Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat

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Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat
Autor: Christian Nimmervoll
02.07.2018, 04:01

Eine Hommage des Chefredakteurs an die erfolgreichen, aber viel zu selten gewürdigten "M&M's" von Red Bull in der Formel 1: Helmut Marko & Dietrich Mateschitz

Liebe Leser,

viele von Ihnen werden sich wundern, an dieser Stelle Christian Nimmervoll zu lesen statt Stefan Ehlen. Hinter unserem "Platztausch" steckt eine ganz banale Begründung: Ich habe darum gebeten, bei meinem Heim-Grand-Prix ausnahmsweise mal nicht der Nörgler sein zu müssen, der die Verlierer schlecht schlafen lässt, sondern derjenige, der die Sieger feiert.

Und mit Sieger meine ich diesmal wirklich im buchstäblichen Sinn die Sieger. Genauer gesagt Dietrich Mateschitz und Helmut Marko.

Helmut Marko kennen die meisten unserer Leser als knorrigen alten Mann, der, selten gut gelaunt, schon dutzende Junior-Karrieren beendet hat und mit seinen Nachwuchsfahrern selten gnädig ist. Einer, der sich nur in den seltensten Fällen ein Blatt vor den Mund nimmt und in der Regel schonungslos analysiert, ohne Rücksicht auf persönliche Befindlichkeiten. Einer, der selten bis nie den Emotionen freien Lauf lässt. Ein "harter Hund" eben.

Aber Marko ist jetzt auch 75, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er mit zunehmendem Alter immer weniger hart wird. Nicht im negativen Sinn - nein, verhandeln kann er immer noch genauso kompromisslos wie früher, wie Ihnen Daniel Ricciardo bestätigen wird. Sondern im positiven. Weil er besondere Momente auch mal genießen kann. So wie gestern in Spielberg.

Der Steirer mag den Eindruck erwecken, dass ihm öffentliche Anerkennung völlig "wurscht" ist. Aber das nehme ich ihm nicht ab. Es gefällt ihm, wenn sich auf dem Hauptplatz in Graz der Bürgermeister bei ihm bedankt und wenn er von der Bevölkerung Applaus bekommt. Oder wenn er zum Ehrenbürger ernannt wird. Oder ihm der Spielberg zu Füßen liegt, weil Max Verstappen gerade in einem Red Bull den Red-Bull-Grand-Prix gewonnen hat. Denn Marko hat all das (mit) erfunden.

 

Es ist eine späte Anerkennung, aber es ist eine gerechte. Eigentlich hätte Marko nach Jochen Rindts Tod in dessen Fußstapfen treten sollen, und die große Weltkarriere war schon angerichtet: Le-Mans-Sieg 1971, Vorvereinbarung für die Saison 1973 bei Ferrari in der Formel 1. Aber dann wirbelte Ronnie Peterson in Clermont-Ferrand einen Stein auf, der Markos Helmvisier durchschlug und sein linkes Auge schwer verletzte. Die aktive Rennfahrerkarriere war vorbei.

Statt Marko fuhr dann ein anderer Österreicher für Enzo Ferrari, und dieser Niki Lauda bekam nicht nur das Cockpit, sondern auch die Weltkarriere, die Marko zugestanden wäre. Es ist eine Ironie des Schicksals - und spricht für die beiden Persönlichkeiten -, dass Marko und Lauda heute eine "respektvolle Freundschaft" pflegen, wie sie selbst sagen, und im Formel-1-Paddock gemeinsam die "größte Hetz" haben, obwohl sie eigentlich Konkurrenten sein müssten.

Jetzt endlich in Österreich und der Steiermark als Nationalheld gefeiert zu werden, dass kommt für Marko spät, aber verdient.

Ich bin mir sicher: Als nach Verstappens Sieg die österreichische Bundeshymne für das Red-Bull-Team gespielt wurde, da hat er innerlich ein kleines Tränchen zerdrückt. Fast wie ein WM-Titel sei dieser Tag, gab er zu.

Es gibt selbst in einem verdienten Leben wie seinem nicht viele solcher Tage. Abu Dhabi 2010 war so einer, als "seine" Entdeckung Sebastian Vettel Weltmeister wurde und er mit ihm aufs Podium ging. Und jetzt eben Verstappen. Wieder ein von Marko aufgebauter Super-Junior, der gerade erst zu gewinnen anfängt.

