Petit Le Mans: Sieg für ESM-Nissan in dramatischer Schlussphase

Während Scott Sharp, Ryan Dalziel und Brendon Hartley das Petit Le Mans 2017 nach zwei späten Strafen in der Spitzengruppe gewinnen, sind Ricky und Jordan Taylor trotz Ausfall Champions.

Mit der 20. Auflage des Petit Le Mans ist am Samstag die IMSA-Saison 2017 zu Ende gegangen. Beim 10-Stunden-Rennen auf der Rennstrecke Road Atlanta in Braselton (US-Bundesstaat Georgia) lieferten sich die DPi- und LMP2-Autos insbesondere in der Schlussphase des von 14 Gelbphasen gekennzeichneten Saisonfinales einen Kampf auf Biegen und Brechen.

Bildergalerie: Petit Le Mans 2017

Weniger als eine halbe Stunde vor Schluss hatten Pipo Derani, Bruno Senna und Johannes von Overbeek im #22 Nissan DPi von Extrem Speed Motorsports (ESM) den Sieg vor Augen. Doch dann gab es sowohl gegen dieses Fahrertrio als auch gegen die direkten Verfolger - Joao Barbosa, Christian Fittipaldi und Filipe Albuquerque im #5 Cadillac DPi von Action Express Racing (AXR) – eine Strafe. Grund waren rustikale Manöver nach dem letzten Restart.

So erbte der zuvor lange Zeit in Führung gelegene #2 ESM-Nissan mit Scott Sharp, Ryan Dalziel und Brendon Hartley in den Schlussminuten die Führung und damit doch noch den Sieg. Platz zwei ging an Dane Cameron, Eric Curran und Mike Conway im #31 Cadillac DPi von Action Express. Das Podest wurde komplettiert von Helio Castroneves, Juan Pablo Montoya und Simon Pagenaud im LMP2-Oreca von Penske.

Start: Penske führt und wird abgeräumt

Beim Start des 10-Stunden-Rennens war die Strecke aufgrund eines vorangegangen Regenschauers noch feucht. Polesitter Castroneves führte im Penske-Oreca mit der Meute im Nacken die ersten Meter an. Doch bei der Anfahrt zu Kurve 6 zog Pipo Derani im #22 ESM-Nissan noch im Verlauf der ersten Rennrunde an Castroneves vorbei in Führung. Nach rund 20 Minuten war die Strecke soweit abgetrocknet, dass Slicks aufgezogen werden konnten.

Doch nur wenige Minuten nach dem Boxenstopp steckte Castroneves mit dem Penske-Boliden im Kiesbett am Ende der Gegengerade (Kurve 10). Ursache war eine unverschuldete Kollision. GTD-Polesitter Matteo Cressoni hatte den Scuderia-Corsa-Ferrari auf dem noch feuchten Seitenstreifen verloren, als er gerade von Castroneves überrundet wurde. Die erste Gelbphase war die Folge. Ungeachtet des verlangsamten Renntempos fielen sowohl Penske als auch Scuderia Corsa aus der Führungsrunde in ihrer jeweiligen Klasse, während die Autos aus dem Kiesbett gezerrt wurden.

 

Penske mit Podestplatz nach Aufholjagd

Nachdem der Penske-Oreca gut zwei Stunden lang mit Rundenrückstand unterwegs gewesen war, kam die Erlösung in Form einer passenden Gelbphase kurz vor der 3-Stunden-Marke. Auslöser für diese Gelbphase war ausgerechnet ein Ausritt von Austin Cindric im #15 Lexus aus der GTD-Klasse. Der Sohn von Penske-Teampräsident Tim Cindric schaufelte dabei jede Menge Gras und Dreck auf die Start/Ziel-Gerade, weshalb die vierte Gelbphase im Rennen ausgerufen wurde.

Diese vierte Gelbphase brachte Castroneves/Montoya/Pagenaud wieder in die Führungsrunde und damit zurück in den Kampf um den Rennsieg. Weiter als bis auf Platz drei ging es für das Penske-Team trotz starker Stints, insbesondere von Castroneves und Montoya, aber nicht mehr.

Rennergebnis: Petit Le Mans 2017

Montoya gab im Schlussstint alles. Doch ein enger Zweikampf mit dem #5 Action-Express-Cadillac von Joao Barbosa resultierte in einem Reifenschaden am Penske-Oreca. Nach den späten Strafen gegen den #22 Nissan und den #5 Cadillac roch Montoya noch die Chance auf Platz zwei. Doch am Ende fehlten ihm 0,425 Sekunden auf seinen nächstjährigen Penske-Teamkollegen Dane Cameron, der Platz zwei im #31 Cadillac von Action Express gerade so ins Ziel rettete.

