Der Trajectory-Plan: Darum holt Genesis diesen Deutschen ins Team
Bei Genesis zählt 2026 in der ELMS nicht nur das reine Ergebnis - Warum Mentor Laurents Hörr für das Hypercar-Projekt wichtiger ist als schnelle Rundenzeiten
Laurents Hörr fährt 2026 für IDEC im Genesis-Förderprogramm
Foto: Genesis Genesis
Es ist eine jener Geschichten, die der moderne Langstreckensport braucht: Ein Pilot, der sich über Jahre hinweg durch die harten Schulen der LMP3 und LMP2 gekämpft hat, steht plötzlich an der Schwelle zum ganz großen Wurf. Laurents Hörr, der 28-jährige Gerlinger, kehrt 2026 zu IDEC Sport in die European Le Mans Series (ELMS) zurück.
Doch dieses Mal ist der ORECA 07 mit der Startnummer 18 weit mehr als nur ein Rennwagen - er ist das offizielle Trainingsgerät für das ambitionierte Hypercar-Projekt von Genesis.
In der Saison 2025 legte Genesis Magma Racing mit dem sogenannten "Genesis Trajectory Program" den Grundstein. Damals ging es darum, eine komplette Infrastruktur inklusive Mechanikern und Ingenieuren auf die Langstrecken-WM (WEC) vorzubereiten.
Für 2026 hat sich der Fokus geschärft. Während das Stammpersonal den Sprung in die Weltmeisterschaft bereits vollzogen hat, konzentriert sich das Programm in der ELMS nun vollends auf die Speerspitze: die Fahrerentwicklung.
Der Leitwolf für die Hypercar-Anwärter
Hörr findet sich in einer neuen, verantwortungsvollen Rolle wieder. Er ist nicht mehr nur der "Speed-Lieferant", sondern der Mentor in einer hochspannenden Dreier-Konstellation. An seiner Seite: Jamie Chadwick, die bereits als offizielle Test- und Ersatzfahrerin für das GMR-001 Hypercar fungiert, und der hochtalentierte, aber erst 19-jährige Italiener Valerio Rinicella.
Chadwick gewann in ihrer Karriere bereits zweimal die W-Serie und fuhr 2025 gemeinsam mit Mathys Jaubert und Daniel Juncadella für IDEC in der ELMS. Das Trio landete am Ende der Saison auf Platz drei. Rinicella wurde 2024/25 Meister in der asiatischen Le-Mans-Series und überzeugte mit seinen Leistungen in den Formel-Nachwuchsserien. Hörr hat in diesem Trio eine klare Aufgabe.

Laurents Hörr als Fahrer bei DKR
Foto: Erik Junius
"Das Team wollte jemanden, der dieses ganze LMP2-Thema schon ein paar Jahre macht und in diesem Teamleading- und Coaching-Bereich wirklich gut ist", erklärt Hörr gegenüber Motorsport-Total,com seinen Wechsel zu IDEC Sport im Rahmen des Genesis-Programms.
"Das war ein Schlüsselfaktor, warum sie mich genommen haben. Es ging im Bewerbungsgespräch natürlich darum, dass ich schnell bin - das stand völlig außer Frage. Aber der Kernpunkt war: Wie stelle ich mir die Zusammenarbeit mit den anderen beiden vor?"
Hörr nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Analyse seiner Teamkollegen geht, bleibt aber stets kollegial: "Jamie ist als Silber-Fahrerin bereits sehr erfahren, aber im Prototypen-Bereich soll sie noch etwas dazulernen. Und Valerio? Der Junge ist wirklich schnell, aber eben noch super jung und effektiv unerfahren. Meine Aufgabe ist es ganz klar, das Team anzuführen und den beiden meine Erfahrungen mitzugeben."
Taktik schlägt Ego: "Werden durchrotieren"
Wer glaubt, dass Hörr als Gold-Pilot nun jedes Qualifying für sich beansprucht, der irrt. Das Trajectory Program verfolgt einen größeren Plan. Genesis will sehen, wie die Piloten unter Druck agieren und wie sie sich in verschiedenen Phasen des Rennens schlagen.
