Crutchlows Horror-Nacht: So schlimm war es wirklich

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Crutchlows Horror-Nacht: So schlimm war es wirklich
Autor: Heiko Stritzke
Co-Autor: Jamie Klein
21.05.2018, 15:31

Blut in der Lunge, eine schlaflose Nacht, trotzdem Platz acht: Cal Crutchlow zeigte in Le Mans auf eindrucksvolle Art, aus welchem Holz er geschnitzt ist

Der Highsider war so schwer, dass er auf einer Trage abtransportiert werden musste, sein Luftstand machte Hochspringern alle Ehre. Cal Crutchlow hatte am Le-Mans-Wochenende einen Abflug der ganz unangenehmen Sorte. Erst am Sonntag nach dem Rennen konnte er sich zu den Ereignissen äußern, da er bis in die Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus in Le Mans war. Natürlich ließ er sich gesundschreiben und nahm am Rennen teil, wo er am Sonntag den achten Platz belegte.

Klingt stark? Zufrieden ist er nicht. "Alles, woran ich denke ist, dass ich ohne den Sturz auf das Podium hätte fahren können, weil ich am Freitag schneller war als Petrucci und der hinter Marc ins Ziel gekommen ist. Deshalb bin ich von dem Resultat enttäuscht. Ich hatte einen wirklich guten Start ins Wochenende. Zwar war da ein kleiner Sturz drin, aber das lag an dem harten Vorderreifen. Der Qualifying-Abgang war ein ganz anderes Kaliber."

Sein Highsider war die Folge eines Phänomens, über das sich mehrere Fahrer am Wochenende beschwerten: Der Grip am Hinterrad riss beim Aufrichten des Motorrads auf dem Le-Mans-Asphalt urplötzlich ab. Crutchlow bestätigt: "Es sah so aus wie mein eigener Fehler, aber die Wahrheit ist, dass ich bereits vom Gas gegangen war, um das Hinterrad einzufangen, aber es kam trotzdem immer weiter rum. Beim Sturz selbst war ich gar nicht mehr am Gas." Normalerweise stabilisiert sich das Motorrad, wenn man das Gas zudreht, was hier aber nicht der Fall war.

 

Brite sauer: Ich liege da rum und ihr macht nicht Rot?

Crutchlow ist stinksauer auf die Rennleitung: "Ich wurde im hohen Bogen abgeworfen und dann ging das Drama los: Ich konnte kaum atmen, als ich da neben der Strecke lag. Und was mich richtig nervt ist, dass die Rote Flagge erst mit der Zielflagge rauskam. Ich weiß, dass es ein Qualifying ist, aber ich lag da rum und konnte nicht atmen und andere Motorräder fuhren knapp an meinem Kopf vorbei. Die Helfer waren ebenfalls in Gefahr. Sie konnten mich gar nicht richtig behandeln, weil sie auf die anderen Fahrer achten mussten."

Als endlich Ruhe eingekehrt war, wurde der 32-Jährige zunächst im Medical Center und dann im Krankenhaus durchgecheckt. Dort wurde er dann festgehalten. "Der Grund war, dass ich Blut in der Lunge hatte. Dazu eine innere Quetschung im Becken. Ich dachte zunächst, es wäre gebrochen, weil der ganze innere Bereich um meinen Magen herum geschwollen war. Die Protein-Werte an meinem Herzen waren nicht gut und dann stellten sie noch das Problem mit der Lunge fest. Deshalb haben sie mich einbehalten."

 

Crutchlow wurde an Sauerstoffflaschen angeschlossen und hatte eine Horrornacht: Erst um 1 Uhr konnte er sich hinlegen, doch er musste in der Nacht alle zwei Stunden aufgeweckt werden, um seine Blutwerte zu checken. Letztlich verlängerte er die Nacht selbst: Statt um 6:30 Uhr ging es erst um 8:40 Uhr Richtung Strecke. Jetzt wurde es dramatisch, weil das Warm-up um 9:40 Uhr begann. Lucio Cecchinello holte ihn persönlich ab. "Ehrlich gesagt habe ich dann nicht mehr damit gerechnet zu fahren, weil ich dachte, dass wir entweder im Knast landen oder er einen Unfall baut", lacht Crutchlow.

Durchgebissen bis Platz acht

Doch er schaffte es. Übermüdet und alles andere als fit stieg er auf seine LCR-Honda RC213V. Crutchlow, der für seine derbe Ausdrucksweise bekannt ist, erklärt, wie es sich angefühlt hat. "Mein Arsch hat wie die Hölle geschmerzt. Als wäre jemand über den drübergefahren. Das hat mich ein bisschen zurückgehalten, aber das Motorrad war okay. Ich wollte unbedingt fahren. Nicht, um den Helden zu spielen, sondern weil ich den Rennsport liebe. Andere sind da nicht anders. Valentino und Jack sind mit gebrochenen Beinen gefahren. Das ist das, was wir machen. Es ist unser Leben, unser Job."

Trotzdem ging es im Rennen erstmal nur darum, heil über die Runden zu kommen. "Die ersten 15 Runden bin ich nur rumgegurkt und habe versucht, auf dem Bike zu bleiben. Hätte ich noch einen Sturz gehabt, hätte ich Probleme bekommen. Aber zehn Minuten vor Schluss fühlte ich mich wohler."

 

Jetzt startete er eine Aufholjagd. Von Rang zwölf ging es sukzessive nach vorn: Franco Morbidelli, Pol Espargaro, Alex Rins und Aleix Espargaro (in der allerletzten Runde) fielen dem Vorwärtsdrang des LCR-Piloten zum Opfer. Letztlich wurde er starker Achter. "Ich hatte eine wirklich gute Pace, zu schade mit dem Unfall", bewertet Crutchlow das Wochenende.

Beendet sind seine Leiden damit noch nicht. Dass bis Mugello alle Folgen des Highsiders auskuriert sind, ist unwahrscheinlich. "Mugello wird wirklich hart", ist er sich bewusst. "Das hier war schon eines meiner schlimmsten Rennen, weil ich physisch nicht der Höhe war. Aber Mugello ist deutlich anstrengender." Und er hat schon wieder hohe Ziele für den italienischen Grand Prix: "Ich will auf das Podest, aber da können viele landen."

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