Dramatische Schlussphase

Den Kampf um den Sieg machten ESM und AXR unter sich aus. Eine vermeintliche Vorentscheidung schien gefallen, als Joao Barbosa knapp zwei Stunden vor Schluss einen eindrucksvollen Restart hinlegte. Hinter den beiden Nissan von Pipo Derani und Ryan Dalziel nahm Barbosa den Restart mit seinem #5 Cadillac unter die Räder. Weniger als eine Runde später führte er. Dalziel hatte er direkt in der Beschleunigungsphase kassiert, Derani wenig später bei der Anfahrt zu Kurve 6.

 

Doch schon beim nächsten Restart machte Derani seinen Platzverlust wieder gut. Er zog an Barbosa vorbei und brachte Nissan und ESM damit abermals in Führung. Während sich Barbosa in dieser Phase des Rennens mit Montoya balgte, verschaffte sich Derani an der Spitze ein Polster, das jedoch 40 Minuten vor Schluss durch die letzte Gelbphase noch einmal eingedampft wurde.

Beim letzten Restart ließ Derani zunächst nichts anbrennen. Als Schlussfahrer im #22 Nissan hielt er sich Barbosa und Hartley erfolgreich vom Leib. Dabei räumte er allerdings in den Esses den #67 Ford aus der GT-Klasse mit Schlussfahrer Ryan Briscoe aus dem Weg und kostete damit Briscoe/Westbrook/Dixon einen Podestplatz. Die Folge war eine Durchfahrtsstrafe gegen Derani, die den #22 Nissan schließlich Führung und Gesamtsieg kosteten.

Nahezu zeitgleich drückte Filipe Albuquerque im zu diesem Zeitpunkt zweitplatzierten #5 Cadillac von Action Express das Schwesterauto mit der Startnummer 31, gefahren von Dane Cameron, bei der Anfahrt zu Kurve 10 von der Piste. Für Albuquerque gab es eine durchaus umstrittene Stop-and-Go-Penalty. Damit war die Siegchance auf für ihn und Barbosa/Fittipaldi dahin.

Somit war es Brendon Hartley, der den Sieg im #22 ESM-Nissan mit einem Vorsprung von 7,6 Sekunden vor Cameron im #31 AXR-Cadillac nach Hause fuhr. Penske-Schlussfahrer Montoya musste sich wie bereits erwähnt knapp geschlagen mit dem dritten Platz begnügen. Den bestraften Derani und Albququerque blieben unterm Strich statt den Plätzen eins und zwei nur die Plätze vier und fünf.

Taylor-Brothers trotz Ausfall Champion

Aufgrund unterschiedlicher Boxenstoppstrategien in der Anfangsphase führte auch der #10 Cadillac DPi der IMSA-Tabellenführer Ricky Taylor und Jordan Taylor für einige Zeit das Rennen an. Doch nach 2:30 Stunden, als gerade Ryan Hunter-Reay am Steuer saß, rollte der schwarze Caddy von Wayne Taylor Racing kraftlos aus: Motorschaden.

Glück für die an der Spitze der Gesamtwertung liegenden Taylor-Brothers: Sie haben den Titel aufgrund ihres großen Punktevorsprungs allein schon mit dem Rennstart fixiert. Mit fünf Saisonsiegen (Daytona, Sebring, Long Beach, Austin und Detroit) war der #10 Cadillac das zahlenmäßig erfolgreichste Auto der Saison. In Daytona hatten Taylor/Taylor den Sieg zusammen mit Max Angelelli und Jeff Gordon gefeiert, in Sebring zusammen mit Alex Lynn.

GTLM: Sieg für BMW - Titel für Corvette-Duo Magnussen/Garcia

In der wie üblich hart umkämpften Klasse GT Le Mans (GTLM) ging der letzte Saisonsieg an BMW. Bill Auberlen, Alexander Sims und Kuno Wittmer setzten sich im M6 mit der Startnummer 25 von RLL durch. Mit einer Sekunde Rückstand knapp geschlagen auf Platz zwei landete die #3 Corvette von Jan Magnussen, Antonio Garcia und Mike Rockenfeller. Magnussen/Garcia sind die GTLM-Champions, nachdem sie genau wie Taylor/Taylor in der Topklasse auch in der ihrer Klasse nur starten mussten, um den Titel zu fixieren.

Platz drei im GTLM-Feld ging nach einer Zeitstrafe an den von der Pole-Position der Klasse gestarteten Risi-Ferrari mit Giancarlo Fisichella, Toni Vilander und Alessandro Pier Guidi. Ford verpasste nach der späten Kollision zwischen Gesamtspitzenreiter Pipo Derani und Ryan Briscoe einen Podestplatz. Porsche hatte zwischenzeitlich Probleme. Am 911 RSR mit der Startnummer 912 (Bruni/Vanthoor/Bamber) gab es in der Frühphase des Rennens ein Feuer an der Box. Ein Mechaniker wälzte sich am Boden, konnte aber nach wenigen Sekunden wieder aufstehen. Trotz des Zwischenfalls reichte es am Ende zu fünf der Klasse, direkt vor dem Schwesterauto, dem #911 Porsche von Pilet/Werner/Tandy.

