Alejandro Agag: Im Zentrum der Macht (1)

Sam Smith wirft in zwei Teilen einen Blick hinter die Kulissen der Formel E und spricht mit dem Geschäftsführer der elektrischen Rennserie, Alejandro Agag.

Falls es noch immer Zweifel daran gibt, dass Formel-E-Geschäftsführer Alejandro Agag dazu geeignet ist, eine große und internationale Rennserie zu leiten, dann reicht ein Blick auf seinen Schreibtisch und die Bilder, die dort aufgestellt sind.

Bill Clinton, Tony Blair, George Bush und weitere Staatsmänner sind in diesen Aufnahmen zu sehen. Nicht etwa als fragwürdige Selfie-Fotos. Die Bilder dokumentieren ernsthafte Gespräche zwischen den Politikern und Agag – als Letzterer ebenfalls noch ein Politiker war.

In den vergangenen drei Jahren hat Agag das meiste erreicht, was er und der Automobil-Weltverband (FIA) mit der ersten rein elektrischen Rennserie erreichen wollten. Dabei musste er in vielerlei Situationen auf seine hervorragenden politischen Fähigkeiten zurückgreifen, die ihm seit der Einführung der Meisterschaft stets gut zu Gesicht standen.

Für die zweite Saison der Formel E, die im kommenden Monat in Peking ihren Auftakt nimmt, hat sich Agag zum Ziel gesetzt, die Fanbasis der Rennserie zu vergrößern. Doch das ist nur ein Teil einer strukturierten Strategie zur Konsolidierung der Meisterschaft.

Die Rennserie hatte 2014 einen erfolgreichen Start hingelegt. Der Formel E war es auf Anhieb gelungen, eine neue Zuschauergruppe für den Sport zu begeistern.

Im exklusiven Gespräch mit Motorsport.com erklärt Agag aber auch, dass die zweite Saison der Formel E entscheidend dafür sein wird, das rein elektrische Konzept noch viel besser an das junge Zielpublikum zu richten.

„Unser Ziel ist, die Meisterschaft in der zweiten Saison zu konsolidieren“, sagt Agag. „Wir wollen neue Fans gewinnen, vor allem im digitalen Bereich. Daran arbeiten wir bereits, ausgehend von einer guten Basis.“

„Wir wollen weiter wachsen. Außerdem würden wir gern mehr Hersteller für unser Produkt begeistern und die TV-Berichterstattung ausbauen. Dass wir auch daran arbeiten, ist anhand unserer jüngsten Bekanntgaben [RTL, RAI, BT Sport, ITV etc.] zu erkennen.“

„Was die Formel E ausmacht, ist, dass sie junge Zuschauer und Familien anspricht. Sie können den Sport in den Großstädten der Welt erleben“, meint Agag.

„Diesen Weg wollen wir auch künftig beschreiten. Allerdings müssen wir den Sport auch auf mehr und mehr Medienplattformen zugänglich machen. Dazu gab es ebenfalls schon einige Verlautbarungen. Durch den FanBoost können die Fans künftig sogar während des Rennens mit der Formel E interagieren. Das sind doch spannende Aussichten.“

Eine Symbiose zwischen FIA und Formel E

Der Automobil-Weltverband (FIA) fungiert gewissermaßen als Mutter und Vater der Formel E. FIA-Präsident Jean Todt hat sich persönlich sehr stark in die Entwicklung der Rennserie eingebracht und war in der vergangenen Saison bei vier Veranstaltungen vor Ort. Erstmals hatte die FIA im Jahr 2008 über eine rein elektrische Rennserie nachgedacht.

