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Der VW-Konzern und die Formel 1: So könnte das was werden!

Ein Bericht über einen angeblich geplanten Einstieg von Volkswagen in die F1 sorgt derzeit für Aufsehen, doch dafür müssen erst Voraussetzungen geschaffen werden

Der VW-Konzern und die Formel 1: So könnte das was werden!

Aller guten Dinge sind drei: Zweimal hat der Volkswagen-Konzern in den vergangenen paar Jahren einen Einstieg in die Formel 1 ernsthaft geprüft, doch zweimal fiel die Entscheidung letztendlich dagegen. Jetzt gibt es in Wolfsburg wieder einen Prüfauftrag zum Thema Formel 1 - und die Chancen, dass es im dritten Anlauf klappen könnte, stehen besser denn je.

Von einer verbindlichen Entscheidung ist der Konzern trotzdem noch weit entfernt. Für großes Aufsehen sorgt aktuell eine Story der 'BBC', in der Fritz Enzinger mit den Worten zitiert wird, dass ein Formel-1-Einstieg für Volkswagen unter bestimmten Rahmenbedingungen "von großem Interesse" sein könnte.

Porsche Motorsport kommentiert die 'BBC'-Story auf Anfrage von 'Motorsport-Total.com' nicht. Doch Enzinger ist nicht irgendwer. Der Österreicher hat Anfang 2018 die Leitung der Sparte Konzern-Motorsport in Wolfsburg von Wolfgang Dürheimer übernommen und verantwortet in dieser Funktion die motorsportliche Ausrichtung und Koordination aller Konzernmarken.

Davor war der 64-Jährige bis Ende 2011 bei BMW, unter anderem als Logistikchef des Formel-1-Projekts. Anschließend baute er bei Porsche maßgeblich jene Erfolgsorganisation auf, die drei Gesamtsiege bei den 24 Stunden von Le Mans und acht WM-Titel auf der Langstrecke feierte.

Seit Januar 2019 fährt Enzinger zweigleisig als Porsche-Motorsportchef mit rund 500 Mitarbeitern und als Verantwortlicher für die Motorsportstrategie des gesamten Volkswagen-Konzerns. Er gilt, so hört man, im Management des Volkswagen-Konzerns als bekennender Befürworter eines Formel-1-Projekts.

Fritz Enzinger

Fritz Enzinger (64) hat Porsche zu drei Gesamtsiegen in Le Mans geführt

Foto: Porsche

"Großes Interesse": Das hat Enzinger der 'BBC' gesagt

"Grundsätzlich werden alle Entwicklungen im Motorsport und in Rennserien permanent beobachtet und bewertet", sagt er der 'BBC'. Das gelte insbesondere "im Hinblick auf den neuen Motor und die Regeln für den Antriebsstrang in der Formel 1 ab 2025. Sollten Aspekte der Nachhaltigkeit dabei eine Rolle spielen, zum Beispiel die Einführung von E-Fuels, dann wäre das von großem Interesse."

Dass das Thema Formel 1 für den Volkswagen-Konzern zumindest nicht ad acta gelegt ist, darüber wird in Branchenkreisen schon länger getuschelt. Die Rahmenbedingungen stehen gut. Der Dieselskandal ist zwar nicht erledigt, aber zumindest sind die ärgsten Wellen inzwischen gebrochen, und neuer Chef der Formel 1 ist mit Stefano Domenicali ein Ex-VW-Mann.

Und zwar nicht irgendeiner: Domenicali war jener Mann, der 2015 eine Studie entwickelt hat, die prüfen sollte, ob ein Formel-1-Einstieg für Audi Sinn ergibt. Wenig später setzte Enzinger, wie er 2019 in einem Interview mit 'Motorsport-Total.com' verraten hat, auf genau diese Studie auf, als der Konzern kurz davor stand, Porsche in die Formel 1 zu schicken.

Diess: Formel 1 spannender als die Formel E

Neue Dynamik kam in die Gerüchte, als Konzernchef Herbert Diess im vergangenen August auf LinkedIn postete, dass "eine Formel 1 mit synthetischen Kraftstoffen spannender ist, mehr Spaß macht, eine bessere Motorsport-Erfahrung ist und mehr technischen Wettbewerb mit sich bringt als eine Formel E, die ein paar Runden in Innenstädten im Gaming-Modus fährt".

Laut Informationen von 'Motorsport-Total.com' besteht aktuell ein Prüfauftrag zum Thema Formel 1 innerhalb des Konzerns, der von höchster Ebene unterstützt wird. Klar ist aber auch: Volkswagen wird nur kommen, wenn die Rahmenbedingungen so gestaltet sind, dass ein Engagement für vertretbares Geld eine realistische Chance auf Erfolg hat und dabei auch noch ökologisch nachhaltig ist.

Als ab 2017 ein Formel-1-Einstieg von Porsche geprüft und 40 Mitarbeiter (zunächst unter strenger Geheimhaltung) einen Formel-1-tauglichen Sechszylinder entwickelt haben, saß Volkswagen sogar bei den Verhandlungen über das neue Motorenformat in der Königsklasse mit am Tisch.

Im Februar 2019 lief der intern sogenannte "Hocheffizienzmotor" erstmals auf dem Prüfstand, und alle Weichen schienen gestellt für einen Einstieg in die Königsklasse. Damals mit an Bord: Andreas Seidl, heutiger Teamchef von McLaren - jener Mann, der mit Enzinger schon beim erfolgreichen Porsche-LMP1-Programm zusammengearbeitet hat.

