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Kolumne
Formel 1 Dschidda

Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat: Stefano Domenicali

Sportswashing auf allerhöchstem Niveau und Geschosseinschläge gleich neben der Strecke in Dschidda, aber Formel-1-Chef Stefano Domenicali ist die Ruhe selbst

Stefano Domenicali, CEO, Formula 1

Liebe Leser,

der Protagonist dieser Kolumne mag Sie vielleicht überraschen, nach all dem, was an diesem Wochenende rund um den Grand Prix von Saudi-Arabien in Dschidda passiert ist. Deshalb möchte ich Ihnen in diesem Beitrag gerne erklären, warum ich nach dem zweiten Lauf der Formel-1-Saison 2022 den Formel-1-Chef Stefano Domenicali zu meinem Thema mache.

Der Grund ist ein ganz einfacher: Es ist doch alles in bester Ordnung!

Denn wenn man Domenicali reden hört, wie zum Beispiel am Samstag im Gespräch mit dem englischsprachigen 'Sky', dann bekommt man genau diesen Eindruck.

Domenicalis heile Welt

Alles, was in irgendeiner Form als Kritik an der Formel 1 aufgefasst werden könnte, ignoriert Domenicali, verdreht es sogar ins Gegenteil, zimmert sich eine eigene, heile Welt.

Ein Beispiel: Gleich die erste Frage in besagtem Interview etwa zielt darauf ab, inwiefern die Formel 1 die Ereignisse des Freitags mit einem Geschosseinschlag nur wenige Kilometer östlich der Rennstrecke aufarbeiten werde. Sprich: Was bedeutet das für die Zukunft eines Grand Prix in Saudi-Arabien?

Domenicali spricht davon, die Situation sei "ordentlich" gemeistert worden, dass man zwischen Emotion und Rationalität unterscheiden müsse und die Sicherheit der Beteiligten stets oberste Priorität genieße. Kein Wort darüber, ob die Formel 1 das Geschehene im Nachgang nochmals aufarbeiten wird. Nur ein "we move on", ein "weiter geht’s".

Auch die explizite Nachfrage, ob es jetzt mehr Fragezeichen zur Veranstaltung in Saudi-Arabien gäbe, bekommt eine ausweichende Antwort: "Es geht nicht um Fragezeichen, sondern darum, die Situation zu verstehen. Wir sind ja nicht blind", sagt Domenicali.

Änderungen anstoßen, ohne politisch zu sein

Und für einen Moment ist da Hoffnung, er könnte die Kurve noch kriegen und tatsächlich hinterfragen, was die Formel 1 in Saudi-Arabien zu schaffen hat.

Er spricht davon, dass sich eine eintausend Jahre alte Kultur nicht von einem Tag auf den anderen ändern werde, aber es sehr wohl schon Veränderungen gegeben habe. Er erwähnt explizit, wie es Frauen in Saudi-Arabien noch vor Jahren verboten gewesen sei, ein Auto im Straßenverkehr zu fahren. Das sei jetzt anders. Es tue sich also einiges.

Von den jüngsten Massenhinrichtungen aber – 81 Menschen an einem Tag, geschehen knapp zwei Wochen vor dem Grand Prix – sagt Domenicali kein Wort. Nur: "Natürlich gibt es hier Spannungen, Dinge, die verbessert werden müssen." Die Formel 1 spiele eine "sehr wichtige Rolle bei der Modernisierung des Landes", betont er. Nachsatz: "Wir wollen da nicht politisch sein."

Die Explosion am Freitagabend in Dschidda

Die Explosion am Freitagabend in Dschidda

Foto: Andy Hone / Motorsport Images

Dann die Frage nach der Moral und ob diese zugunsten von Millionenbeträgen in den Hintergrund gerückt sei, wenn die Formel 1 trotz aller Bedenken das Rennwochenende einfach fortsetze. Domenicali: "Das halte ich nicht für eine richtige Betrachtung, denn niemand kann unsere Moral beurteilen."

Wichtig ist vor allem eine "tolle Show am Sonntag"

Kurz darauf wieder ein kleiner Hoffnungsschimmer, als er sagt: "Wo ist die Grenze? Das ist die Frage." Dann die inzwischen bekannte Floskel, dass die Formel 1 immer nur "positiven Einfluss" nehmen wolle auf die "politische Situation" und in allen Lebensbereichen. "Das ist die Perspektive, die wir auch künftig für unseren Sport einnehmen werden, rund um die Welt."