„Die FIA war maßgeblich an der Entstehung und der Entwicklung der Meisterschaft beteiligt“, sagt Agag. „Wir haben ein enges Verhältnis und arbeiten gut zusammen. Unsere Partnerschaft ist symbiotischer Natur.“

„Wenn wir als Formel-E-Holdings gut sind und auch ein gutes Produkt bieten, dann ist alles gut. Wir sind da auf einer Linie. Natürlich gibt es mal unterschiedliche Meinungen. Das ist nur logisch. Aber wir reden darüber und haben eine Arbeitsgruppe, die sich mit den wichtigsten Themen befasst.“

„Sowohl in der FIA als auch in der Formel-E-Holdings gibt es jede Menge talentierter Personen. Das ist positiv.“

Laut Agag ist die enge Beziehung zum Automobil-Weltverband ein Garant, um die technische DNS der Meisterschaft zu wahren, ohne gleichzeitig die Kosten außer Kontrolle zu verlieren.

„Technisch bewegen wir uns absolut am Limit. Deshalb muss auf beiden Seiten eine gewisse Flexibilität vorhanden sein“, erklärt Agag. „Wir haben großes Interesse daran, dass die Kosten in einem überschaubaren Rahmen bleiben. Dafür setzen wir uns jederzeit ein.“

„Die FIA gibt bei den technischen Themen den Ton an. Der Verband steht in engem Kontakt mit den Herstellern und den wichtigsten Serienpartnern.“

„Unsere Meisterschaft und das damit verbundene Business hängen sehr stark von der Technologie ab. Wichtig ist, wohin die Reise in den kommenden zwei, drei, vier, fünf Jahren geht.“

Die Kernfragen zu Akkudesign und -Ausrüstung scheint Agag jedenfalls kein Kopfzerbrechen zu bereiten. Denn er denkt schon intensiv über den technologischen Kurs der Meisterschaft nach.

„In Bezug auf die Akkus sind die Rennsaisons zwei, drei und vier ziemlich fix definiert. In der fünften Saison wird es größere Veränderungen am Autodesign geben. Dann können wir eine Entscheidung treffen, ob wir zum Beispiel vier Motoren einsetzen wollen – einen pro Rad. Oder ob wir dann nur noch ein Auto pro Fahrer zulassen werden.“

„Es dürfte schwierig werden, dergleichen vor Saison fünf ins Auge zu fassen, meine ich. Aber das wird sich zeigen. Deshalb ist es gut, dass wir so intensive Gespräche miteinander führen, damit wir genau wissen, wo wir hinwollen. So lassen sich die Ziele effizient realisieren.“

Der Bernie-Faktor

Motorsport.com hat im vergangenen Monat enthüllt, dass die Terminkollision zwischen dem Großen Preis von Großbritannien der Formel 1 und das Formel-E-Finale im Battersea Park möglicherweise mutwillig von Formel-1-Chef Bernie Ecclestone herbeigeführt worden ist, um die Veranstaltung zu untergraben.

Doch davon will Agag nichts wissen. Er sagt: „Wir haben unseren Termin mit dem Battersea Park am letzten Juni-Wochenende festgelegt.“

„Wurde der Grand Prix bewusst auf den gleichen Termin gesetzt? Nein, ich glaube nicht. Bernie und das Formel-1-Management haben ihre Hände voll zu tun, um ihre vielen Termine unterzukriegen.“

„Ein Kalender, wie wir ihn mit zehn Veranstaltungen haben, ist ja schon schwierig genug. 20 Rennen, wie in der Formel 1, müssen ein Albtraum sein. Deshalb glaube ich nicht, dass es Bernie darauf angelegt hat, eine Veranstaltung zu schaffen, die mit unserem Termin kollidiert.“

„Die Formel 1 hat nun eben gewisse Präferenzen für ihre Termine. Und das ist auch richtig“, sagt Agag. „Wir müssen uns einfach anpassen. Das ist die Realität. Leider haben sie ihren Kalender für 2016 noch einmal verändert. Das hat natürlich Auswirkungen auf andere Rennserien – und wir sind eine davon.“

„Ich habe es schon eine Million Mal gesagt: Wir konkurrieren nicht mit der Formel 1 und wollen das auch nicht heute oder morgen tun. Es geht ohnehin nicht, aus vielerlei Gründen.“

Im zweiten Teil des Interviews spricht Agag über die Zusammenarbeit mit den neuen großen Anteilseignern Discovery Communications und Liberty Global.

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