Warum es letztendlich nicht zum Porsche-Einstieg kam, darüber gibt es bis heute unterschiedliche Darstellungen. Auf VW-Seite heißt es unter anderem, dass die bestehenden Hersteller nicht dazu bereit waren, das Motorenformat so weit zu verändern, dass ein Neueinsteiger eine realistische Chance auf Erfolg gehabt hätte.

Auf Formel-1-Seite sickert durch, dass Volkswagen zwar einerseits ein komplett neues Motorenreglement vorantreiben wollte, andererseits aber nicht dazu bereit war, sich verbindlich zu einem Einstieg zu bekennen. Nur dann hätte man sich unter Umständen auf eine teure Änderung des Motorenformats schon zur Saison 2021 eingelassen.

Kostenkontrolle, Nachhaltigkeit: Das sind die entscheidenden Themen

Doch jetzt gibt's für Volkswagen und die Formel 1 eine neuerliche Chance, denn hinter den Kulissen werden gerade die Weichen für den neuen Motor ab 2025 gestellt. Beim Grazer Unternehmen AVL wird mit Hochtouren im Bereich E-Fuels geforscht - ein Thema, das für die Konzernstrategie von Volkswagen in den nächsten Jahren eine große Rolle spielen könnte.

Sollte die Formel 1 unter Ex-VW-Mann Domenicali die Weichen richtig stellen, stehen die Chancen auf einen Einstieg so gut wie nie zuvor. Welche Marke in so einem Fall ins Rennen geschickt werden könnte, das ist hingegen unklar. Immerhin umfasst der Konzern acht Automarken, die theoretisch in Frage kommen (Audi, Bentley, Bugatti, Lamborghini, Porsche, SEAT, Skoda und Volkswagen).

Praktisch kommen drei davon in die engere Wahl. Audi wäre als Volumenhersteller logisch und könnte in einer nachhaltig orientierten Formel 1 den legendären Slogan "Vorsprung durch Technik" neu beleben. Für Porsche spricht hingegen die emotionale Komponente mit dem klingenden Namen und der Einfluss der Porsche-Familie innerhalb des Konzerns.

Rein theoretisch könnte in solchen Überlegungen auch der Sportwagenhersteller Lamborghini eine Rolle spielen. Lamborghini ist eine hundertprozentige Audi-Tochter und wurde von 2016 bis 2020 vom heutigen Formel-1-Chef Domenicali als CEO geleitet. Und Vorstandsvorsitzender bei Audi ist mit Markus Duesman ebenfalls ein bekennender Formel-1-Fan.

Markus Duesmann

Markus Duesmann kennt die Formel 1 aus Mercedes- und BMW-Zeiten

Foto: Volkswagen

Duesman startete seine Karriere im Daimler-Konzern und war dort unter anderem Entwicklungsleiter der Formel-1-Motorenabteilung in Brixworth (übrigens als Vorgänger des heutigen Daimler-Konzernchefs Ola Källenius). 2006 wechselte er zu BMW und verantwortete dort den Antriebsstrang des BMW-Sauber-Teams, der damals als stärkster Motor der Formel 1 galt.

An dem Punkt kreuzten sich bei BMW die Wege von Duesman (Chef der Motorenabteilung), Enzinger (Logistikchef) und Seidl (Einsatzleiter des Renn- und Testteams). Duesman gilt heute - auch das spielt für diese Geschichte eine Rolle - als heißer Kandidat auf die Nachfolge von Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess.

Wie sich die Formel 1 jetzt bewegen muss

Das sind auf politischer Ebene gute Voraussetzungen für ein mögliches Formel-1-Engagement des Volkswagen-Konzerns. Für ein klares Bekenntnis aus Wolfsburg zur Königsklasse müssen jedoch einige Grundvoraussetzungen geschaffen werden. Da liegt der Ball jetzt bei den Entscheidern in der Formel 1.

Rechteinhaber Liberty Media mit Formel-1-Chef Domenicali hat sicher großes Interesse daran, nach dem Honda-Ausstieg einen vierten OEM für den Grand-Prix-Sport zu gewinnen. Erstens, weil so das Risiko minimiert wird, vor einem Scherbenhaufen zu stehen, sollte sich ein weiteres Werk zurückziehen. Zweitens, weil jeder Hersteller auch eine ganze Reihe Partner und Sponsoren für die B2B-Ebene mitbringt.

Auch seitens der FIA sind keine Stolpersteine zu erwarten. Für Volkswagen sind Themen wie Nachhaltigkeit (Downsizing auf einen Vierzylinder, Hybid, E-Turbo, E-Fuels) von elementarer Bedeutung, ebenso wie eine Budgetdeckelung auch im Bereich Antriebsstrang. Das sind Ziele, die sich mit jenen von FIA-Präsident Jean Todt decken - und die nicht nur bei Volkswagen, sondern auch bei anderen Herstellern Interesse wecken könnten.

Zum Knackpunkt könnten daher die derzeit engagierten Hersteller Alpine (Renault), Ferrari (FIAT) und Mercedes (Daimler) werden. Sollten diese bereit sein, im Hinblick auf den neuen Formel-1-Motor ab 2025 eine große Reform anzupacken, wie sie eigentlich schon für 2021 geplant war, dann ist aus Volkswagen-Sicht vieles denkbar, hört man.

2016 kam der Dieselskandal dazwischen, drei Jahre später die mangelnde Reformbereitschaft der bestehenden Player in der Formel 1. 2025 ist die dritte realistische Chance in zehn Jahren. Doch dafür sind noch viele Schritte zu gehen.

Der erste wäre, dass Volkswagen bei den Gesprächen über das neue Motorenformat mit am Tisch sitzt. Ob das passiert, könnte sich schon in den nächsten Wochen zeigen.

Mit Bildmaterial von Volkswagen/Porsche.

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Urheber Christian Nimmervoll