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Jean Todt im Exklusiv-Interview: Alles muss neu bewertet werden!

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Jean Todt im Exklusiv-Interview: Alles muss neu bewertet werden!
Autor:
Co-Autor: James Allen
Übersetzung: Norman Fischer
13.04.2020, 06:01

FIA-Präsident Jean Todt spricht im ausführlichen Exklusiv-Interview über den Motorsport in Zeiten des Coronavirus und wie sich der Sport verändern wird

Der Motorsport erlebt gerade einer seiner turbulentesten Zeiten der Geschichte. Zwar dreht sich aktuell dank des Coronavirus kein Rad, doch gerade das könnte in den kommenden Wochen und Monaten zu einem großen Umbruch führen. Schon vor dem Virus stand der Motorsport in seiner aktuellen Form auf dem Prüfstand - jetzt erst Recht.

FIA-Präsident Jean Todt hat daher derzeit alle Hände voll zu tun und steht mit allen Beteiligten der Motorsport-Welt in engem Austausch. Trotzdem hat der Franzose die Zeit gefunden, sich mit 'Motorsport.com' zum ausführlichen Interview zu treffen - natürlich nur virtuell.

Wie er die aktuelle Situation bewertet, wie es mit dem Motorsport in Zukunft weitergeht und welche Gefahren er sieht, das erfährst du hier.

Frage: "Vielen Dank, dass Sie sich heute Zeit nehmen. Herr Präsident, wo halten Sie sich eigentlich gerade auf und wie gehen Sie mit diesen aktuellen Herausforderungen um? Nicht zu reisen muss eine enorme Umstellung für Ihr Leben sein."

Jean Todt: "Es ist anders. Für uns ist es aber auch eine einzigartige Erfahrung und ein Umdenken über die Welt, in der wir leben. Wie fragil sie ist, und wie gesegnet ich mit meinem Umfeld bin. Ich bin hier, uns geht es gut. Wir, das sind eine kleine Gruppe meiner Angestellten, unsere Leute, die an unserem Landhaus in Frankreich arbeiten, und ein paar Freunde inklusive meinem Sohn und seiner Freundin. Sie war ein Opfer des Virus und musste in Quarantäne, aber jetzt geht es ihr gut. Sie ist wohl am sichersten von uns allen, weil sie es schon hatte. Und bis jetzt hatte es kein anderer von uns."

"Ich merke gar nicht, wie die Zeit vergeht, weil ich den ganzen Tag beschäftigt bin. Vor fünf Minuten habe ich noch mit einem Sportminister in Kenia über die WRC gesprochen. Wir haben nur einen Event in Kenia, und darüber habe ich eine SMS bekommen. Ich spreche mit Promotern, mit Teams, mit meinem Team, mit meiner UN-Gruppe. Ich habe viel zu tun."

 

Frage: "Vor kurzem haben Sie auf Twitter etwas über einen 'neuen Deal' geschrieben. Was ist der Kontext und die Idee dahinter?"

Todt: "Das ist ganz einfach. In jeder Krise gibt es nicht nur schlechte sondern auch gute Dinge. Zu den guten gehört, dass wir die Möglichkeit haben, die Dinge für die Zukunft besser zu machen. Das betrifft hauptsächlich die Formel 1. Es gibt einige Zahlen, die nicht vernünftig sind, und um die müssen wir uns kümmern. Heute Morgen hab ich zufällig ausgerechnet, dass das Budget für die Teams mit dem, was wir zusammen mit der Formel 1 durchgesetzt haben, noch immer zwischen 150 Millionen US-Dollar für ein kleines und mehr als 300 Millionen Dollar für ein großes Team liegen wird."

"Da sind die Kosten der Motorenentwicklung für die Hersteller noch gar nicht inbegriffen, es ist also noch immer verrückt. Da kann man sich vorstellen, wie hoch die Zahlen vorher waren. Trotzdem gibt es von einigen Teams noch immer Widerstand. Es geht darum, Dinge neu zu bewerten und einige Entscheidungen zu treffen. Das gilt nicht nur für die Formel 1, auch für die Formel E, die WEC, die Rallye-WM, Tourenwagen-Meisterschaft, Kartsport, einfach alles. Darum geht es beim 'neuen Deal'. Es ist eine neue Situation."

Frage: "Eine Neukalibrierung?"

Todt: "Genau.

