Foto-Finish in Phoenix: Kevin Harvick bezwingt Carl Edwards

Um Haaresbreite fährt Kevin Harvick von Startplatz 18 kommend seinen achten Phoenix-Sieg ein – Carl Edwards unterliegt im Foto-Finish um eine Hundertstelsekunde.

Auf dem Papier ließ sich mit dem richtigen Siegertipp für das Good Sam 500 auf dem Phoenix International Raceway am Sonntag kein Vermögen anhäufen. Die Art und Weise, wie Phoenix-Spezialist Kevin Harvick (Stewart/Haas-Chevrolet) auf seiner Paradestrecke das vierte von 36 Rennen der Saison 2016 im NASCAR Sprint-Cup gewann, war da schon überraschender.

Nur von Startplatz 18 kommend übernahm Harvick im Zuge des dritten von insgesamt fünf Restarts (Runde 169) erstmals die Führung. Anschließend verlor er die Spitzenposition lediglich bei einem Boxenstopp kurzzeitig an Carl Edwards (Gibbs-Toyota). In der 307. von ursprünglich geplanten 312 Runden brachte Kasey Kahne (Hendrick-Chevrolet; 22.) mit einem Abflug in Turn 4 die letzte Gelbphase heraus und sorgte dafür, dass die neue Overtime-Regel angewandt wurde.

Während Spitzenreiter Harvick auf den letzten Boxenstopp verzichtete, holte sich Verfolger Edwards zwei frische Reifen. In Turn 3 der letzten Runde hatte der Gibbs-Pilot das Heck des führenden Stewart/Haas-Chevy erreicht. Ausgangs Turn 4 lag Edwards sogar kurzzeitig vorn, doch Harvick rettete sich Türklinke an Türklinke inklusive Berührung mit einer Hundertstelsekunde Vorsprung als Sieger ins Ziel.

Carl Edwards: „Ich hätte ihn abschießen sollen“

„Ich wusste, dass sein Auto in den Turns 3 und 4 besser liegt als meines. Ihn wollte ich nicht im Rückspiegel haben“, so Harvick in der Victory Lane in Anspielung auf Edwards. Die entscheidenden letzten Meter aus der Sicht des Siegers: „In Turn 3 der letzten Runde verpasste ich ein wenig die Linie und geriet zu weit nach oben. Da setzte er sich innen neben mich. Mir war klar, dass ich ihn an der Tür rammen musste, um noch eine Chance zu haben. Das hat funktioniert.“

De facto war es allerdings Edwards, der Harvick in unmittelbarer Sichtweite der Ziellinie an den Kotflügel fuhr. Damit verlor der Gibbs-Pilot die entscheidenden Sekundenbruchteile doch noch. „Ich hätte ihn abschießen sollen“, so Edwards' erste Reaktion. In aller Ernsthaftigkeit fügte der zweimalige Phoenix-Sieger hinzu: „Ich dachte mir einfach, wenn ich ihn ein bisschen aus dem Weg schiebe, komme ich vorbei. Ich habe ihn einfach nicht weit genug geschoben. Das Rennen hat Spaß gemacht, aber ich wünschte, ich hätte es gewonnen.“

Fotos: Good Sam 500 in Phoenix

Für Kevin Harvick ist es in Phoenix der sechste Sprint-Cup-Sieg bei den acht zurückliegenden Anläufen. Mit seinem insgesamt bereits achten Triumph in der Wüste Arizonas hat sich „The Closer“ inzwischen einen neuen Spitznamen erarbeitet: „Cactus King“.

Der Vorsprung von 0,010 Sekunden bedeutet die engste Entscheidung, die auf dem Phoenix International Raceway jemals im Kampf um einen NASCAR-Sieg notiert wurde. Bemerkenswert: Beim Foto-Finish zwischen Denny Hamlin und Martin Truex Jr. zum Saisonauftakt in Daytona wurde exakt der gleiche Abstand gemessen.

Aufholjagd von Kyle Busch nach verpatztem Boxenstopp

Auf den Plätzen drei und vier hinter dem knapp geschlagenen Carl Edwards kamen diesmal dessen Gibbs-Teamkollegen Denny Hamlin und Kyle Busch ins Ziel. Letztgenannter hatte dabei mit Abstand die meiste Arbeit. Von der Pole-Position führte Kyle Busch die ersten 74 Runden an, fiel dann aber zurück, weil er beim ersten Boxenstopp (Runde 53) auf Anweisung von Crewchief Adam Stevens nur zwei statt vier frischer Reifen bekam.

Beim dritten Boxenstopp (Runde 164) fuhr Kyle Busch nach einem etwas zu spät eingeleitetem Bremsvorgang über einen Druckluftschlauch seiner Gibbs-Crew und musste zurücksetzen, um beim Stopp einerseits nicht zu weit vorn und andererseits nicht zu weit links zu stehen. Durch den Zeitverlust fiel der amtierende NASCAR-Champion auf Platz 16 zurück. Von dort arbeitete er sich anschließend sukzessive wieder nach vorn.