Race winner Max Verstappen, Red Bull Racing celebrates with Dietrich Mateschitz, CEO and Founder of Red Bull

Race winner Max Verstappen, Red Bull Racing celebrates with Dietrich Mateschitz, CEO and Founder of Red Bull

Foto: Manuel Goria / Sutton Images

Und dann ist da noch einer, für den der Rennsonntag ein ganz besonderer Tag gewesen sein muss: Dietrich Mateschitz. Die Legende besagt, dass Marko ihm versprochen hat, bis spätestens 2020 den Heim-Grand-Prix zu gewinnen. Das wäre dann jetzt erledigt.

Mateschitz ist kein Mann des Rampenlichts, und trotzdem ließ er es sich in Spielberg nicht nehmen, sich mit seinem Red-Bull-Team aufs Siegerfoto zu stellen. Es gibt nicht viele Momente, bei denen das der Fall war. Von Vettels Premierensieg in Monza 2008 gibt es auch Fotos, auf denen man Mateschitz jubeln sehen kann. Sehr viel mehr solcher Situationen fallen mir spontan nicht ein.

Vielmehr denke ich sofort an den Lebenswerk-Award, den wir ihm nach dem Vettel-Titel überreichen wollten. Mateschitz hat das abgelehnt. Er nehme den Preis zwar an, würde aber viel lieber seine Red-Bull-Sportler in den Vordergrund rücken. Es gab nicht einmal einen Fototermin. Schade für uns und unsere Leser, spricht aber für seinen Charakter.

Mit dem Heimsieg schließt sich jetzt ein Kreis. 2014 hat Mateschitz in einer Nacht- und Nebelaktion den Grand Prix zurück nach Österreich gebracht, quasi aus dem Nichts, um die ewigen Verhinderer in der Politik heimlich, still und leise zu umschiffen und vor vollendete Tatsachen zu stellen. Er hat in einer infrastrukturschwachen Region Österreichs nicht nur den alten A1-Ring wiederaufgebaut, sondern die komplette Gegend aufgemöbelt.

Vor dem Comeback im Jahr 2014 liefen die Steirer scharenweise in die lokalen Baumärkte, um sich Materialien für Fassadensanierungen zu besorgen. Mateschitz übernahm dafür die Kosten. Spielberg und die Gegend rundherum sollten schön sein, wenn die Welt zu Gast kommt. Das wurde von vielen natürlich gnadenlos für kleine Betrügereien ausgenutzt, aber das ist eine andere Geschichte.

"Danke, Didi!", stand damals auf Strohballen, kilometerweit vom Ring entfernt. Ich erinnere mich noch gut, ich war selbst da. Und als auf der Ö3-Bühne die Sportfreunde Stiller ihren Hit "Ein Kompliment" spielten, mit der Zeile "Ich wollte dir nur mal eben sagen, dass du das Größte für mich bist", da grölten tausende Steirer begeistert mit - und meinten insgeheim wahrscheinlich auch ihren Didi. Es war ein Gänsehaut-Moment.

Jetzt hat Mateschitz' Projekt Spielberg mit dem Verstappen-Sieg und dem Volksfest von 18.000 geschlossen in Orange gekleideten Holländern endlich seine Krönung erfahren. 2014 wäre es fast schon einmal so weit gewesen, als Lokalmatador Hannes Arch - Gott hab' ihn selig - beinahe zu Hause Air-Race-Weltmeister geworden wäre. Aber das österreichische Volksfest wurde damals in letzter Minute von Nigel Lamb verhindert.

Verstappens Sieg gestern in Spielberg ist aus meiner Sicht auch ein Höhepunkt der (Formel-1-)Karrieren der M&M's, Marko und Mateschitz. Zwei Männer, die eine Meinung haben und diese auch vertreten, die Großes erreicht haben, aber von der Öffentlichkeit dafür viel weniger Anerkennung und Aufmerksamkeit erhalten (oder wollen) als andere, die in ihren Leben weit weniger voranbringen.

Die M&M's sind Macher der alten Schule, und gestern wurden sie dafür einmal richtig gefeiert. Sie sind ein wohltuendes Kontrastprogramm zu vielen Helden der heutigen Jugend, Stichwort Plastik-Pop und Castingshows. Mit Stars, die das Rückgrat eines Gummibärchens haben, kann ich nicht viel anfangen.

M&M mögen vielleicht nicht immer bequem sein, nicht jeder muss sie mögen. Aber es ist gut, dass es sie gibt.

Ihr
Christian Nimmervoll

PS: Meine Stammkolumne "Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat", die auf unseren Schwesternportalen Motorsport-Total.com & Formel1.de erscheint, hat diesmal Stefan Ehlen verfasst. Er hat sich mit dem Mercedes-Debakel in Spielberg auseinandergesetzt. Hier nachzulesen!

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