Der Motorsport und Corona

Die Motorsport-Welt versucht derzeit in der Coronakrise ihren Teil beizusteuern und ihre freien Kapazitäten zu nutzen. Unter dem "Project Pitlane" haben sich etwa die sieben in Großbritannien ansässigen Formel-1-Teams zusammengeschlossen, um bei der Entwicklung und der Produktion von nötigen Beatmungsgeräten oder bei anderen Projekten zu helfen.

Frage: "Wir haben gesehen, dass der Motorsport ziemlich proaktiv beim Thema Corona hilft. Es gibt das Project Pitlane, und die Maschinen, die unter anderem Mercedes herstellt, helfen dabei, Leben zu retten. Was sagt das über die Qualität von Motorsport-Unternehmen und ihren Wert für die breitere Welt aus?"

Todt: "Ich würde sagen, wir leben in einer Zeit der Solidarität. Und das ist passenderweise auch ein Teil von meiner Diskussion. Wir wissen, dass wir nicht oft über das Gehirn- und Rückenmarksinstitut reden. Jeden Tag spreche ich mit Professor Gerard Saillant, der auch Präsident der medizinischen Kommission ist."

"In der FIA haben wir zudem auch ein Krisenteam installiert. Sie treffen sich per Video alle zwei Tage für die aktuelle Entwicklung. Und eines der Themen ist, wie wir unseren Beitrag leisten können - jetzt und später. Denn es wird auch ein paar Folgen geben, wenn das vorbei ist. Wir reden über den 'neuen Deal', aber auch wie wir nach der Krise helfen können."

"Vielleicht können wir auch Einigkeit unter den internationalen Strukturen wie IOC, FIA, Athletenverband, UCI, SEO schaffen. Zusammen können wir Ideen, Programme und Unterstützung entwickeln. Und dann können wir natürlich auch große Organisationen involvieren, immerhin haben wir Clubs in 150 Ländern."

Frage: "Sie haben eben von einem 300-Millionen-Dollar-Budget bei den großen Herstellern gesprochen. Trotzdem gibt es noch Widerstand gegen eine Senkung. Denken Sie, die Hersteller werden ihren Standpunkt angesichts der Krise ändern?"

Todt: "Jeder Hersteller hat seine eigene Einstellung. Dazu muss man wissen, dass es für die Hersteller aktuell nicht die oberste Priorität ist, im Motorsport alles so weiterlaufen zu lassen. Und ich muss gestehen, dass ich das auch richtig finde. Ich habe heute einen Report der UN gelesen, dass 25 Millionen Leute ihren Job verlieren könnten."

"Daher respektiere ich die Programme jeder einzelnen Firma. Wenn eine Firma ein paar Leute in einem Rennteam verliert, dann ist das nicht so dramatisch. Dramatisch wäre es, wenn wir in der Formel 1 zum Beispiel vier Teams verlieren. Ich hoffe wirklich, dass alle das große Gesamtbild im Auge behalten - und nicht nur auf sich selbst schauen."

Die Drohung der vier Aussteiger hatte zuletzt bereits McLaren-Geschäftsführer Zak Brown ausgesprochen und erst kürzlich gemeint, dass die Topteams gegen sich selbst fahren werden, wenn sie auf einer hohen Budgetgrenze beharren. Die teams haben sich formal bereits darauf geeinigt, die Grenze von 175 Millionen Dollar auf 150 Millionen Dollar zu denken, doch die kleineren Teams fordern eine weitere Senkung.

Die Angst vor dem Ausstieg

Frage: "Denken Sie, dass die Formel 1 wirklich vier Teams verlieren könnte?"

Todt: "Ja. Ich habe gesagt, dass eine niedrige Zahl 150 Millionen wären. Das ist eine Menge Geld. Ein anderes Problem ist das Interesse. Wenn alles vorüber ist, will man dann noch immer zu einem Rennen gehen? Will man noch ins Stadion gehen? Oder ins Theater, ins Restaurant oder Kino? Man muss wieder von vorne anfangen, denn momentan hängen wir alle von den äußeren Umständen ab."

"Sie haben mich gefragt, ob ich zum Beispiel das Reisen vermisse. Ehrlich gesagt nicht. Was wird wohl mein erster Gedanke sein, wenn ich zum ersten Mal wieder mit meinem Gepäck am Flughafen stehe? Ich werde anders darüber denken. Ich denke, wir sind so diszipliniert, weil die Menschen emotional regieren und Angst haben."