Dank der späten letzten Gelbphase und der damit einhergehenden Verlängerung des Rennens von 312 auf 313 Runden fing Kyle Busch den beim letzten Restart auf Rang zwei liegenden Dale Earnhardt (Hendrick-Chevrolet) noch ab und wurde Vierter. „Junior“, der genau wie Kevin Harvick auf den letzten Boxenstopp verzichtete, musste sich schließlich mit Platz fünf begnügen.

Rookie-Duell Elliott vs. Blaney bleibt spannend

Die Top 10 wurden von Kurt Busch (Stewart/Haas-Chevrolet), Matt Kenseth im vierten Gibbs-Toyota, Chase Elliott (Hendrick-Chevrolet), Austin Dillon im einzigen ins Ziel gekommenen Childress-Chevrolet und Ryan Blaney (Wood-Ford) vervollständigt. Hier geht's zum kompletten Rennergebnis.

Blaney kämpft gegen Elliott um den Rookie-Titel 2016. Nachdem der Einzelkämpfer in Diensten der Wood Brothers vor Wochenfrist in Las Vegas mit Platz sechs sein bisher bestes Saisonergebnis eingefahren hat, war es diesmal der Hendrick-Rookie, der dank Platz acht knapp die Oberhand behielt.

Anders als auf den 1,5-Meilen-Ovalen in Atlanta und Las Vegas trug das Low-Downforce-Package auf dem Ein-Meilen-Oval in Phoenix nicht ganz so nachhaltig zur Verbesserung der Rennaction bei. Trotz Startplatz 18 sammelte Kevin Harvick unterm Strich 139 Führungsrunden. Wechsel an der Spitze gab es abgesehen von den dramatischen letzten Metern nur im Zuge der Boxenstopps oder Restarts.

Zahlreiche Reifenschäden in der Wüste

Neben dem Foto-Finish waren zahlreiche Reifenschäden das große Thema des Phoenix-Sonntags. Richard Childress Racing verlor zwei seiner drei Autos durch Crash. In Runde 53 flog Ryan Newman mit geplatztem rechten Vorderreifen in Turn 3 ab. In der 106. Runde erwischte es an gleicher Stelle auch Teamkollege Paul Menard. Dessen erster Vermutung zufolge war an seinem Chevy SS jedoch nicht der Reifen, sondern eine gebrochene Bremsscheibe vorn rechts der Übeltäter.

Doch nicht nur für Newman und Menard endete das Rennen unsanft an der SAFER-Barrier. In Runde 163 krachte Ricky Stenhouse (Roush-Ford) in diese. Grund war wie bei Newman ein Reifenplatzer vorn rechts. In der 307. Runde erwischte es in Turn 4 schließlich noch Kasey Kahne mit Reifenschaden vorn rechts, wodurch das Foto-Finish zwischen Kevin Harvick und Carl Edwards überhaupt erst möglich gemacht wurde. Anderenfalls hätte Harvick den Sieg entspannt vor Dale Earnhardt Jr. nach Hause gefahren.

Auch Brad Keselowski (Penske-Ford) hatte im Rennverlauf ein Reifenproblem zu beklagen. In seinem Fall war es allerdings nicht der rechte Vorder-, sondern der rechte Hinterreifen. Einen Abflug in die Mauer konnte der Las-Vegas-Sieger gerade so vermeiden, mehr als Platz 29 war aber nicht zu holen. Auch für den viermaligen Phoenix-Sieger Jimmie Johnson war diesmal nichts zu holen: Platz elf, nachdem er infolge seines Qualifying-Crashs vom Ende des Feldes hatte starten müssen.

Wieder Frust für Clint Bowyer

Clint Bowyer, der seit seinem Wechsel zu HScott Motorsports noch kein Highlight setzen konnte, schaffte auch auf dem ersten Ein-Meilen-Oval der Saison nicht den Durchbruch: Platz 31 mit sechs Runden Rückstand.

Im kommenden Jahr fährt Bowyer bei Stewart/Haas Racing für den derzeit verletzten und zum Saisonende zurücktretenden Tony Stewart. Dessen Ersatzfahrer Ty Dillon kam in Phoenix auf Platz 15 in der Führungsrunde ins Ziel. In dieser hielt sich bis kurz vor Schluss auch Danica Patrick im vierten Stewart/Haas-Chevy auf. Eine späte Überrundung ließ die einzige Frau im Feld auf Platz 19 abschließen.

Weiter geht es im Sprint-Cup-Kalender mit der dritten Station des West-Coast-Swings. Diese steht am kommenden Wochenende auf dem Zwei-Meilen-Oval in Fontana (Kalifornien) auf dem Programm.

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Über diesen Artikel
Rennserien NASCAR Sprint-Cup
Veranstaltung Phoenix
Rennstrecke Phoenix International Raceway
Artikelsorte Rennbericht