel E haben Honda, Audi und BMW einschneidende Veränderungen ihrer Rennsport-Programme beschlossen. Wie sieht die Beteiligung der Hersteller an der WRC in Zukunft aus? Und wie wichtig sind sie für Sie?"

Thul: "Die Hersteller sind sehr wichtig für alle möglichen Aspekte, für den Wettbewerb für die PR. Und wir sind froh, dass wir mit Toyota, Hyundai und M-Sport-Ford so starke, engagierte Partner haben. Natürlich wollen wir mehr Hersteller bekommen, und es ist kein Geheimnis, dass wir in Zukunft auf China abzielen. Warum nicht einen großen chinesischen Hersteller, besonders wenn wir über Plug-in-Hybride sprechen? Es gibt auch einen anderen japanischen Hersteller, der möglicherweise auch ein Kandidat ist."

Frage: "Wie alle Motorsport-Disziplinen muss sich die WRC mit der Debatte über den Kilmawandel auseinandersetzen und mit einem neuen US-Präsidenten im Weißen Haus sieht es so aus, als würde sich diese Debatte nun noch mehr beschleunigen. Was für ein Bild gibt es ab, wenn Autos mit fossilen Brennstoffen durch Wälder fahren? Werden Sie in einer umweltbewussten Welt den Sport anpassen müssen, um weiter zu wachsen?"

Thul: "Die Organisatoren einer Rallye stehen in engem Austausch mit den lokalen Behörden. Aus Respekt vor der Natur fahren wir auch nicht auf jedem Fleck der Erde. Wenn man sich die Wälder in Finnland anschaut, so werden die Straßen dort im Anschluss wieder repariert. Und der Kraftstoffverbrauch, das ist jetzt wirklich moderne Technologie."

"In Zusammenarbeit mit uns hat die FIA gerade eine Energie-Ausschreibung über nachhaltige Kraftstoffe gestartet, bei der es nicht nur um nachhaltige Kraftstoffe geht, sondern um den gesamten CO2-Fußabdruck; alles, was mit dem Aufladen zu tun hat und so weiter. Uns ist also klar, dass wir auf diesem Gebiet sehr stark sein müssen. Das können wir im Rahmen der technischen Entwicklung demonstrieren."

WRC ist sich der Klima-Diskussion bewusst

"Wir nehmen diese Herausforderung an, und ich denke, wir können unsere Rolle spielen. Und Sie haben gesehen, dass die Formel 1 bereits auf nachhaltigen Kraftstoff umgestellt hat. Der Motorsport ist sich dessen also bewusst, und wir haben eine große Chance, auch in Zukunft ein wichtige Rolle für die Menschen zu spielen."

Frage: "Und abschließend, Peter, wie positiv sehen Sie die Zukunft des Rallyesports?"

Thul: "Rallye ist etwas, das die Menschen immer fasziniert. Wir feiern 50 Jahre WRC. Die Faszination ist global. Es ist ein Sport, der sich auch leicht an die Gegebenheiten anpassen kann. Deshalb, ja, ich bin positiv und ich liebe den Sport."

Die aktuellsten Videos aus der WRC sehen Sie auf dem offiziellen WRC-Kanal von Motorsport.tv.

Mit Bildmaterial von Motorsport Network.

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