Fünf Brennpunkte in Shanghai: Wer knackt den Mercedes-Code?
Zwischen Sprint-Risiko und Energie-Rätsel: Diese Faktoren entscheiden über den Grand Prix von China - Das sagen unsere Experten
Start zum Formel-1-Saisonauftakt 2025 in Melbourne: Wie geht es in China weiter?
Foto: LAT Images
Der Startschuss in die Formel-1-Saison 2026 war rasant: Nach dem Auftakt in Melbourne am vergangenen Sonntag steht an diesem Wochenende mit dem Grand Prix von China bereits die zweite Runde auf dem Programm.
George Russell bescherte Mercedes beim Großen Preis von Australien zwar einen Doppelsieg, doch Teamchef Toto Wolff wiegelt ab, wenn es um die Chancen der Silberpfeile geht, im Eiltempo zum Titel 2026 zu stürmen.
Dennoch gibt es im gesamten Feld an diesem Wochenende viel zu beobachten - zumal auf die Fans auch der erste Sprint-Wettbewerb der Saison wartet. Das allein stellt eine einzigartige Herausforderung dar, da sich die Teams noch ganz am Anfang dieses neuen Reglement-Zyklus befinden. Hier sind also fünf Brennpunkte für den Grand Prix von China.
Ed Hardy: Ferrari will Mercedes ernsthaft fordern
Dass Mercedes den Auftakt der Formel-1-Saison 2026 dominierte, kam für so gut wie niemanden überraschend. Die Silberpfeile und ihr Star-Pilot Russell waren die haushohen Favoriten für den Grand Prix von Australien. Besonders die Qualifying-Form war vielsagend: Russell nahm seinem Teamkollegen Kimi Antonelli 0,293 Sekunden ab, während das nächstschnellste Auto - Isack Hadjar im Red Bull - stolze acht Zehntel hinter dem Polesetter lag.
Doch es ist unwahrscheinlich, dass ein so großer Vorsprung Bestand hat. Ferrari-Boss Frederic Vasseur behauptete, man habe im Melbourne-Qualifying "nicht alles zusammengebracht", als Charles Leclerc Vierter und Lewis Hamilton Siebter wurde. Der Franzose glaubt, dass die Pace, die die Scuderia im Rennen zeigte, repräsentativer für ihre Form ist. Leclerc lieferte sich dort ein frühes Duell mit Russell um die Führung, und auch Hamilton mischte mit.
Letztendlich landete Ferrari auf den Plätzen drei und vier, nachdem das Team unter dem virtuellen Safety-Car nicht an die Box gekommen war. Dennoch sind die Anzeichen für die Italiener positiv, dass sie das Team sein können, das Mercedes in diesem Jahr herausfordert.
"Wir haben einen Kampf mit Ferrari vor uns", gab auch Mercedes-Chef Toto Wolff zu. Wir erwarten also ein enges Duell zwischen den beiden an diesem Wochenende - sofern die Scuderia das Qualifying nicht wieder verpatzt.
Interessant ist auch das Bild dahinter, wo McLaren und Red Bull im Kampf um die dritte Kraft Kopf an Kopf liegen. In Melbourne gab es einen späten Fight zwischen Lando Norris und Max Verstappen. Deren Teamkollegen hätten ebenfalls mitmischen können, wäre Isack Hadjar nicht durch einen Motorschaden gestoppt worden, während Oscar Piastri bereits vor dem Rennen durch einen Crash ausschied.
Shanghai ist daher auch für Piastri von enormer Bedeutung. Der McLaren-Pilot muss 2026 endlich punkten - besonders nach seinem Einbruch im Titelkampf 2025.
Benjamin Vinel: Die Gerade von Shanghai als nächster Härtetest
Der Kurs im Albert Park, der seit dem Wegfall der alten Kurven 9 und 10 im Jahr 2022 sehr energieintensiv ist, war ein echter Härtetest für die neue Fahrzeuggeneration. Da die Antriebseinheiten nun zu etwa 50 Prozent elektrisch betrieben werden, ist das Energiemanagement in den Vordergrund gerückt.
Das sorgte in Australien zwar für ordentliches Racing, war im Qualifying jedoch leicht irritierend: Die Fahrer mussten Lift-and-coast betreiben, um Energie zu gewinnen und diese früh auf den Geraden einzusetzen - nur um dann vorzeitig ohne Power dazustehen.
Besonders auffällig war dies auf dem Lakeside Drive, einem 1,4 Kilometer langen Vollgasstück. Dort ging den Fahrern die elektrische Energie aus, sodass sie bereits hunderte Meter vor der eigentlichen Bremszone langsamer wurden.
Man darf gespannt sein, wie sich das in Shanghai auswirkt. Zwischen Kurve 11 und 14 liegen 1,7 Kilometer, davon etwa 1,4 Kilometer Vollgas ab dem Moment, in dem die Fahrer in der Kurvenkombination 12-13 voll auf dem Pinsel stehen, bis zum Scheitelpunkt von Kurve 14. Es wird spannend sein zu sehen, wie die Teams die Energie auf diesem Kurs verwalten, der neben zahlreichen flüssigen Kurven nur drei echte Bremszonen aufweist - weniger als in Melbourne.
Ed Hardy: Wiederholt Isack Hadjar seine beeindruckende Leistung?
Die Probleme um das zweite Red-Bull-Cockpit sind hinlänglich bekannt: Seit Daniel Ricciardos überraschendem Abschied Ende 2018 sind zahlreiche Fahrer als Teamkollegen von Verstappen gescheitert.