Zak Brown, Mattia Binotto

McLarens Zak Brown zeigte sich zuletzt besorgt über die Formel-1-Teams

Foto: LAT

"Ich habe kürzlich mit meinem Nachbarn gesprochen und ihn gefragt, ob er mich besuchen will. Er fragte, ob er eine Maske anziehen soll. Warum sind wir so diszipliniert? Weil es strenge Vorschriften von der Regierung gibt, und weil wir Angst vor den Konsequenzen haben. Wenn wir auf der Straße auch so diszipliniert wären, und ich glaube, dass das passieren wird und die [Unfall-]Zahlen deutlich sinken werden, was positiv ist. So wird es auch beim CO2 sein, die Emissionen werden drastisch sinken, weil es ein neues Leben ist. Wenn es wieder losgeht, dann hoffe ich, dass wir auch da einen 'neuen Deal' haben werden."

Frage: "Der Motorsport ist momentan ziemlich fragmentiert. Was denken Sie, welche Auswirkung die Krise auf die einzelnen Serien und die ganze Motorsport-Landschaft haben wird?"

Todt: "Ich bin mir sicher, dass viele kleine und mittelgroße Teams, viele Zulieferer und Hersteller ihre Programme prüfen werden. Vielleicht müssen sie aufhören. Ich habe die Kosten vorhin angesprochen."

"Ich denke, dass es die Gesellschaft zwischen 300 Milliarden und drei Billionen kosten wird. Das ist massiv. 25 Millionen Menschen werden ihren Job verlieren. Es wird auf allen Ebenen zu spüren sein. Die ganze Welt spürt die Auswirkungen des Virus, und das wird auch so bleiben. Die Herausforderung wird es sein, beim 'Neustart' richtig zu handeln und einen Unterschied zu machen."

2020 noch Rennen?

Frage: "Muss die Kostengrenze noch viel strikter sein? Reichen 150 Millionen in der Formel 1 nicht aus, damit die Teams langfristig überleben können?"

Todt: "Wenn man sich den aktuellen Stand anschaut, dann ist es ehrlich gesagt schon ziemlich drastisch. Die momentane Situation ist nicht akzeptabel, es ist viel zu viel. Man muss immer abwägen, ob es sich lohnt, etwas zu tun. Ich bin [mit der Budgetobergrenze] ein Risiko für den ganzen Sport eingegangen. Die Teams haben das verstanden, auch die größten. Wir haben sehr eng und positiv mit der Formel 1 zusammengearbeitet, um die Situation mit der Unterstützung der Teams zu beheben."

"Jetzt geht es darum, welchen Rückhalt wir haben. Natürlich haben kleine, mittelgroße und große Teams unterschiedliche Ansichten. Also müssen wir die großen überzeugen, dass der Schritt, der ursprünglich geplant war, nicht groß genug ist. Das ist bereits passiert. Aber der vorgeschlagene Schritt ist noch immer nicht groß genug."

"Am Freitag sollten wir eigentlich eine finale Entscheidung treffen, aber dazu brauchen wir ordentliche Analysen und Zahlen. Es ist wichtig, dass wir einen starken Input bekommen, dass es eine gute Koordination gibt, und dass alle Stakeholder kooperieren und etwas Professionelles ausarbeiten."

Eine wichtige Frage ist auch, ob die Formel 1 in diesem Jahr noch Rennen fahren kann. Sportchef Ross Brawn hatte kürzlich noch von bis zu 19 Rennen gesprochen, doch mit der Zeit schwinden die Chancen. Aktuell ist Le Castellet Ende Juni der offizielle Auftakt, doch auch daran zweifeln nicht wenige.

Frage: "Glauben Sie, dass es 2020 noch ein Rennen vor Fans geben kann?"

Todt: "Ich glaube daran. Ich glaube wirklich daran. Und ehrlich gesagt hoffe ich es. Ich hoffe es und wir brauchen es. Ich habe den Spaß und die Leidenschaft angesprochen. Das ist etwas, das wir brauchen. Es muss aber ordentlich gemacht werden, denn wie schon gesagt: Wenn dir heute jemand sagt, dass ihr in ein Restaurant gehen wollt, dann fühlst du dich nicht danach. Dein Kopf ist anders. Deine Sorgen sind anders. Es wird Zeit brauchen. Es wird zurückkommen, aber ich hoffe, dass es besser zurückkommen wird."