GTD: Sieg für Audi - Titel für Nielsen/Balzan im Ferrari

Die Klasse GT Daytona (GTD) wurde bis zur Halbzeit des Rennens von Lally/Legge/Wilkins im #93 Acura NSX von Michael Shank Racing bestimmt. Dann aber sorgte ein Ausfall dafür, dass der Klassensieg schließlich an den Audi R8 LMS von Land Motorsport mit den Fahrern Connor de Phillippi, Sheldon van der Linde und Christopher Mies ging. Sie hielten ihre schärfsten Verfolger Morad/Christensen/de Quesada (Alegra-Porsche; 2.) und Lindsey/Bergmeister/McMurry (Park-Place-Porsche; 3.) auf Distanz.

Den Titel in der GTD sicherten sich derweil Christina Nielsen und Alessandro Balzan. Auch das Scuderia-Corsa-Duo musste das Rennen nur starten, um in der Gesamtwertung nicht mehr abgefangen werden zu können. Somit tat auch der frühe Abflug von Matteo Cressoni bei Überrundung durch den Penske-Oreca nicht allzu sehr weh. Im Rennergebnis reichte es für Nielsen/Balzan/Cressoni nach dem großen Zeitverlust aber nur noch zu Platz neun in der Klasse.

Crashs von Gutierrez, Heidfeld und Alon

In der Prototype-Challenge-Klasse (PC) ging der Sieg an den #26 Oreca von BAR1, gefahren von Garrett Grist, Tomy Drissi und John Falb. Für das Team ist es beim letzten Rennen und der gleichzeitigen Abschiedsvorstellung der PC-Klasse der erste Saisonsieg.

Dieser kam nicht zuletzt deshalb zustande, weil der über fünf Stunden führende Oreca von Performance Tech (French/O'Ward/Masson) durch Unfall fast 20 Runden verlor und damit beim Finalrennen erstmals in dieser Saison nicht den Klassensieg einfuhr. Ein zweiter Abflug dieses Autos in der letzten Rennstunde sorgte endgültig für ein enttäuschendes Ende einer ansonsten dominanten Saison, die James French und Patricio O'Ward schon vor dem Rennstart als Champions sah.

Zwei der drei heftigsten Crashs während der zehn Rennstunden ereigneten sich im Prototypen-Feld. Jose Gutierrez schlug nach 1:35 Stunden mit dem Ligier von PR1 heftig in Kurve 5 ein. Das Auto kam nicht im, sondern auf dem Reifenstapel zum Stillstand, nachdem es im Kiesbett ausgehebelt wurde. Gutierrez befreite sich nach wenigen Sekunden aber aus eigener Kraft aus der misslichen Lage.

Kurz nach der 5-Stunden-Marke war es Nick Heidfeld, der mit dem Oreca von Rebellion in Kurve 1 abflog. Damit war nicht nur das Rennen für ihn, Mathias Beche und Gustavo Menezes beendet. Der bei dieser Gelegenheit ebenfalls schwer beschädigte Oreca von Performance Tech (French/O'Ward/Masson) verlor die Spitzenposition in der PC-Klasse und damit die große Chance auf die komplett weiße Weste in der IMSA-Saison 2017.

Für den letzten heftigen Crash sorgte Robert Alon knapp zwei Stunden vor Schluss. Eingangs der Start/Ziel-Gerade schoss er mit dem von 3GT eingesetzten #14 Lexus RCF aus der GTD-Klasse geradeaus in die Streckenbegrenzung. Das Ergebnis: Totalschaden am Auto und Ausfall für den augenscheinlich unverletzten Alon sowie seine Kollegen Sage Karam und Ian James.

Mit den Titelgewinnen für Jordan und Ricky Taylor (Wayne Taylor Racing), Jan Magnussen und Antonio Garcia (Corvette), Christina Nielsen und Alessandro Balzan (Scuderia Corsa) sowie James French und Patricio O'Ward (Performance Tech) verabschiedet sich die IMSA-Szene in die Winterpause. Die Saison 2018 beginnt am 27./28. Januar mit den 24 Stunden von Daytona.

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Über diesen Artikel
Rennserien IMSA
Veranstaltung Petit Le Mans
Rennstrecke Road Atlanta
Fahrer Ryan Dalziel , Scott Sharp , Bill Auberlen , Tomy Drissi , Kuno Wittmer , Brendon Hartley , Alexander Sims , Christopher Mies , Connor de Phillippi , Garrett Grist , John Falb , Sheldon Van Der Linde
Teams ESM Racing , Rahal Letterman Lanigan Racing , Land Motorsport , BAR1 Motorsports
Artikelsorte Rennbericht
Tags braselton, champion, dpi, gtd, gtlm, imsa, lmp2, pc, petit le mans, rennbericht, road atlanta, saisonfinale, titelentscheidung