Ihm sei eine "respektvolle, offene Diskussion" wichtig, betont Domenicali. Und auf das Rennwochenende in Dschidda bezogen: "Man kann auf unsere Verantwortung bauen, wenn wir solche Entscheidungen treffen."

Dann folgt eine bezeichnende Schlussäußerung (aus dem Interview am Samstag): "Hoffentlich haben wir [am Sonntag] ein tolles Rennen, eine tolle Show. Denn das will man am Ende eines intensiven Wochenendes doch sehen."

Für so etwas gibt es übrigens einen treffenden Begriff: Sportswashing. Den Sport als Vehikel zu missbrauchen, um Missstände zu überdecken.

Das scheint selbst Domenicali für sich zu beanspruchen. An einem Wochenende, an dem viele Fahrer große Zweifel hatten, ob sie überhaupt antreten sollen, Teile der Crew von Sky Deutschland sogar vorzeitig abgereist sind, wünscht sich der Formel-1-Chef schlicht ein großes Spektakel auf der Strecke, und damit ist der Fall für ihn erledigt.

Krieg? Was ist eigentlich Krieg?

Schon die konkrete Frage, was die Formel 1 in einem Land verloren habe, das sich im Kriegszustand befinde, hat Domenicali nur beiläufig interessiert, wenngleich sich die Rennserie unlängst aus Russland zurückgezogen hat. Seine Antwort für den Fall Saudi-Arabien: "Es ist doch eine Frage der Definition, ob eine terroristische Attacke ein Krieg ist." Und: "Wir würden nie die Sicherheit unserer Leute gefährden."

"Weiter gehts": Formel-1-Chef Stefano Domenicali in Dschidda

Foto: Sam Bloxham / Motorsport Images

Dabei hätte man spätestens nach dem Formel-E-Event 2021 in Riad gewarnt sein müssen, denn schon damals war ein Raketenangriff auf die Stadt erfolgt, das US-Außenministerium sprach eine Sicherheitswarnung aus.

Und Domenicali räumt ein, er habe sich bei den Bildern vom Freitag an das erinnert gefühlt, "was wir gerade im Fernsehen sehen", verweist damit vermutlich auf den Krieg in der Ukraine. Wichtig sei jedoch, all diesen Vorkommnissen "mit Rationalität" zu begegnen. Dass die Formel 1 "offen" mit diesem Thema umgehe, "ist der richtige Weg für eine moderne Formel 1", so sagt er.

Da lässt sich doch beruhigt schlafen ...

Aber die Formel 1 geht nicht offen mit diesem Thema um. Sie duckt sich weg. Schlimmer noch: Sie spielt das Spiel der Mächtigen mit, steckt die Öl-Dollars gerne ein, will "positive change" bringen, aber "nicht politisch sein". Und irgendwie hat das Wochenende ja ein gutes Ende genommen, mit tollem Racing auf der Strecke und Feuerwerk nach der Zieldurchfahrt, alles schick und fein.

Die Geschossexplosion vom Freitag? Die Zweifel im Fahrerlager? Die mehrstündige Diskussion unter den Fahrern? Die öffentliche Kritik an der Formel 1? Alles Schnee von gestern, solange – wie Domenicali sagt – es am Sonntag eine gute Show gibt.

Deshalb, glaube ich, wird Formel-1-Chef Stefano Domenicali nach dem Rennwochenende in Saudi-Arabien sehr gut geschlafen haben. Denn aus seiner Sicht ist ja praktisch nichts weiter passiert: Die Scheiche wollten ein Rennen, sie haben es gekriegt, und die Formel 1 einen Batzen Geld als kleine Entschädigung für Sportswashing auf höchstem Niveau. Und "we move on", auch mit einem Grand Prix in Saudi-Arabien. Denn der ist auf Jahre gesichert.

Einverstanden? Widerspruch? Lassen Sie uns reden!

Sie denken ähnlich? Oder ganz anders? Dann lassen Sie uns darüber reden: Folgen Sie mir gerne auf Facebook und/oder Twitter, wo ich diese Kolumne – und weitere aktuelle und historische Themen aus der Formel 1 und dem Motorsport allgemein – gerne mit Ihnen diskutiere. Schreiben Sie mir!

Und wer nach dem Rennen in Saudi-Arabien gar nicht gut geschlafen hat? Das erfahren Sie wie immer in der Schwesterkolumne von Chefredakteur Christian Nimmervoll auf Motorsport-Total.com. Hier klicken!

Ihr
Stefan Ehlen

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