Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Dominique Aegerter

Dominique Aegerter greift bei der Supersport-WM in Most zu allen Mitteln und erntet Kritik: Hat sich der Schweizer den Aufstieg in die Superbike-WM verbaut?

Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Dominique Aegerter
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Liebe Freunde der Superbike-WM,

auch beim sechsten Wochenende der laufenden Saison begeistere die Superbike-WM mit spannendem Racing, harten Duellen und tollen Szenen. Die Fans im Autodrom Most wurden gut unterhalten. Das Wetter spielte besser mit, als es die für Samstag ziemlich düstere Prognose erahnen ließ.

Im Gegensatz zur Premiere im Vorjahr durften die Fans dieses Mal ins Fahrerlager und nutzten diese Chance intensiv, um ganz nah an ihre Starts heranzukommen. Es war richtig was los!

Sturzopfer Dominique Aegerter auf der Anklagebank

Doch das Wochenende im tschechischen Most kreierte nicht nur positive Geschichten. Mit seiner "Schwalbe" nach dem Startunfall im ersten Supersport-Rennen verspielte sich Dominique Aegerter einige Sympathien. Deshalb übernimmt der Schweizer heute die Hauptrolle in unserer Montagskolumne.

Kurz zusammengefasst, was passiert war: Beim Start von Lauf eins der Supersport-WM kam es in der Schikane zu einem Massensturz, der von Can Öncü ausgelöst wurde. Dominique Aegerter war einer der Leidtragenden. Als er im Kiesbett landete, drohte der Traum vom zehnten Sieg in Folge zu platzen.

 

Noch nie zuvor konnte ein Fahrer zehn Rennen in der Supersport-WM in Folge gewinnen. Diesen Meilenstein hatte Aegerter fest im Fokus. In einer Kurzschluss-Handlung entschied er sich dazu, einen Abbruch des Rennens zu provozieren und somit beim Neustart wieder dabei sein zu können.

Am Sonntagmorgen überschlugen sich die Ereignisse

Aegerter ließ sich im Kiesbett fallen und simulierte eine Verletzung. Es ist schwer nachzuvollziehen, dass das Rennen nicht unterbrochen wurde, obwohl ein Fahrer am Ende der Zielgeraden im Kiesbett lag. Aegerters Plan scheiterte somit. Der Traum vom zehnten Sieg war geplatzt.

Dominique Aegerter

Yamaha-Rennleiter Andrea Dosoli ärgerte sich über Dominique Aegerters Verhalten

Foto: Motorsport Images

Die Verantwortlichen stuften Aegerter nach dem Rennen als nicht fit ein, weil sein Verhalten auf eine Gehirnerschütterung deutete. Um doch noch am zweiten Rennen teilnehmen zu können, soll Aegerter ein Geständnis abgeliefert haben. Dass er eine Verletzung simulierte, um einen Rennabbruch zu erzwingen, kam bei den Stewards nicht gut an. Sie stellten eine Sperre für das nächste Rennen aus. Aegerter fehlte somit im zweiten Rennen.

Im Fahrerlager sorgte die Aktion für reichlich Kopfschütteln. Mir begegnete niemand, der Aegerter in Schutz nahm. Einige Fahrer reagierten mit "kein Kommentar". Andere sprachen ziemlich deutlich aus, was sie von Aegerters "Schwalbe" hielten.

Dominique Aegerter brachte nicht nur sich in Gefahr

Ich stimme Scott Redding zu, der angesprochen auf Aegerters Aktion auf die Gefahr hinwies, in die sich die Marshalls begaben, um ihn zu versorgen. Man will sich nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn einer der Fahrer zu Beginn der zweiten Runde in Kurve 1 gestürzt wäre.

Aegerter hat sich bereits für sein Verhalten entschuldigt. Die Frage ist, ob die Aktion weitere Konsequenzen hat. Bisher galt Aegerter als Saubermann. In Most zeigte der eigentlich sehr sympathische Schweizer, dass er ein richtig harter Racer ist, der bereit ist, zu allen Mitteln zu greifen.

Das klingt vermutlich wilder, als es ist. Um ein erfolgreicher Rennfahrer zu sein, muss man über eine gewisse Schlitzohrigkeit verfügen. Valentino Rossi, Ayrton Senna, Michael Schumacher und Co. waren keine Engel.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich auch noch an Jonathan Reas Aktion in Magny-Cours vor einem Jahr, als er zusammen mit Kawasaki eine Tracklimits-Strafe gegen Toprak Razgatlioglu erwirkte. Beim Kampf um Siege, Titel und Meilensteine gehen richtige Racer ab und zu über die Grenzen.

Welche Auswirkungen die Aktion für die Zukunft hat

Das bedeutet nicht, dass ich Aegerters Aktion gut finde. Aber ich kann ein gewisses Verständnis dafür entwickeln. Die Frage ist, wie Yamaha damit umgeht. In der kommenden Saison will Aegerter in der Superbike-WM fahren, am liebsten mit einer Yamaha R1.

Mir wurde aber bereits zugetragen, dass Yamaha-Rennleiter Andrea Dosoli alles andere als glücklich war mit der negativen PR wegen der "Schwalbe" und der darauf folgenden Rennsperre. Yamaha ist bemüht, ein sauberes Image zu haben. Ich bin gespannt, wie Aegerter in Zukunft wahrgenommen wird.

Dominique Aegerter

Dominique Aegerter will keine dritte Saison in der Supersport-WM fahren

Foto: Ten Kate Racing

Aber vermutlich wird sich die Situation bis zum nächsten Event wieder etwas entspannen. Bis Magny-Cours haben die Beteiligten fünf Wochen Zeit, um das Geschehene zu verarbeiten.

Ich hoffe, dass Aegerters Aktion in Most keinen Einfluss auf die Entscheidung von Yamaha hat, ihm 2023 ein Superbike bereitzustellen. Auf Grund seiner sportlichen Erfolge hat "Domi" ohne Zweifel ein Werks-Superbike verdient.

Was sagen Sie zu Aegerters Verhalten? Wurde er bereits hart genug bestraft, indem er 50 Punkte seines Vorsprungs verlor? Hat er sich damit den Aufstieg in die Superbike-WM verbaut? Teilen Sie mir Ihre Meinung auf Facebook unter "Sebastian Fränzschky - Motorsport-Journalist" mit. Dort gibt es meine Texte, Insiderinfos, Meinungen und Einschätzungen zu aktuellen Themen. Und natürlich die Möglichkeit, diese Kolumne zu diskutieren!

Sportliche Grüße,

Sebastian Fränzschky

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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