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Singapur-Debakel von Lewis Hamilton: "Senior Moment" oder Vertrauensbruch?

Der "verpasste" Boxenstopp von Lewis Hamilton in Singapur: War es ein Blackout oder gezielte Tretmühle gegen Ferrari? Gedanken von Redakteur Stuart Codling

Stuart Codling

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Veröffentlicht: 13.10.2026, 08:17

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Singapur-Debakel von Lewis Hamilton: "Senior Moment" oder Vertrauensbruch?

Lewis Hamilton (Ferrari) mit goldenem Helm in Singapur 2026

Foto: Sutton Images

Ferrari-Teamchef Frederic Vasseur hat sich in letzter Zeit schon daran gewöhnt, mit unangenehmen Fragen löchrig geschossen zu werden, auch wenn es dabei meist um seine eigene Zukunft im Team ging. Zu seinem Bedauern erweist sich der Wechsel der Angriffsrichtung als nicht minder lästig.

Denn nach dem Singapur-Rennen richtete sich der Fokus zwangsläufig auf Lewis Hamilton, der während des virtuellen Safety-Cars nicht an die Box kam. Ausgelöst wurde diese Gelbphase von Lance Stroll, dessen Aston Martin in Runde 39 von 62 den Geist aufgab.

Dass die Aston-Martin-Piloten liegen bleiben oder verunfallen und die Rennverläufe damit komplett auf den Kopf stellen, ist in der Saison 2026 zu einem so verlässlichen Phänomen geworden, dass Wettanbieter darauf eigentlich keine Quoten mehr anbieten dürften.

Schließlich war es schon beim Großen Preis von Barcelona ein verrauchter Aston Martin, der Hamilton einen günstigen Boxenstopp und dank einer konträren Strategie den ersten Ferrari-Sieg bescherte. Seitdem haben sich die Vorzeichen verändert - abgesehen von der Gewissheit, dass irgendwann ein Auto in British Racing Green das Zeitliche segnet.

Ferrari in der Formel 1 mit Zentnerlasten am Hals

Ferraris Titelkampf ist im Laufe der Saison ins Stocken geraten. Für jedes andere Team wäre der zweite Platz in der Konstrukteurs-WM nach ein paar schwierigen Jahren ein klarer Fortschritt. Doch Ferraris glorreiche Historie und die gewaltige Erwartungshaltung der italienischen Heimat hängen dem Rennstall seit jeher wie Zentnerlasten am Hals.

Vielleicht liegt es an der Dominanz von Mercedes und den Schwächephasen von McLaren und Red Bull in der ersten Saisonhälfte, dass Ferrari für seine Fortschritte kein Lob erntet, sondern für Enttäuschungen und operative Fehler gnadenlos abgestraft wird.

Denn strategische Patzer gab es reichlich, gepaart mit einer scheinbaren Unfähigkeit oder Unwilligkeit, gegenüber Hamilton und Charles Leclerc ein Machtwort zu sprechen.

Indem man Leclerc und Hamilton in Singapur auf unterschiedlichen Reifen starten ließ - Leclerc auf Soft, Hamilton auf Medium -, befand sich Ferrari im Modus Schadensbegrenzung, um das schwache Qualifying hinter Max Verstappen zu kompensieren.

Leclerc in eine Position zu bringen, in der er beim Start möglicherweise Plätze gutmachen konnte, während Hamilton auf Reifen fuhr, die theoretisch länger halten sollten, schien alle Eventualitäten bestmöglich abzudecken.

Allerdings war das immer noch nicht so gut wie ein Startplatz in der ersten Reihe - erst recht auf einem Kurs, auf dem Überholen zwischen gleich starken Autos ohne drastischen Reifenvorteil extrem knifflig ist.

Im Rennen zeigte sich dann: Die weiche C5-Mischung hielt deutlich besser als gedacht, während die Mediums kaum eine längere Lebensdauer boten. "Soft-Reifen mit weniger Verschleiß als erwartet", bemerkte schließlich auch die unnachgiebige Klugscheißer-Grafik von Amazons "Strategic Insights" im TV-Weltbild.