Ob das daran lag, dass sie dem Druck an der Seite des viermaligen Weltmeisters nicht gewachsen waren, sich nicht an das schwierig zu fahrende Auto anpassen konnten oder schlichtweg nicht gut genug waren, steht auf einem anderen Blatt. Doch nun könnte Red Bull jemanden gefunden haben, der endlich in der Lage ist, die Lücke zu füllen, die Ricciardo hinterlassen hat.
Dieser Mann ist Hadjar. Er tat bei seinem Red-Bull-Debüt in Melbourne alles, um zu beeindrucken. Es hilft natürlich, dass die Österreicher für 2026 ein fahrerfreundlicheres Auto gebaut haben, aber ungeachtet dessen qualifizierte sich der 21-Jährige als Dritter, während Verstappen in Q1 crashte. Zwischenzeitlich sah es sogar so aus, als könnte er die Führung übernehmen, bis ein Mangel an Batterieleistung seinen Vorstoß in der ersten Runde stoppte.
Der Franzose schied zwar letztlich mit einem Motorschaden aus, zeigte aber genug, um für das kommende Jahr optimistisch zu sein. "Er hat ein fantastisches Wochenende gezeigt", sagte sein Teamchef Laurent Mekies. "Wir konnten das Testprogramm zwischen den Autos aufteilen und so die doppelte Menge an Informationen sammeln. Im Qualifying hat er dann alles auf den Punkt gebracht - sein erstes Qualifying unter diesen Regeln, und er hat es absolut getroffen. Platz drei war wahrscheinlich das Maximum, was am Samstag möglich war. Hut ab."
Red Bull braucht keinen Hadjar, der Verstappen schlägt. Er soll lediglich die Kohlen aus dem Feuer holen, wenn dem Niederländer etwas passiert - so wie am vergangenen Samstag. Hadjar hat geliefert, was von ihm verlangt wurde. Jetzt folgt die eigentliche Herausforderung: diese Leistung konstant abzurufen.
Diese Mission beginnt in Shanghai. Es gibt keinen Grund zu glauben, dass Hadjar nicht erneut glänzen kann, schließlich erreichte er hier bereits im Vorjahr als Rookie im Racing-Bulls-Auto das Q3. Auch wenn er als Elfter damals knapp an den Punkten vorbeischrammte, wird der Franzose diesmal zuversichtlich sein - ein Erfolg wäre ein solider Start ins Jahr.
Rachit Thukral: Das Sprintrennen als zusätzlicher Risikofaktor
Wer auf ein endgültiges Urteil über das neue Reglement 2026 gehofft hat, wird in China wohl enttäuscht werden. Das Sprintformat bedeutet, dass den Teams nur ein einziges Freies Training bleibt, um ihre Autos abzustimmen, bevor es ernst wird.
In gewisser Weise könnte das der Meisterschaft sogar entgegenkommen. Bei begrenzten Möglichkeiten für Set-up-Arbeit und Entwicklung hat Mercedes vielleicht keine Chance, die Muskeln voll spielen zu lassen, während andere Teams leicht in die falsche Richtung abbiegen könnten. Da die 2026er-Boliden aber noch in den Kinderschuhen stecken, darf man sich fragen, ob ein Sprint-Wochenende so früh in der Saison die richtige Entscheidung war.
Interessant wird auch sein, ob die Sprints unter dem neuen Reglement unterhaltsamer sind. Entgegen der Erwartung reduziert eine kürzere Renndistanz nicht zwangsläufig die Notwendigkeit des Energiesparens. Anders als in der Formel E, wo die Fahrer ein festes Batteriekontingent über das gesamte Rennen verwalten, arbeiten die Hybridsysteme der F1 weitgehend in einem Rundenzyklus.
Die Energie wird ständig über die Batterie gewonnen und wieder abgegeben. Daher gelten unabhängig von der Rennlänge die gleichen Einschränkungen.
Dennoch: Wenn die Batteriestände zu Beginn dieses Reglement-Zyklus eine so große Rolle im direkten Duell spielen, könnte ein Sprintrennen die perfekte Bühne für einen Jo-Jo-Effekt zwischen den Fahrern bieten.
Jose Carlos de Celis: Liegt das gesamte Aston-Martin-Problem bei Honda?
Viele machten Honda für alle Probleme von Aston Martin verantwortlich, doch nach Melbourne versicherten sowohl HRC als auch das Team, dass die Ausfälle am Sonntag nicht durch den Motor verursacht wurden. Honda und Aston Martin sagten sogar, man hätte das Rennen mit Fernando Alonso beenden können, wenn es nötig gewesen wäre.
Der Weltmeister selbst versicherte, dass Aston Martin in China mehr Risiken eingehen könne, da für das darauffolgende Rennen in Japan mehr Batterien auf Lager seien. Shanghai könnte also ein klareres Bild davon vermitteln, ob die Probleme über den Motor hinausgehen.
Bevor er zu viele Runden auf der Strecke drehen konnte, hatte Adrian Newey gesagt, das Chassis stünde auf dem fünften Platz in der Startaufstellung. Doch die Runden nach Alonsos glänzendem Start in Australien, als ihn alle Konkurrenten problemlos überholten, lassen Zweifel aufkommen - zumal das Team im vergangenen Jahr vier Monate zu spät mit seinem Windkanalprogramm begonnen hat.
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