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Helmut Marko exklusiv (1/3): Eigener Red-Bull-Motor "bei 80, 85 Prozent"

Red Bull in der F1 2020 im Rückblick: Helmut Marko erklärt, warum es nicht ausgeschlossen ist, auch nach 2025 einen eigenen Motor zu bauen und zu entwickeln

Helmut Marko exklusiv (1/3): Eigener Red-Bull-Motor "bei 80, 85 Prozent"

Mehr als fünf Siege hatte sich Helmut Marko aus Red-Bull-Sicht für die Formel-1-Saison 2020 vorgenommen. Beinahe hätte Alexander Albon gleich beim Saisonauftakt in Österreich zugeschlagen; doch letztendlich gelangen nur zwei Siege, und beide gingen auf das Konto eines überragenden Max Verstappen: einmal in Silverstone, einmal in Abu Dhabi.

Am 2. Oktober wurde Red Bull in der Formel 1 dann in seinen Grundfesten erschüttert: Der Motorenpartner Honda, den man erst Anfang 2019 gegen Renault eingewechselt hatte, gab seinen Ausstieg aus der Königsklasse per Ende 2021 bekannt. Auf einmal stand Red Bull schon wieder vor der Aufgabe, sich einen neuen Power-Unit-Lieferanten zu suchen.

Schnell war die Idee geboren, die Urheberrechte von Honda an der Technologie zu leasen und den Motor in Eigenregie einzusetzen. Als Voraussetzung für die Machbarkeit wurde ein sogenannter "Engine-Freeze" identifiziert, also ein Entwicklungsstopp ab Anfang 2022.

Wie weit diese Pläne inzwischen vorangeschritten sind, darüber hat Chefredakteur Christian Nimmervoll (Jetzt auf Facebook folgen: "Formel 1 inside mit Christian Nimmervoll") am 22. Dezember mit Red-Bull-Motorsportkonsulent Helmut Marko gesprochen, im ersten von drei Teilen unseres großen Jahresrückblick-Interviews.

 

Einigung mit Honda ist nur noch Formsache

Frage: "Herr Marko, nachdem Sie die Fahrerfrage geklärt haben, hat jetzt, nehme ich an, das Thema Motor Priorität. Als die Idee, mit Honda-Technologie weiterzumachen, vor einigen Wochen spruchreif wurde, hieß es, dass Red Bull seitens FIA und Formel 1 rasch Klarheit braucht, was einen Entwicklungsstopp betrifft. Was ist da der aktuelle Stand?"

Helmut Marko: "Da ist alles auf einem guten Weg. Die Gespräche mit FIA und Liberty sind fortgeschritten. Da hoffen wir noch in diesem Jahr auf einen entsprechenden Entscheid."

"Es ist klar, dass nicht alle Hersteller damit einverstanden sind. Aber ich glaube, dass sich eine Einigung abzeichnet. Aus der Perspektive der Vernunft ergibt es ja Sinn, dass man nicht immense Entwicklungskosten mit einem immens komplizierten Triebwerk in Kauf nimmt, wenn man weiß, dass dieses Triebwerk nur noch überschaubare Zeit eingesetzt wird."

"Dazu kommt noch: Wenn der neue Motor kommt, wird der wahrscheinlich komplett mit synthetischem Benzin oder E-Fuels, wie auch immer man das nennen mag, kommen. Wir reden also erstens von einer deutlichen Kostenreduzierung. Und das muss auch der logische Schritt sein."

"Man kann nicht anfangen mit einem Cap für das Chassis, aber die Motorenseite lässt man offen, und den Rest wie Fahrer und Marketing auch."

Frage: "Wenn man die Aussagen der anderen Hersteller in den vergangenen Wochen beobachtet hat, hat inzwischen eh keiner mehr was gegen einen 'Freeze'. Was ist da also eigentlich noch zu klären?"

Marko: "Das ist intern zwischen FIA und Liberty. Wir wollen etwas Handfestes haben, auf dem wir dann verlässlich aufbauen können. Aber es geht dabei nicht nur um uns. Die Formel 1 generell braucht das. Weil der Kostenfaktor in Zukunft etwas ganz Entscheidendes sein wird."