"Ich hoffe wirklich, dass die Leute merken, wie zerbrechlich die Natur des Menschen ist. Wir müssen demütig sein, sehr demütig. Wenn wir Erdbeben in Indonesien sehen und sehen, wie Strände zerstört, Gebäude zerstört und tausende Menschen getötet werden, dann machen wir uns keine Sorgen. Man ist traurig, aber man macht sich keine Sorgen, weil man denkt, dass es einen nicht betrifft. Bei einem Vulkanausbruch ist es das Gleiche. Und hier sieht man etwas, das uns alle betrifft."

Esport: "Nichts ersetzt die Realität"

Als Ersatz für die ausgefallenen Rennen fährt die Formel 1 derzeit virtuelle Grands Prix mit einigen Piloten. Doch die Serie ist nichtdie einzige, die derzeit aus dem Boden sprießt ...

Frage: "Was denken Sie über den Aufstieg von Esports in solchen Zeiten?"

Todt: "Ich muss zugeben, dass ich sehr alt bin! Aber man sieht auch große Sprünge: Ich spreche mit meiner Frau nun über ein iPhone! Ich mache jetzt Videos, das ist sehr faszinierend. Ich bin sicher, dass ich jetzt etwas strikter zu unseren Leuten sein werde, weil wir sehen, dass wir auch so sehr gut arbeiten können. Das sind positive Dinge."

"Im Esport haben wir etwas erschaffen. Sie erinnern sich vielleicht, dass wir im vergangenen Jahr eine Meisterschaft bei den Motorsport Games in Rom hatten, und vor zwei Jahren hatten wir in Las Vegas ein virtuelles Formel-E-Rennen. Und wir haben die E-Game-Kommission gegründet."

Jean Todt

Jean Todt hat sich entwickelt und macht jetzt auch Videos

Foto: LAT

"Am vergangenen Sonntag habe ich mir das virtuelle Rennen angeschaut. Ich muss zugeben, dass es bei mir nicht die gleichen Emotionen weckt. Wenn ich den Sport vor Ort oder im TV anschaue, dann fühle ich Emotionen. Das hier ist toll für die Fans, aber ich würde wohl nicht gerne mitmachen. Die Konsequenzen sind anders. Wenn sie ein Auto dreht oder in die Wand fährt und einfach von vorne anfängt, dann ist es anders."

"Aber es ist trotzdem eine gute Kombination, weil professionelle Fahrer mit Interesse und Enthusiasmus gegen Esportler fahren. Das ist schön. Wir können das sicher ausbauen, und es ist Teil des Programms. Nichts wird aber die Realität ersetzen."

Frage: "Die FIA hat mit dem Shutdown und den verschobenen Regeln bereits eine Menge getan. Was kann und muss sonst noch getan werden, um die aktuellen zehn Teams zu retten?"

Todt: "Das besprechen wir fast täglich mit Chase Carey, mit Ross [Brawn], mit jedem meines FIA-Teams und den Teilnehmern. Ich möchte nicht zu zuversichtlich sein, aber ich hoffe, dass ein paar Teambesitzer und Sponsoren ihre Motivation behalten. Darum müssen wir sicherstellen, dass wir sie nicht entmutigen, sonst sagen sie vielleicht: 'Wo ist der Sinn? Mag ich es noch? Brauche ich es noch?' Wir müssen sie dazu ermutigen, dass sie es immer noch mögen und immer noch brauchen."

"Dabei haben wir eine Verantwortung. Für sie sprechen kann ich jedoch nicht. Ich kenne ihre Geschäfte und ihren Weg nicht im Detail. So war es in der Formel 1 schon immer. Leute kommen und gehen. Aktuell hoffe ich, dass sie bleiben."

Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit

Die Frage nach einem Formel-1-Verbleib hat sich bei einigen Herstellern aber auch bereits ohne die Coronakrise gestellt. Noch sind die notwendigen Verträge für die Zukunft in der Königsklasse nicht unterschrieben, und die aktuelle Situation lässt bei einigen Rennställen immer mehr Zweifel aufkommen.

Frage: "Sind Sie zuversichtlich, dass die aktuellen Privatteams und Hersteller 2021 bleiben werden oder erwarten Sie, dass der ein oder andere aufhören wird?"

Todt: "Ich hoffe, dass im kommenden Jahr alle bleiben werden. Darum müssen wir auf alle hören. Selbst die Großen. Man darf nie etwas als gegeben ansehen. Wir müssen alles in Erwägung ziehen. Noch einmal: Wir müssen demütig sein. Wir lieben es, aber es ist für die Gesellschaft nicht von essentieller Bedeutung. Von daher müssen wir sicherstellen, dass wir ordentliche Entscheidungen treffen."

