Warum Pirellis neue Hinterreifen ein "Stolperstein" für die Formel 1 sind

Pirelli wird in Silverstone neue Hinterreifen einführen, sollte der Test in Spielberg erfolgreich verlaufen: Wir zeigen, was das für die Formel 1 bedeuten könnte

Warum Pirellis neue Hinterreifen ein "Stolperstein" für die Formel 1 sind

Welchen Einfluss werden die neuen Hinterreifen von Pirelli haben, die in zwei Wochen beim Formel-1-Rennen in Silverstone eingeführt werden? Reifen sind in der Formel 1 ohnehin ein brisantes Thema - vor allem in der sportlichen Balance zwischen Red Bull und Mercedes. Eine Änderung zum zehnten Rennen der Saison ist daher keine kleine Angelegenheit.

Niemand weiß, wie sich diese Veränderungen auswirken werden. Nicht Pirelli, nicht die Teams. Die neuen Reifen wurden bislang noch nicht auf der Strecke gefahren. Erst am morgigen Freitag in Spielberg ergibt sich die Chance dafür.

Wie sich das auswirken wird: unbekannt. Der Wechsel zu einer steiferen Seitenwand könnte keinen Unterschied machen oder er könnte das Kräfteverhältnis vorne und hinten im Feld verschieben, bis die Teams lernen damit umzugehen.

Hinzu kommt, dass in Silverstone das erste Sprintqualifying der Formel-1-Geschichte stattfinden wird. Das heißt, auch dabei betreten die Teams wieder unbekanntes Terrain. Die neuen Reifen werden im ersten Training am Freitagmorgen ausprobiert werden, bevor es am Nachmittag direkt ins Qualifying unter Parc-ferme-Bedingungen geht - ohne große Möglichkeit, das Auto einzustellen.

Toto Wolff

Toto Wolff ist gespannt, wie sich die neuen Reifen auswirken werden

Foto: Motorsport Images

"Das ist ein Stolperstein", sagt Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff. "Niemand weiß, auf welcher Seite er liegen wird. Du kannst Glück oder Pech haben. Wir werden sie [in Spielberg] testen und schauen, was sie machen. Es ist eine Unbekannte."

"Das hat einen enormen Einfluss. Wir haben ohnehin nur noch diese 60-Minuten-Sessions und sind zeitlich eingeschränkt. Und jetzt musst du auch noch einen neuen Reifen testen. Solange das aber für alle gleich ist, können wir damit umgehen. Wir werden die Herausforderung annehmen und versuchen herauszufinden, was wir von den Reifen lernen und welches Feedback wir Pirelli geben können."

"Irgendjemand wird ein Problem finden"

Der Reifenhersteller hatte nach den Reifenschäden von Max Verstappen und Lance Stroll in Aserbaidschan reagiert. In einem ersten Schritt wurden in Frankreich einige Grauzonen im Umgang mit den Reifen geschlossen und die Reifendrücke hinten erhöht. Für Silverstone, das für hohe Belastungen und Reifenprobleme bekannt ist, wollte Pirelli einen Schritt weiter gehen.

Es wurde darüber diskutiert, die Konstruktion der Hinterreifen zu verändern. Am Freitag in Spielberg wurde dieser Plan dann beim Treffen der Teambosse mit Formel-1-Sportchef Ross Brawn bestätigt. Dessen Präsenz zeigt dabei, wie groß die Veränderung ist und wie wichtig es ist, eine Wiederholung von Baku zu vermeiden - auch wenn Brawn die Bedeutung herunterspielt.

"Es ist eine Evolution", sagt er. "Pirelli möchte den Teams etwas mehr Freiräume geben, und es ist eine sinnvolle Veränderung. Ich denke, dass es eine logische Entscheidung ist, die alle Teams unterstützen. Ich glaube, dass auch die Veränderungen mit der Druckkontrolle gereicht hätten, aber wir wollten uns etwas Spielraum geben."

Ross Brawn

Ross Brawn ist optimistisch, dass es keine Probleme geben wird

Foto: Motorsport Images

Die Frage ist: Kommt es zu Beschwerden von Teams, die mit der Anpassung an die neuen Reifen Probleme haben? "Nun, die Formel 1 ist sehr vom Wettbewerb geprägt. Irgendjemand wird ein Problem finden", sagt Brawn. "Ich glaube aber nicht. Ich denke, dass die Teams das unterstützen, und bin optimistisch, dass es keine Probleme geben wird."

Zunächst hatten die Rennställe nur grundlegende Informationen über die Reifen bekommen. Erst am Dienstag erhielten sie weitere Details. Am morgigen Freitag wird jeder Fahrer zwei Sätze der neuen Reifen bekommen, um sie im Training ausprobieren zu können - zusätzlich zu der normalen Reifenzuteilung.

Dieser Test ist wichtig. Ohne positiven Ausgang können die neuen Reifen auch nicht in Silverstone gefahren werden.