"Es wird nicht nur um Ergebnisse gehen", stellt der Deutsche klar. "Klar wollen wir gewinnen, und das Team ist absolut dazu in der Lage. Aber nur weil wir vielleicht mal nicht gewinnen, heißt das nicht, dass wir nicht erfolgreich sind. Es geht darum, wie wir im Team agieren."
"Deswegen werden wir auch durchrotieren. Ich werde nicht alle sechs Qualifyings fahren und auch nicht jedes Rennen beenden. Vielleicht fahre ich mal einen Start. Noch steht das nicht ganz genau fest. Ziel ist es, dass Genesis sieht, wo unsere Kompetenzen liegen und wie wir uns entwickeln."
Besonders für den jungen Rinicella sieht Hörr eine steile Lernkurve voraus: "Ihm werde ich sicher beibringen müssen, wie man mit dem Verkehr umgeht oder die Goodyear-Reifen managt. Das ist in der ELMS ein riesiges Thema. Manchmal musst du drei Schritte weiter denken und dir eine Option offen lassen, auf die du erst später im Rennen zurückgreifst. Es ist kein Rennen über eine halbe Stunde, in dem es sofort um alles oder nichts geht."
Über Umwege zum Ziel: "Glück des Tüchtigen"
Der Weg in den Kader von Genesis war für Hörr kein Selbstläufer. Nach seinen Titeln in der LMP3 - 2021 ELMS-Champion, zweimaliger Le-Mans-Cup-Sieger 2019 und 2020 - folgten zwei Jahre bei DKR Engineering, die er selbst als "charakterbildend" beschreibt. Zuvor hatte sich Hörr vom Kartsport über die Formelserien in die Langstrecke gekämpft.

Laurents Hörr im LMP2-Boliden bei den 24h Daytona
Foto: Motorsport Images
"Meine letzten zwei Jahre waren ergebnistechnisch - abgesehen von Le Mans 2024 - nicht gut. Auf der Langstrecke liegt das eben nicht immer nur an einem selbst", blickt er zurück. "In so einer Phase ist es nicht einfach, auf das Radar eines Herstellers zu kommen. Ich hatte das Glück des Tüchtigen. Ich habe mir den Arsch aufgerissen, vor allem 2025."
Ein Zufall im November brachte schließlich den Stein ins Rollen: "Ich war für ein Rennen hier und sprach mit IDEC-Teamchef Nico Minassian. Er glaubt an mich und kennt meine Qualitäten. Wir sprachen über das Genesis-Auto, aber er sagte, das liege nicht in seiner Hand. Genau in diesem Moment rief der Verantwortliche von Genesis bei ihm an. Manchmal passt es einfach."
Das Hypercar im Visier
Für Hörr ist die Zielsetzung für die kommenden zwölf Monate glasklar. Er steht sowohl bei IDEC als auch bei Genesis unter Vertrag. "Grundsätzlich bist du nur in diesem Programm, wenn du eine sinnvolle Option für die Zukunft bist", sagt er mit gesundem Selbstbewusstsein.
"Das bedeutet nicht automatisch, dass ich Hypercar fahren werde, aber es ist das erklärte Ziel. Es ist angedacht, dass ich das Auto in diesem Jahr noch fahre. Wann das sein wird, weiß ich noch nicht."
Bis dahin steht Knochenarbeit an. "Wir werden uns mindestens einmal im Monat hier beim Team treffen. Das ist bei sechs Rennen eine ganze Menge Zeit. Wir müssen als Team zusammenwachsen, damit uns alle vertrauen."
Obwohl die Sponsorensuche für ihn persönlich noch eine Herausforderung darstellt, stehen er und das Team neuen Partnern grundsätzlich "offen gegenüber". Dabei liegt der Fokus klar auf der sportlichen Entwicklung: Hörr ist bereit, die Rolle des Mentors anzunehmen, um am Ende selbst im prestigeträchtigen GMR-001 Hypercar zu landen.
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