Frage: "Große Motorhomes, tausende Angestellte auf Reisen und riesige Boxencrews scheinen nicht mehr nachhaltig. Muss man auf so etwas schauen? Brauchen wir ein neues Geschäftsmodell für die Formel 1?"

Todt: "Daran arbeiten wir. Jeden Tag. Motorhomes stören mich ehrlich gesagt nicht so. Man sieht sie zwar, aber sie sind mit Sicherheit nicht der Dealbreaker in der Formel 1. Da gibt es andere Dinge, die wichtiger sind."

Fotostrecke
Liste

Mercedes

Mercedes
1/12

Foto: Mark Sutton / Motorsport Images

Ferrari

Ferrari
2/12

Foto: Mark Sutton / Motorsport Images

Red Bull / Toro Rosso

Red Bull / Toro Rosso
3/12

Foto: Mark Sutton / Motorsport Images

Renault

Renault
4/12

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Haas

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5/12

Foto: Andy Hone / Motorsport Images

McLaren

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6/12

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Racing Point

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7/12

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Alfa Romeo

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8/12

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Williams

Williams
9/12

Foto: Mark Sutton / Motorsport Images

Honda

Honda
10/12

Foto: Mark Sutton / Motorsport Images

Pirelli

Pirelli
11/12

Foto: Mark Sutton / Motorsport Images

FIA

FIA
12/12

Foto: Mark Sutton / Motorsport Images

Frage: "Welche anderen Veränderungen muss die Formel 1 vornehmen, um nachhaltiger zu werden?"

Todt: "Alles, was wir vorschlagen, geht in die richtige Richtung. Ich bin sicher, dass Sie alles kennen. Hauptsächlich geht es aber derzeit um die Kosten. Wir müssen die Diskrepanz zwischen den Kleinen, den Mittleren und den Großen angehen. Und dabei müssen wir vernünftig sein, auch was den Motor angeht."

Frage: "Die Formel 1 ist nicht als einziges betroffen. Jeder Aspekt der Gesellschaft ist betroffen und auch alle Bereiche im Motorsport. Welche anderen Beteiligungen hat die FIA und glauben Sie, dass wir aufgrund dessen auf eine weniger zerstückelte Landschaft zugehen?"

Todt: "Wir sind in allen internationalen Meisterschaften involviert und sprechen mit allen nationalen Motorsport-Verbänden, weil jeder Probleme angehen muss. Und durch den Mobilitäts-Part der Organisation sind wir natürlich sehr eng bei unseren Mitgliedern. Und wir müssen auch sehr eng bei unseren Angestellten sein. Wenn man in einer Krise ist, muss man Autorität und Verantwortung demonstrieren."

"Vielleicht ist das auch ein Grund, wieso wir hier sitzen: um besser zu kommunizieren. Die Leute wollen alles wissen. Ich kommuniziere durch Nachrichten mit unseren Angestellten, und wir müssen mit all unseren Mitgliedern und Clubs kommunizieren. Es ist sehr wichtig, dass eine sehr starke Regierung an der Spitze der Organisation steht. Wir standen wohl noch nie in einem so engen Kontakt wie in den vergangenen Monaten."

Australien war kein Fehler

Frage: "Ist es nicht positive Ironie, dass wir alle nie enger verbunden waren, aber trotzdem alle getrennt sind?"

Todt: "Das ist eine gute Möglichkeit, um besser zu wissen, wer um einen herum ist. Manchmal ist man überrascht und manchmal nicht. Was ich sage, ist für Sie vielleicht das Gleiche. Sie sind den gleichen Problemen ausgesetzt. Es ist eine einzigartige, wenn auch teure Erfahrung."

Frage: "Welche Absicherungen verlangen Sie von den Organisatoren und den kommerziellen Rechteinhabern, wenn das Racing wieder losgeht, damit man nicht wieder in so eine Situation wie in Australien kommt, in der Teams und Fans zu den Events gehen und es am Ende kein Rennen gibt?"

Todt: Ich spreche gerne über Australien. Ich denke, dass es die richtige Entscheidung war, nach Australien zu reisen. Die Fakten haben sich rasend schnell beschleunigt, aber als die Entscheidung zur Abreise kam, gab es keinen Grund, nicht nach Australien zu gehen. Und dann ging alles sehr schnell. Die Welt war in Aufruhr. Dann gab es den bedauernswerten Zwischenfall mit dem McLaren-Mitarbeiter und McLaren hat entschieden, dass sie unter diesen Umständen nicht teilnehmen können."