Idee schon im vergangenen Jahr

"Wir sprechen über eine Konstruktion, die noch nie auf der Strecke getestet wurde", sagt Isola. "Die Konstruktion war eine Idee, die wir im vergangenen Jahr hatten, als wir die 13-Zoll-Reifen für 2021 entwickelten. In Portimao hatten wir verschiedene Konstruktionen getestet und hatten dann eine Deadline, um die neuen Konstruktionen für 2021 zu homologieren."

"Nach Portimao hatten wir aber auch einige andere Ideen, wie wir den Hinterreifen robuster machen können, und haben einige Prototypen angefertigt. Normalerweise absolvieren wir mehrere Indoortests, um die Integrität der Reifen zu prüfen. Die neue Konstruktion war in dieser Hinsicht positiv."

"Die Konstruktion für 2021 ist mit Sicherheit ein Stück besser als 2020, aber der neue Vorschlag ist ein weiterer eindeutiger Schritt in die Richtung eines robusteren Reifens", so Isola weiter.

"Warum glauben wir, dass wir es testen wollen und warum wir es einführen wollen? Es stimmt, dass wir mit der neuen Technischen Richtlinie jetzt eine viel bessere Situation haben. Die Art und die Anzahl der Kontrollen der FIA geben uns eine gute Garantie über die Art und Weise, wie die Teams die Reifen einsetzen."

"Aber es ist auch klar, dass wir noch keinen einheitlichen [Druck-]Sensor haben. Und bis 2022 ist es unmöglich, einen Standardsensor einzuführen. Die Situation hat sich also im Vergleich zu vor ein paar Rennen massiv verbessert, aber es ist immer noch unmöglich, den Druck im Rennen zu kontrollieren."

"Und vor uns liegt ein arbeitsreiches Jahr. Deshalb glauben wir, dass es nicht die richtige Entscheidung ist, diese Lösung in der Hinterhand zu haben und sie nicht zu benutzen."

Der neue Reifen ermöglicht Pirelli zudem, einige Ideen für das kommende Jahr auszuprobieren, wie Isola betont: "Die neue Konstruktion besitzt einige Konzepte, die wir im nächsten Jahr auch mit den 18-Zoll-Reifen einführen wollen", so der Italiener.

Eingriff in das Kräfteverhältnis?

Dass die Änderung einen Einfluss auf das Kräfteverhältnis haben wird, spielt Isola jedoch herunter. Denn: Das Profil des neuen Reifens ist das gleiche wie zuvor. "Ich erwarte keine andere Fahrbarkeit. Es ist natürlich von der Geometrie und dem Design eine andere Konstruktion, wir werden aber nicht das externe Profil verändern. Das würde das Design des Unterbodens und den Abtrieb am Heck beeinflussen."

Trotz dessen, was Isola über die unveränderte statische Form des Reifens sagt, wird sich eine steifere Seitenwand bei Geschwindigkeit anders verbiegen. Diese dynamische Veränderung wird sich unweigerlich auf die Aerodynamik auswirken, insbesondere im Hinblick auf die Interaktion zwischen dem Reifen und dem Unterboden - ein kritischer Bereich für alle 2021er Autos.

"Auf dem Papier sind die Veränderungen bezüglich des erwarteten Verhaltens nicht groß", sagt Isola. "Ich denke daher nicht, dass sie das Kräfteverhältnis beeinflussen werden. Sie müssen sie ausprobieren und werden versuchen, den neuen Reifen so früh wie möglich zu verstehen. Das ist normal. Es gibt immer eine Lernkurve."

"Natürlich sprechen wir hier nicht über einen komplett neuen Reifen. Daher erwarte ich nicht, dass die Lernkurve allzu lange dauern wird."

Ein Mitspracherecht hatten die Teams bei der Entscheidung von Pirelli nicht, doch sie haben es akzeptiert, weil es um eine verbesserte Sicherheit geht. "Um ehrlich zu sein, war die Reaktion der Teamchefs beim Meeting neutral", sagt Isola. "Es gab keine Beschwerden."

"Ich glaube, dass jeder versteht, dass eine robustere Konstruktion gut für den Sport ist. Es ist ein bisschen seltsam, dass die Reifen in einem sehr dynamischen Umfeld, wie es die Formel 1 ist, wo man neue Teile an den Autos testet, eingefroren sind. Wir haben keine Möglichkeit, die Konstruktion während des Jahres zu ändern."

"Jetzt haben wir diese Lösung. Wir haben sie der FIA und der FOM vorgeschlagen und darüber diskutiert. Sie haben den Teams diese Option gerne vorgeschlagen, und die Teams haben vernünftig reagiert. Sie akzeptieren, dass es der beste Weg ist", so der Pirelli-Manager.

Keine Sorgen vor Silverstone

Mit der neuen Konstruktion kann Pirelli auch die Druckvorgaben an den Hinterreifen wieder senken. Diese waren für Frankreich und die beiden Österreich-Rennen deutlich nach oben gegangen. "Die neue Konstruktion ist designt, in einem niedrigeren Druckbereich als die aktuellen zu arbeiten", sagt Isola.

