Reaktion

Formel 1 Sotschi

Bottas legt sich mit Instagram-User an: "Mir egal, was du glaubst!"

Valtteri Bottas ist nach seinem Sieg in Sotschi am Boxenfunk ausgerastet, aber das hatte eine Vorgeschichte, die viele vermutlich noch nicht kennen ...

Christian Nimmervoll Maria Reyer

Bearbeitet: 28.09.2020, 12:00

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Valtteri Bottas hat sich beim Grand Prix von Russland in Sotschi auf Instagram mit einem User angelegt und tags darauf mit dem Sieg im Rennen die richtige Antwort gegeben: "Ein schöner Moment", funkte er unmittelbar nach der Zieldurchfahrt in Richtung seiner Kritiker - und packte den Trademark-Spruch von Melbourne 2019 noch einmal aus: "To whom it may concern: Fuck you!" Ein Satz, der keiner Übersetzung bedarf.

Den Boxenfunk hat in der TV-Liveübertragung ein Millionenpublikum mitbekommen. Die (mutmaßliche) Vorgeschichte nicht. Denn tags zuvor, nach der enttäuschend klaren Niederlage gegen Lewis Hamilton, hatte Bottas auf Instagram nach einer Erklärung für sein Abschneiden gepostet, dass er das Rennen gar nicht mehr erwarten kann: "Ich habe ein gutes Gefühl und bin optimistisch!"

Im Zeitalter der Social-Media-Trolle dauerte es nicht lange, bis ein User diese Parole aufgriff und ins Lächerliche zog: "Glaubt irgendwer, dass du da bist, um zu gewinnen? Du wirst ein guter Junge sein und tun, was sie dir sagen, und Lulu [Hamilton] wie immer gewinnen lassen." Offensichtlich eine Anspielung auf Sotschi 2018, als Bottas per Mercedes-Stallorder zurückgepfiffen wurde.

Schon vor seinem "verbalen Stinkefinger" nahm sich Bottas den User noch am Samstag online zur Brust und antwortete: "Ist mir egal, was du glaubst, Freundchen. Ich glaube dran. Mit deiner Einstellung hätte ich in meiner Karriere nie eine Chance gehabt, nie. Ich werde nicht aufgeben!"

 

Wolff: "Valtteri war überfällig"

Den Rest der Antwort gab er am Sonntag auf der Strecke. "Valtteri war längst überfällig, ein Rennen zu gewinnen", findet Mercedes-Teamchef Toto Wolff. "Er war in einigen Qualifyings sehr nahe dran. Er lag in Mugello in Führung. So gesehen verdient er diesen Sieg, denn er ist ein brillantes Rennen gefahren und hat es ganz cool nach Hause gebracht."

Dabei hatte es für den Sotschi-Spezialisten (2017 erster Sieg in der Formel 1, 2018 nur durch Stallorder gebremst) zunächst nicht nach Wunsch begonnen. Denn die Hoffnung, von P3 aus dem Windschatten heraus in Führung zu gehen, zerplatzte in der Bremszone von Kurve 2. Bottas war schon halb vor Hamilton, kam aber ins Rutschen und musste zurückstecken.

"Ich wusste, dass der Start meine erste Gelegenheit sein würde. Der war aber ein bisschen beeinträchtigt, weil mir unmittelbar vor dem Bremspunkt eine massive Biene oder irgend sowas aufs Visier klatschte. Ich konnte nicht wirklich sehen, wann ich bremsen soll. Deswegen bremste ich ein bisschen zu spät", gibt er zu.

Und es ging gleich in der Tonart weiter, denn die Safety-Car-Phase, die bis Runde 6 dauerte, kam theoretisch Hamilton entgegen, der auf den weicheren Reifen gestartet war. Bottas ließ sich davon aber nicht verunsichern: "Ich wusste, dass es ein langes Rennen werden würde, und mit dem Medium-Reifen wusste ich auch, dass sich da noch Chancen auftun werden."

 

Medium sollte genug Vorteil sein ...

"Mir war klar: Selbst wenn ich am Start nicht vorbeikomme, ist es nicht vorbei. Auf die Gesamtrennzeit gesehen sollte der Medium am Start ein großer Vorteil sein, und auch in Sachen Strategie. Daher habe ich immer daran geglaubt, dass ich gewinnen kann."

Bottas folgte Hamilton bis zu dessen Boxenstopp in Runde 16 wie ein Schatten. Da war schon klar, dass sein Teamkollege eine Zeitstrafe erhalten würde. "Natürlich hatte ich Glück, dass Lewis die Strafe bekommen hat", räumt er ein. "Aber sonst war es ein starkes Rennen, das mir für die nächsten Rennen einen Motivationsschub verleiht."

"Als ich einmal freie Fahrt hatte, war das Tempo ziemlich stark. Auch mit dem harten Reifen am Ende. Ich hatte alles unter Kontrolle", behauptet Bottas. "Ich habe mir zu keinem Zeitpunkt Sorgen gemacht, weil ich wusste, wie viele Chancen sich bieten würden. Niemals aufgeben! Ein guter Tag."

In der Fahrerwertung rafft er sich damit zu seiner allerletzten Minichance auf. Nach zehn von 17 Rennen hat Bottas nur noch 44 (statt vorher 55) Punkte Rückstand auf Hamilton. Das ist immer noch eine Menge Holz und entspricht umgerechnet einem Sieg, einem zweiten Platz und einer schnellsten Runde.

Bitter: Hamilton-Strafpunkte wieder gestrichen

Seine WM-Chancen hätten sich schlagartig vergrößert, wären Hamilton seine Strafpunkte (und die damit einhergehende Angst vor einer Sperre) geblieben. Doch diese Entscheidung haben die FIA-Kommissare im Nachhinein revidiert. Somit bleibt nach Einschätzung unseres Experten Marc Surer das Coronavirus Hamiltons härtester Titelrivale.

Toto Wolff sieht das anders: "Valtteri ist noch voll im Titelrennen", glaubt er. Selbst Max Verstappen (77 Punkte Rückstand) dürfe man noch nicht außer Acht lassen. "Ich hoffe", sagt der Mercedes-Teamchef, "dass keiner unserer beiden Fahrer ein Rennen auslassen muss. Denn sowohl Lewis als auch Valtteri können die WM gewinnen."

Bottas selbst hat in Sotschi sowieso wieder Blut geleckt. Die sich langsam einstellende Resignation hat er vorerst vertrieben. "Jetzt muss ich versuchen, den Schwung mitzunehmen", sagt er. "Es ist mir gelungen, ein paar Punkte auf Lewis aufzuholen. Es sind noch ein paar Rennen zu fahren. Man weiß nie. Ich werde weiter pushen und nie aufgeben. Dann sehen wir ja, das dabei rumkommt."

"Ich war so oft nah dran", seufzt Bottas. "Ich habe das Gefühl, dass meine Rennpace diese Saison viel besser geworden ist. Es hat schon genervt, dass es ein paar Mal so knapp nicht geklappt hat. Aber jetzt ist's einfach mal zu meinen Gunsten gelaufen - es kann ja nicht immer gegen mich gehen! Daher freut mich dieser Sieg sehr. Ich finde, er war wohlverdient."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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