"Ich habe die FIA am Telefon gebeten, sich mit den Teams zu treffen. Zu diesem Zeitpunkt gab es viele unterschiedliche Meinungen mit den Organisatoren in Australien, der medizinischen Entwicklung ... Die medizinischen Behörden haben uns gesagt, dass es keinen Grund gibt, das Programm am Wochenende zu verändern. Bis wir am Freitagmorgen drei Stunden davor genug Vertrauen hatten, dass wir es nicht tun sollten."

"Aber noch einmal: Ich gebe ihnen nicht die Schuld. Das ist ein Moment, in dem man sich nicht gegenseitig beschuldigen, sondern verstehen sollte. Es ist das Einfachste, Leute in dieser Zeit zu beschuldigen. Eine Woche danach gab es in Frankreich eine Bürgermeisterwahl. Und Frankreich war ehrlich gesagt viel mehr betroffen als Australien zuvor."

"Ich finde es unfair, das zu kritisieren, was in Australien passiert ist. Es ist grausam, es ist unglücklich, es ist die längste Wartezeit des Jahres und so, aber man muss antizipieren. Es gab keinen Grund. Ich bin sicher, dass die Luftfracht und das alles schon Monate zuvor losgeschickt wurde. Es gab nicht genügend Gründe, um zu sagen, dass wir nicht hinfahren. Das ist meine Meinung."

Wie viele Rennen sind realistisch?

Frage: Wie vermeidet man ein solches Szenario in der Zukunft? Irgendwann wird man die Entscheidung treffen, wieder zu fahren, vor allem wenn man zehn, 15 oder 18 Rennen fahren möchte."

Todt: "Mit Sicherheit werden die Sportkalender für 2020 auf der ganzen Welt unter die Lupe genommen. Wir sind nicht mehr in dem Status, dass wir sagen können: 'Das zählt'. Ich denke, das ist etwas, das wir mit den Promotern und natürlich Chase und seinem Team besprechen. Vielleicht muss entschieden werden, dass wir mit all den Bedingungen und der Zuversicht wieder starten können, vielleicht gibt es ein bestimmtes Datum, an dem wir den Kalender verschieben müssen. Wir werden Flexibilität und Kreativität brauchen."

"Wichtig ist, dass wir die falsche Wahl und Fehler akzeptieren können. Australien halte ich aber nicht für einen Fehler. Wir müssen aus Australien lernen, wir müssen aus einigen anderen Dingen lernen. Zehn Tage später oder so waren wir noch bei der Rallye in Mexiko. Und ich erinnere mich, dass ich nachts angerufen wurde und es am Dienstag Ärger gab."

"Ehrlich gesagt weiß ich den Grund gar nicht, warum wir die Rallye am Samstagabend beendet haben und nicht am Sonntag. Wir wollten wohl eher eine Antwort auf die Emotionen der Teilnehmer finden und Führung zeigen, weil die echte Notwendigkeit zu diesem Zeitpunkt gar nicht bestand, den Sonntag zu streichen. Ich halte es für sehr wichtig, dass wir Solidarität demonstrieren und zusammenstehen, wenn wir mit Leuten reden."

Frage: "Wie viele Rennen halten Sie für realistisch? 15 bis 18 scheinen optimistisch."

Todt: "Ich würde sagen, es ist egal. Natürlich sind die Organisationen geschlossen und die Leute im Urlaub. Ich habe zu meinem Assistenten gesagt: 'Genieß deinen Urlaub!' Nur Spaß. Ich denke, dass jeder bereit ist, etwas zur Situation beizutragen. Wenn wir einmal wissen, dass wir anfangen können, dann könnten wir durchaus zwei bis drei Grands Prix pro Monat sehen. Wenn wir im Juli oder August anfangen und dann bis Dezember machen, dann haben wir fünf oder sechs Monate, multipliziert mit drei, und das ist dann eine Option."

"Man darf aber nicht vergessen, dass wir in Situationen geraten könnten, wo ein Organisator den Event sicher abhalten könnte, dann aber fühlt: 'Ich möchte das nicht. Ich bin nicht in der Stimmung, um den Event abzuhalten.' Diese Situation kann auftreten. Ein Event ist eine Feier, und wie ich bereits vorhin angemerkt habe, könnten wir in eine Situation kommen, in der alles startbereit ist, aber keine Stimmung zum Feiern aufkommt."

