Kommentar: Der Rücktritt von Carl Edwards ist erst der Anfang für NASCAR

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Kommentar: Der Rücktritt von Carl Edwards ist erst der Anfang für NASCAR
Tim Southers
Autor: Tim Southers
Übersetzung: Stefan Ehlen
12.01.2017, 10:35

Carl Edwards hat seinen Rücktritt erklärt und damit viele NASCAR-Fans vor den Kopf gestoßen.

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Doch dass einer der talentiertesten und beliebtesten NASCAR-Fahrer jetzt seine Karriere beendet, kommt nicht völlig überraschend.

Edwards nannte 3 Gründe, die ihn zu dieser Entscheidung geführt haben: Er sei zufrieden mit seiner NASCAR-Karriere. Er wolle mehr Zeit für sich und andere Dinge haben. Und er dürfe sich glücklich schätzen, bei bester Gesundheit zu sein.

Die Gründe für das Karriereende mögen von Fall zu Fall unterschiedlich sein. Doch ich denke: Dergleichen sehen wir in der NASCAR-Zukunft noch häufiger.

Warum? Das möchte ich gern erklären!

Faktor Geld

Heute verdient ein NASCAR-Rennfahrer deutlich mehr Geld als noch vor 25 bis 30 Jahren. Wer gut investiert und spart, kann in 1 Jahrzehnt genug Geld anhäufen, um damit locker für den Rest seines Lebens über die Runden zu kommen (zumindest, wenn er so lebt wie du und ich).

Fahrer wie Bobby Allison, Cale Yarborough, Richard Petty und David Pearson mussten Rennen fahren, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Das, was sie über ihre kompletten Laufbahnen hinweg verdient haben, kommt dem nicht einmal nahe, was heutige Fahrer in nur 1 Saison verdienen.

Ja, die Zeiten haben sich geändert!

Nehmen wir ein Beispiel: Matt DiBenedetto hat in der NASCAR-Saison 2015 insgesamt umgerechnet 2.801.200 Euro eingefahren. Damals gab NASCAR noch die Preisgelder für jedes einzelne Rennen heraus. Kurios: DiBenedetto bestritt nur 33 der 36 Saisonrennen und schaffte kein Top-10-Ergebnis.

David Pearson wiederum fuhr 27 Jahre lang, gewann 105 Rennen und ist ein Mitglied der Hall of Fame von NASCAR. Er kommt insgesamt auf umgerechnet 2.664.600 Euro.

Ich sage nicht, dass DiBenedetto kein guter Fahrer ist. Er hat bei Weitem kein Topmaterial zur Verfügung. Doch die Dynamik im NASCAR-Sport hat sich ganz zweifellos verändert.

Rennkalender vs. Familie

Ja, bevor in den frühen 1970er-Jahren die "moderne Ära" von NASCAR begann, da gab es mehr als 60 Rennen pro Jahr. Dann wurde der Rennkalender auf knappe 30 Rennen verkleinert, heute steht das Programm bei jährlich 36 bis 38 Veranstaltungen für die Cup-Fahrer.

Früher wurden 90 bis 95 Prozent aller Rennen (selbst in den 1960er-Jahren mit den Monster-Rennkalendern) südlich der Mason-Dixon-Linie (in den südlichen US-Bundesstaaten) und östlich des Mississippi ausgetragen. Die Fahrer waren so zwar oft nicht zuhause, aber das Reisen hielt sich in Grenzen. Und man war wenigstens ein paar Wochenenden zuhause bei der Familie.

Heutige NASCAR-Piloten haben Flugzeuge und Motorhomes. Aber wer seit 2 Jahrzehnten nur herumgereist ist, der spürt das. So was zehrt. Vor allem, wenn du Kinder hast.

Inzwischen bekommst du als Fahrer schon als Teenager oder als Twen deine große Chance. Und wenn du dann erst noch eine junge Familie hast, ist es nur verständlich, wenn du auch mehr Zeit zuhause verbringen willst. Die Zeit mit deinen Kindern kommt schließlich nie mehr zurück.

Die Rolle der Medien

Heute müssen die Fahrer fast rund um die Uhr für Sponsorentermine zur Verfügung stehen. Aber wer viel verdient, hat entsprechende Verpflichtungen – also kein Mitleid!

Man kann da aber sehr gut nachvollziehen, wie ein Rennfahrer so das Gefühl bekommt, nicht mehr er selbst zu sein. Jeder Sportler kann heute wohl von sich sagen, ständig in alle möglichen Richtungen gezerrt zu werden.

Es ist dieser ständige Druck, jedem Teambesitzer, Sponsor, Fan und den Medien gerecht zu werden, der dich langsam mürbe macht. Und da kann der Spaß an der Sache, am Beruf, schon mal auf der Strecke bleiben.

Warum sich all dem aussetzen, wenn man es gar nicht mehr nötig hat? Das ist eine Frage, die sich in Zukunft wahrscheinlich mehr und mehr Fahrer stellen werden.

Die neue Normalität

Edwards ist der 1. Fahrer aus meiner Generation, der auf dem Höhepunkt seiner Form und aus eigener Entscheidung heraus aufhört. Er ist auf jeden Fall der 1. unter 40 Jahren. Und ich glaube: Er macht nur den Anfang. Es werden weitere Piloten folgen und zurücktreten, solange sie noch vorn mitfahren können.

Das muss ein schwerer Schlag sein für Joe Gibbs Racing und seine Partner. Und für NASCAR erst, schließlich ist Edwards bereits der 3. große Name, der sich verabschiedet – nach Jeff Gordon und Tony Stewart. Ich erwarte aber, dass es in den kommenden 5 Jahren noch einige mehr solcher Bekanntgaben geben wird.

Der Silberstreif am Horizont des Rücktritts von Edwards ist die Beförderung von Daniel Suarez in das Fahrzeug mit der #19. Das kann eine richtig gute Sache werden für JGR und NASCAR. Denn der junge Mexikaner kann mithelfen, einen komplett neuen Markt zu erschließen. Das hat bereits mit seinem Titelgewinn in der Xfinity-Serie 2016 begonnen.

Andere Fahrer wiederum haben schon Andeutungen gemacht oder ihr Leben dahingehend verändert, dass man spekulieren kann, wann ihrerseits ein Rücktritt erfolgen wird.

Kevin Harvick etwa will mehr und mehr TV-Aufgaben übernehmen. Dale Earnhardt Jr. hat geheiratet und spricht schon von Familiengründung. Die Rücktrittsuhr tickt bereits bei diesen beiden Fahrern.

Und wenn Jimmie Johnson erst seinen 8. Titel in der Tasche hat, wird auch er sich ernsthaft mit dem Gedanken an das Karriereende befassen.

Ich hoffe, ich liege falsch mit meiner Annahme, denn sie alle sind großartig für den Sport.

Aber: Aufgrund seines vergleichsweise geringen Alters von 37 Jahren mag Edwards mit seinem Abschied überrascht haben. Doch Fans und Medien sollten sich darauf einstellen, in den nächsten 3 bis 5 Jahren mehr solcher Pressekonferenzen zu erleben. Oder schon früher.

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Artikelsorte Kommentar