Genügend Reifen sollen für Silverstone bereits hergestellt worden sein. Und sollte aus irgendeinem Grund irgendetwas dazwischenkommen, weil das Training in Spielberg verregnet ist oder so, wären auch noch genügend Reifen der aktuellen Variante auf Lager.

Lewis Hamilton

Silverstone hatte im Vorjahr einige Reifenschäden gesehen

Foto: Motorsport Images

Doch egal wie: Sorgen macht sich Isola vor Silverstone keine, obwohl es im vergangenen Jahr gleich mehrere Reifenschäden in der Schlussphase gegeben hatte: "Wir haben die Konstruktion für dieses Jahr schon geändert", sagt er. Die Vorderreifen sind nicht nur in der Konstruktion anders, auch beim Profil."

"Wir hatten die Möglichkeit, bei der neuen Konstruktion 2021 einen weiteren Schritt zu machen, und haben auch das Profil geändert. Ein Schritt, der bei den Hinterreifen nicht möglich war", so der Italiener. "Besorgt bin ich nicht, denn wir führen einen neuen Reifen ein, weil er verfügbar ist und wir glauben, dass wir damit mehr Spielraum haben - nicht, weil ich über irgendetwas besorgt wäre."

Was die Teams denken

Die Teams unterstützten die Pläne der FIA und von Pirelli, schließlich geht es um das Thema Sicherheit. Und das ist auch das Wichtigste, wie McLaren-Teamchef Andreas Seidl bei 'Motorsport-Total.com' betont. Darum sei er offen für die Änderungen.

Zusammen mit der Technischen Richtlinie seien dies zwei sehr wichtige Initiativen, um die Sicherheit der Fahrer zu gewährleisten.

"Natürlich gibt es bei einem Reifen- oder Konstruktionswechsel mitten in der Saison immer die Möglichkeit, dass es Gewinner und Verlierer eines solchen Wechsels gibt. Aber ich denke, dass es in einer solchen Situation wichtig ist, unsere opportunistische Sicht der Dinge beiseite zu legen", so Seidl. "Die Sicherheit muss im Vordergrund stehen. Und das ist der Grund, warum wir das unterstützen."

Bei Aston Martin sieht man schwierige Konsequenzen voraus. Der Rennstall kann aktuell gut mit den Reifen umgehen und hat damit eine Menge zu verlieren. Das Team fühlt sich zudem an einen ähnlichen Vorfall vor einigen Jahren zurückerinnert. Auch damals wurden neue Reifen während der Saison eingeführt.

"Ich erinnere mich, dass uns die Konstruktion überhaupt nicht entgegenkam", sagt Teamchef Otmar Szafnauer. "Wir sind damals zurückgefallen. Hoffentlich bekommen wir die neuen Reifen diesmal in den Griff."

"Hoffentlich werden wir am Wochenende 40 Reifensätze ausprobieren und eine Menge Daten daraus sammeln. Wenn wir erst einmal die Daten von der Strecke haben, werden wir eine gute Entscheidung treffen", so Szafnauer. "Für Silverstone ist eine Menge anders: neue Reifen, ein Sprintrennen. Aber wir werden es machen und gute Arbeit leisten."

Was die Fahrer denken

Doch was denken die Fahrer? Auch ihnen muss Sicherheit eine Priorität sein. Daher begrüßen sie die Veränderung: "Ich denke nicht, dass der vorherige Reifen unsicher war", sagt George Russell, Chef der Fahrervereinigung GPDA, gegenüber 'Motorsport-Total.com'. "Wir kennen den Grund für die Schäden. Aber wenn es etwas Sichereres gibt, gibt es keinen Grund, das nicht zu nehmen."

"Wir werden sehen, wie wir damit zurechtkommen werden. Ich wäre überrascht, wenn es da einen großen Unterschied geben wird. Die Integrität wird einfach besser sein", so der Williams-Pilot weiter.

"Wenn wir es aus Sicherheitsgründen machen, können wir uns nicht beschweren", sagt auch Alpines Esteban Ocon. "Wir haben Reifenschäden gesehen, von daher ist es gut, wenn wir eine Lösung dafür haben - besonders im Hinblick auf Silverstone. Das wird ziemlich wichtig werden."

"Aber bis ich sie getestet habe, kann ich kein Feedback geben", so der Franzose weiter. "Es wird interessant, denn es wird das Verständnis aller für die Saison ein wenig umstellen. Denn das Reifenthema ist in der Regel etwas, das man nur sehr schwer in den Griff bekommt."

Carlos Sainz hofft hingegen, dass seinem Team die Veränderung entgegenkommen wird: "Für uns kann das nur positiv sein. Wir können sehen, ob es den Trend ändert", sagt er mit Blick auf das desaströse Frankreich-Rennen. "Es könnte helfen. Wer weiß? Unser Problem sind die Vorderreifen, aber warten wir mal ab."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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