Frage: "Wenn der Neustart weiter als dahin verschoben wird: Ist es dann möglich, dass die Meisterschaft in den Januar gezogen wird?"

Todt: "Das wurde diskutiert und liegt in den Händen der kommerziellen Rechteinhaber. Es könnte kommerzielle Verträge geben und es liegt an uns, der Behörde, ja oder nein zu sagen, aber es sieht nicht wahrscheinlich aus."

Frage: "Könnte es Geisterrennen geben, um wieder Rennen zu haben und die TV-Verträge zu erfüllen?"

Todt: "Das sind mögliche Optionen."

Das leidige Thema Ferrari

Und dann wird Todt natürlich noch auf das brisanteste Thema der vergangenen Wochen angesprochen. Der Geheimdeal zwischen der FIA und Ferrari sorgte für hohe Wellen. Die Konkurrenten wollten diese Apsrache nicht einfach so hinnehmen, weil es so aussah, als sei Ferrari illegal unterwegs gewesen,sei aber damit im Grunde durchgekommen und habe einen Deal mit der FIa abgeschlossen.

Der Franzose sagt nun aber, dass ihm die Hände gebunden waren. Er konnte die Details gar nicht verraten, auch wenn er es gerne getan hätte.

Frage: "Vor Australien stand die Ferrari-Thematik, die Pressemittlung der FIA und die Reaktion der anderen Teams im Mittelpunkt des Interesses. Verstehen Sie, warum die Teams unglücklich über die Situation waren?"

Todt: "Seitdem gab es eine Menge Schriftverkehr. Momentan haben wir Zeit für so etwas. Es ist ihr gutes Recht, neugierig zu sein. Aber gleichzeitig ist die FIA so professionell wie möglich an die ganze Sache herangegangen. Dazu kann ich etwas erzählen. Einige Gegner deuteten [2019] an, dass Ferrari sich außerhalb der Regeln bewegen könnte. Unsere Techniker nahmen den Ferrari daraufhin mehrere Monate unter die Lupe, um zu verstehen, ob das, was sie machten, legal oder illegal war."

"Ich selbst machte unseren Teams eine Menge Druck, so viele Kontrollen wie möglich durchzuführen. Dazu muss man wissen, dass wir das nicht hätten tun müssen, nur weil eine Art Whistleblower das behauptet hat. Wir müssen dafür sorgen, dass jedes einzelne Team sich im legalen Rahmen bewegt. Das hat mich am meisten frustriert. Dass man hinterher gesagt hat, ich hätte versucht, [die anderen Teams] von einem Protest abzubringen. Das Gegenteil war der Fall! [...] Ich habe sie ermutigt. Wenn sie nicht zufrieden sind, dann sollen sie protestieren. Wir hätten uns also eigentlich entspannen können, weil niemand Protest einlegte."

"Trotzdem wollten wir der Sache auf den Grund gehen. Daher haben wir sehr, sehr komplexe Untersuchungen vorgenommen. Am Ende der Meisterschaft haben wir Leclercs Auto in Abu Dhabi dann noch einmal kontrolliert, und die Rennkommissare haben entschieden, dass es sich um einen menschlichen Fehler handelte. Daher gab es eine Geldstrafe. Auch da hätten wir die Sache einfach abhaken können. Aber trotzdem haben wir weiter versucht, die ganze Situation zu verstehen."

"Die meisten Topteams sagten damals, dass sie die Situation verstehen wollen. Aber das Wichtigste war für sie, dass die Lage für 2020 klar ist. Deshalb haben wir für 2020 die Regeln geändert, damit wir uns sicher sein konnten, dass es da keine Unklarheiten mehr gibt. Als wir letztendlich zu dem Schluss kamen, dass Ferrari etwas getan hatte, was nicht legal war, haben sie das bestritten. Sie erklärten, dass es legal sei. Ich hätte die Sache dann dem Berufungsgericht übergeben können."

"Wir wissen aber nicht, wie sie entschieden hätten. Es hätte Jahre dauern können, und das wäre nicht im Interesse der Formel 1 gewesen. Zudem greift bei Ferrari Artikel 4 der Justiz- und Disziplinarvorschriften [der FIA]. Solange es Ferrari uns nicht erlaubt, über die Details zu sprechen - was ich sehr gerne tun würde -, [dürfen wir das nicht]. Wenn ihr mich fragt, dann würde ich gerne alle Details nennen. Aber sie waren dagegen. Sie wurden bestraft, aber wir dürfen nicht über die Details sprechen."