Ferrari-Sieg in Singapur außer Reichweite, aber ...

Zu diesem Zeitpunkt war das Rennen für Ferrari jedoch längst gelaufen: Hamilton war bereits am Ende von Runde 18 an die Box gekommen, um die ungeliebten Mediums loszuwerden. Wie Vasseur nach dem Rennen einräumte, wären die Plätze zwei und drei für Ferrari machbar gewesen.

Verstappen war an diesem Tag unerreichbar, solange keine unvorhergesehenen Dinge passierten. Was man schlichtweg nicht begreifen konnte: Warum Hamilton beim virtuellen Safety-Car nicht stoppte, obwohl er auf angefahrenen Softs unterwegs war, die neben dem Qualifying bereits 20 Rennrunden auf dem Buckel hatten.

Lewis Hamilton (Ferrari) beim Großen Preis von Singapur 2026

Lewis Hamilton (Ferrari) beim Großen Preis von Singapur 2026

Foto: LAT Images

Leclerc war Ende Runde 24 auf Mediums gewechselt und merkte schnell, wie zäh sich diese Reifen fuhren. Leclerc und Hamilton lagen etwa vier Sekunden auseinander und fuhren gerade durch die Kurven 10 und 11 - Leclerc 5,7 Sekunden hinter Verstappen -, als die gelbe Flagge für Strolls gestrandeten Aston Martin zum VSC hochgestuft wurde.

Was danach geschah, sorgte für Verwirrung, weil das Onboard-Material von Hamiltons Auto in dieser Phase von Funkstörungen und Audioaussetzern geprägt war (ganz davon abgesehen, dass ohnehin nie der gesamte Funkverkehr gesendet wird).

Was war in Singapur mit Lewis Hamilton los?

Schaut man sich die separaten Feeds isoliert an, könnte man meinen, nur Leclerc habe den Stopp-Befehl erhalten. Vasseur beharrte jedoch darauf, dass beide Autos an die Box geordert wurden: "Wir haben beide Autos reingerufen. 'Jungs, ihr stoppt unter VSC'", stellte er klar. "Einer meiner Jungs (Hamilton) meinte dann: 'Nein, ich bleibe lieber draußen.' Oder er sagte: 'Ich habe die Boxeneinfahrt verpasst.' Macht dem Team hier keinen Vorwurf."

Das ist gelinde gesagt hochgradig merkwürdig. Bedenkt man die Position der Autos beim Auslösen des virtuellen Safety-Cars und die Tatsache, dass beide gleichzeitig die Anweisung erhielten, erfordert es eine erhebliche mentale Akrobatik, um zu glauben, dass Hamilton die Boxeneinfahrt versehentlich verpasst hat.

Der Abstand zwischen den Fahrern hätte locker für einen Doppelstopp gereicht, ohne Hamiltons Rennen nennenswert zu beeinträchtigen. Er wäre aller Voraussicht nach vor Lando Norris herausgekommen, der wenige Runden zuvor gestoppt hatte. Bei Leclerc funktionierte das problemlos.

Für Leclerc war der Wechsel weg von den Mediums zurück auf die (wenn auch gebrauchten) Softs die beste Option. Er holte in der Schlussphase auf Verstappen auf, stellte aber nie eine ernsthafte Gefahr dar. Für Hamilton wäre es ähnlich gelaufen, er hätte den dritten Rang abgesichert.

Ferrari versuchte danach vergeblich, Hamilton unter grüner Flagge zu einem Stopp zu bewegen. Man rechnete ihm vor, dass ihm sechs Runden fehlten, um die Einstoppstrategie durchzuziehen. Die Reifen würden am Ende schlicht einbrechen.

Ein Stopp hätte ihn zwar hinter Kimi Antonelli und die beiden McLarens zurückgeworfen, aber zumindest hätte er mit frischeren Reifen noch Lando Norris und Oscar Piastri angreifen können. Antonelli wäre schwieriger geworden, weil auch er beim virtuellen Safety-Car gestoppt hatte.