Keine Parallelverhandlungen mehr mit Renault

Frage: "Wenn ich Ihnen so zuhöre, ist inzwischen sehr wahrscheinlich, dass das klappt. Sind Sie dazu bereit, diese Wahrscheinlichkeit an einer Prozentzahl festzumachen?"

Marko: "Ich würde sagen, das ist bei 80, 85 Prozent."

Frage: "Ist das eine Wahrscheinlichkeit, bei der man im Hintergrund nicht mehr Parallelgespräche mit Renault über einen Plan B führen muss?"

Marko: "Unser Fokus liegt voll auf dem Honda-Projekt."

Frage: "Honda hat ja einen Workshop in Milton Keynes, der in Ihren Plänen mutmaßlich eine Rolle spielt. Wird das, so denn alles wie geplant klappt, ein Red-Bull-Standort? Oder least man den für eine beschränkte Zeit von Honda?"

Marko: "Nein. Unsere Pläne sehen vor, die Motorenwartung auf unserem bestehenden Red-Bull-Campus durchzuführen und dafür eine Halle zu adaptieren."

Frage: "Red Bull könnte es sich ja auch leicht machen und einfach bei Renault einen Motor leasen. Das Projekt selbst zu machen, ist doch sicher die viel teurere Variante, nicht wahr?"

Marko: "Klar ist diese Variante teurer. Aber erstens kriegen wir den Motor, der in Abstimmung mit der Chassisabteilung das Optimum verspricht, von der Platzierung der Aggregate her. Mittelfristig sind diese Investitionen, glaube ich, wieder einspielbar."

Frage: "Korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege, aber wir reden doch nur von einer Übergangslösung, bis in der Formel 1 ein neues Motorenformat eingeführt wird, richtig?"

Marko: "Ja. Wenn aber die Andeutungen Wahrheit werden, dass der neue Motor deutlich einfacher im Aufbau ist, dass die MGU-H wegfällt, dass er zwar innovativ bleibt, aber die jährliche Kostengrenze irgendwo bei 50 Millionen liegt, dann ist das nicht mehr so ein komplexes Thema wie das jetzige Triebwerk. Das heißt, man könnte dann mit den Utensilien, die wir in Milton Keynes haben werden, auch die Entwicklung für so ein Triebwerk machen."

Marko bestätigt: Red-Bull-Motorenprojekt nicht ausgeschlossen

Frage: "Das heißt: Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, ist es nicht völlig ausgeschlossen, dass Red Bull in Zukunft seinen ganz eigenen Motor baut?"

Marko: "Richtig. Ob allein oder in Kooperation, das ist dann Verhandlungssache, würde ich sagen."

Frage: "Man sagt dem Volkswagen-Konzern nach, dass dort durchaus Interesse an einem Formel-1-Einstieg besteht. Haben Sie Ihren steirischen Landsmann Fritz Enzinger schon angerufen?"

Marko: "Da gibt's nichts Offizielles."

Fritz Enzinger

Fritz Enzinger, Leiter Konzern-Motorsport bei VW, ist wie Helmut Marko Steirer

Foto: Porsche

Der Motor ist aber nicht das einzige Thema, das Red Bull in den vergangenen Wochen beschäftigt hat. Eine wichtige Weichenstellung für die Zukunft war auch die Frage nach dem zweiten Fahrer neben Max Verstappen. Nach wochenlangen Spekulationen fiel die Entscheidung letztendlich auf Sergio Perez. Der war laut 'Motorsport-Total.com'-Fahrernoten 2020 der viertbeste Pilot im gesamten Feld - und somit eigentlich der offensichtliche Kandidat ...

Frage: "Wechseln wir das Thema. Laut unserer Fahrernoten-Gesamtwertung war 2020 Lewis Hamilton der beste Fahrer, gefolgt von Max Verstappen, Daniel Ricciardo und Sergio Perez. Alexander Albon wurde 13. Sind Sie mit dieser Rangordnung ungefähr d'accord?"