"Wir hätten auch einfach gar nichts sagen können. Wir waren aber der Meinung, dass es falsch gewesen wäre, es nicht anzusprechen, dass der Fall Ferrari diskutiert wurde und dass es Sanktionen gegeben hat." Eigentlich ist das ganze Sache sehr einfach. Wir haben so viel unternommen, um zu einem Schluss zu kommen, dem sie aber nicht zustimmen. Leider stehen wir hier aber vor vollendeten Tatsachen. Denn unser Techniker sagen: 'Wir können nicht so viel belegen, wie nötig wäre, um zu beweisen, dass es nicht legal war.'"

Frage: "Ist die Sache für Sie damit abgeschlossen?"

Todt: "Ich habe mit einigen der sieben Teams einzeln gesprochen. Eines der Teams hat sich entschieden, dass sie völlig außen vor sind, obwohl sie einer der Anführer waren. Seitdem habe ich nie wieder von einem Sinneswandel gehört. In der Presse habe ich gelesen, dass es eine Diskussion zwischen zwei Vorsitzenden gab. Als Antwort auf meinen Brief habe ich einen Brief erhalten, in dem sie bestätigen, dass sie die Position der FIA verstehen. Das bedeutet aber nicht, dass sie mit der Position der FIA glücklich sind. Sie würden es begrüßen, wenn Ferrari die Offenlegung des Falles zulassen würde. Das sehe ich auch so. Aber wir können es nicht [ohne Zustimmung]."

Kann die FIA alles kontrollieren?

Frage: "Techniker konnten nicht beweisen, dass Ferrari die Regeln gebrochen hat. Wie können die Teams der FIA da vertrauen, dass sie die komplizierten Regeln überwachen?"

Todt: "Das ist ein guter Punkt, aber so war es immer. Es ist wohl komplexer als je zuvor, aber auch die Organisation der FIA ist technisch gesehen nicht mehr auf dem Stand von früher. In der modernen Welt mit Whistleblowern und so ist es für Verantwortliche schwieriger, ein Teammitglied zum Komplizen von einem Fehlverhalten zu machen. Dass Leute von einem Team zum anderen gehen, macht es sehr schwierig. Ob wir immer alles entdecken können, was passiert? Die Antwort ist nein."

Frage: "Sollten Sie angesichts der Krise auch über die aktuelle Amtszeit bis 2021 hinaus FIA-Präsident bleiben?

Todt: "Um ehrlich zu sein: Ich liebe, was ich tue. Es ist ein Segen, dass ich immer noch diese Leidenschaft und Energie besitze. Was ich für mich tue, ist Feedback, weil ich alles freiwillig mache. Wir haben die Statuten verändert, um die Anzahl der Amtszeiten zu beschränken. Und auch wenn es viele Anfragen gibt, werde ich die Statuten nicht verändern, um mehr als die drei Amtszeiten auszuführen, die ich hoffentlich haben werde."

Jean Todt, Chase Carey

Der Franzose stellt sich zu keiner weiteren Amtszeit zur Verfügung

Foto: LAT

Frage: "Haben Sie in dieser schwierigen Zeit eine Nachricht an alle Motorsport-Fans?"

Todt: "Ich wünsche allen das Beste und hoffe, dass jeder daraus lernen wird. Wir lernen, dass wir zerbrechlich sind, dass wir demütig sein müssen, und dass es Dinge gibt, die viel größer sind als wir selbst. Wir können uns glücklich schätzen, und darum habe ich auch ein Interesse an meinen anderen Aktivitäten bei der FIA - etwa die Sicherheit im Straßenverkehr."

"Es geht um Integrität, Menschlichkeit, und das werden wir verstehen, wenn es vorbei ist. Und einer der Gründe wird sein, weil wir auf die Regierungen gehört haben. Wir hatten auf allen Ebenen Angst. Wir wussten nicht, was uns oder den Leuten um uns passieren würde. Durch Vorsicht konnten wir aus diesem schrecklichen Tunnel kommen. Und daraus können wir lernen."

Mit Bildmaterial von circuitpics.de.

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Artikel-Info

Rennserie Formel 1
Fahrer Jean Todt
Urheber Jonathan Noble