Hamilton widersetzt sich den Ferrari-Anweisungen

Hamilton lehnte ab und hoffte stattdessen auf eine weitere Safety-Car-Phase. Ein Fahrer seiner Erfahrung sollte eigentlich wissen, dass das ein reines Himmelfahrtskommando ist: Das Warten auf eine Neutralisierung, die vielleicht nie kommt, ist das letzte Mittel der Verzweiflung.

Unvermeidlich brachen seine Reifen in den letzten zehn Runden ein, und im Ziel reichte es nur noch für den sechsten Platz. Lewis entschuldigte sich in der Auslaufrunde zwar über Funk beim Team, gab nach dem Rennen jedoch an, sich unwohl zu fühlen. Er ging ins Medical Center und wurde anschließend von den regulären Medienpflichten entbunden.

Aus diesem Grund bleiben nur eine dünnhäutige Presserunde von Vasseur und die Ferrari-Pressemitteilung. Darin wird Lewis mit den Worten zitiert: "Es war eine schmerzhafte Lektion, aber ich übernehme die volle Verantwortung für meine Entscheidungen", denn "das Team hat mich reingerufen, aber ich habe die Einfahrt verpasst."

Lewis Hamilton und Ferrari-Teamchef Frederic Vasseur

Es knistert zwischen Hamilton und Ferrari-Teamchef Vasseur

Foto: LAT Images

Hamiltons früher Stopp auf gebrauchte Softs führte dazu, dass Leclerc nach seinem Stopp in Runde 24 nur hauchdünn vor seinem Teamkollegen herauskam. Hamilton forderte umgehend, vorbeigelassen zu werden. Leclerc antwortete darauf auf seine Weise: mit der schnellsten Rennrunde.

Das weckte Erinnerungen an Zandvoort, wo Hamilton das Gefühl hatte, aufgehalten zu werden und dass man Leclerc nicht anwies, Platz zu machen. Damals schrie er seinen Renningenieur Carlo Santi am Funk an - ein für ihn völlig untypischer Ausbruch.

Hamilton war in seiner Karriere an der Boxenmauer zwar oft bestimmt, aber so lautstark hatte man ihn noch nie erlebt. Nach Monza, wo ihn Leclerc in der ersten Kurve ins Kiesbett gedrückt hatte, verglich Hamilton das Ferrari-Reglement dann sogar öffentlich negativ mit seinen Zeiten bei Mercedes: "Hier gibt es keine Regeln."

Macht das das Hamilton-Alter nun doch bemerkbar?

Auf der anderen Seite überwogen in dieser Saison die Momente, in denen Hamilton schlicht unkonzentriert wirkte - und mit 41 Jahren bereits echte "Senior Moments" zeigte.

Wie im Qualifying zum Ungarn-Grand-Prix, als er auf den letzten Metern seiner fliegenden Runde den auf einer Aufwärmrunde fahrenden Oscar Piastri überholte, dessen Existenz im Anschluss komplett zu vergessen schien und ihm prompt vors Auto fuhr, als der McLaren-Pilot seine eigene schnelle Runde fahren wollte.

In Madrid wiederum fing er sich dicke Kritik ein, weil er in der Steilkurve La Monumental im Bummeltempo mitten auf der Ideallinie herumdümpelte.

Hamiltons Gespür für Rennstrategien war noch nie ganz auf dem Niveau eines Fernando Alonso. Und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass seine Detailliebe jenseits der 40 spürbar nachlässt. Könnte es also sein, dass er die Boxeneinfahrt in Singapur ganz bewusst "verpasst" hat - weil er lieber pokern wollte, anstatt sich klaglos hinter Leclerc einzureihen?

Wer von sich behauptet, stets "den Moment zu nutzen", neigt oft dazu, sich damit selbst in die Bredouille zu bringen. Und das war definitiv der falsche Zeitpunkt für Eigeninitiative. Es zeugt von einem gewissen Mangel an Vertrauen in den Ferrari-Kommandostand.

Schaut man sich einige Patzer der letzten Jahre an, mag man ihm dieses Misstrauen nicht einmal verdenken. Zu glauben, man könne es selbst besser? Die Antwort liefert der Blick auf die Ergebnislisten: Platz sechs und knapp eine Minute Rückstand auf den Sieger.

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