Marko: "Ja, damit sind wir d'accord. Wobei ich die Hamilton-Leistung am Türkei-Rennen messe, und nicht an 0-8-15-Rennen. Denn wir wissen, dass eigentlich nix schiefgehen kann, wenn du mit einem Mercedes führst."

Frage: "Als ich Sie das letzte Mal in Graz besucht habe, haben Sie mir Datenaufzeichnungen gezeigt, die belegen sollten, dass Alexander Albon nicht so schlecht ist, wie er von den Medien gemacht wurde. Woran ist er trotzdem gescheitert?"

Marko: "An mangelnder Konstanz. Und dass er sich zu leicht verunsichern hat lassen, wenn beispielsweise der Wind an Intensität gewonnen hat oder aus einer anderen Richtung gekommen ist. Oder wenn die Reifen abzubauen angefangen haben, dann hat er überproportional Zeit verloren."

Verstappen irrtümlich ohne DRS: Gar nicht aufgefallen ...

Frage: "Sie meinen das rein fahrerisch. Oder meinen Sie, wenn Sie sagen Wind dreht, auch Verunsicherung etwa durch kritische Medienberichterstattung?"

Marko: "Nein. Ich rede tatsächlich von fahrerischen Auswirkungen."

"Wir haben ein sehr windempfindliches Auto. Max kann all diese Sachen umfahren. Nehmen wir Ungarn als Beispiel. Da hat er in einer Kurve vergessen, das DRS zu schließen. Er ist voll durchgefahren und meint dann, das Auto war halt ein bisschen unruhig!"

"Wenn man das so betrachtet, hat außer Ricciardo niemand auf gleichem Niveau neben ihm bestanden. Und je länger die Kombination Ricciardo und Max war, umso klarer konnte sich Max auch da absetzen."

Frage: "Ich persönlich finde ja, dass Albon ein wahnsinnig angenehmer, netter Mensch ist. Ist er vielleicht zu nett für die Aufgabe neben Max Verstappen in einem Topteam der Formel 1?"

Marko: "Es ist sicher auch eine mentale Geschichte. Aber wenn du einen Teamkollegen hast, der permanent auf absolutem Topniveau fährt, egal wie das Auto ist, spielt das eine untergeordnete Rolle, glaube ich."

"Natürlich haben ihn, da kommen wir zum Mentalen, die ganzen Berichte und die nicht zufriedenstellenden Ergebnisse verunsichert. Sein Rückstand auf Verstappen hat sich im Laufe der Saison vergrößert, nicht verringert. Zwar marginal, aber er ist größer geworden."

Frage: "Wie ist er damit umgegangen, als Sie ihn angerufen haben, dass er das Cockpit verliert?"

Marko: "Horner hat am Freitag mit ihm ein Gespräch geführt, knapp vor der Bekanntgabe. Er hat das gefasst aufgenommen."

"Wir haben ihm versichert, dass wir ihn massiv bei Testfahrten einsetzen werden. Es sind ja die 2022er-Reifen zu testen, dafür gibt es eigene Tests. Er wird viel Simulator fahren. Und er wird auch bei vielen Rennen als Ersatzfahrer sein. Das betrifft bei uns ja vier Autos. Die Chancen, dass er zum Einsatz kommt, sind vorhanden."

"Darüber hinaus sind wir dazu bereit, ihn auszuleihen, wenn in einem anderen Team die Situation entsteht, dass sie kurzfristig einen Fahrer brauchen. Damit er auf Rennkilometer kommt. Das ist nicht das Ende. Wir schauen, ob es gelingt, ihn zu stabilisieren."

Der zweite und dritte Teil des exklusiven Interviews mit Helmut Marko werden am 29. und 30. Dezember auf motorsport.com und Formel1.de veröffentlicht.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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Artikel-Info

Rennserie Formel 1
Fahrer Alexander Albon
Teams Red Bull Racing
Tags helmut marko
Urheber Christian Nimmervoll