Ross Brawn: Fahrer wünschen sich mehr Punkte für den Sprint

Formel-1-Sportchef Ross Brawn analysiert die Stärken und Schwächen des Sprint-Formats - Er antwortet auf Kritikpunkte und blickt in die Zukunft

Ross Brawn: Fahrer wünschen sich mehr Punkte für den Sprint

Die Formel 1 hat zum zweiten Mal in ihrer Geschichte einen Sprint absolviert. Das neue Format wurde nach Silverstone auch im Rahmen des Grand Prix von Italien ausprobiert. Es ist daher an der Zeit, eine erste Zwischenbilanz zu ziehen. Formel-1-Sportchef Ross Brawn über die Stärken und Schwächen der Innovation.

"Natürlich war die erste Veranstaltung ein Novum, daher müssen wir die zweite und dritte Veranstaltung durchführen, um zu einem vollständigen Ergebnis zu kommen", erklärt der Brite im exklusiven Interview mit unserem Schwesterportal 'motorsport.com' noch vor dem Sprint in Monza.

Die erste Veranstaltung ihrer Art habe Liberty Media "in unserer Überzeugung bestärkt", so Brawn, "dass ein Grand-Slam-Format mit einer kleinen Anzahl von Rennen pro Jahr durchaus möglich ist." Sehr viel positives Feedback habe er nach der Premiere erhalten.

"Wir hatten einige sehr nützliche Gespräche mit den Teams, einige sehr nützliche Gespräche mit den Fernsehsendern", zählt er auf. Auch mit den Fahrern hat nach Silverstone eine Diskussionsrunde stattgefunden. "Sie haben großartige Ideen vorgeschlagen, wie wir es in Zukunft verbessern können."

Die Rechteinhaber haben außerdem eine ausführliche Analyse aller Faktoren durchgeführt. "Es gibt Dinge, die wir verbessern und ausfeilen können, aber ich denke, insgesamt sind wir sehr zufrieden", betont Brawn.

In Italien ging es für die Formel 1 nun darum, die Erkenntnisse des ersten Sprints zu überprüfen. Waren die Stärken und Schwächen nur Ausreißer oder lässt sich ein Trend erkennen?

Die Kritikpunkte #1: Poleposition und Punktevergabe

Obwohl die Rückmeldungen zum ersten Sprint in Silverstone durchwegs positiv waren, weiß der Sportchef der Königsklasse sehr genau, dass es noch in vielen Bereichen Verbesserungsspielraum gibt. Das hat sich nun auch nach dem zweiten Testlauf bestätigt.

Einer der größten Kritikpunkte von Beobachtern, Medienschaffenden und Fahrern gleichermaßen: die Poleposition. Nicht mehr der schnellste Pilot im Qualifying wird offiziell mit der Poleposition belohnt, sondern der Sieger des Sprints am Samstag, der dann am Sonntag vom ersten Startplatz aus ins Rennen geht.

In Italien führt das zu einem Kuriosum: Valtteri Bottas fuhr am Freitag im Qualifying die schnellste Zeit, er hatte sich also die "Freitagspole" gesichert, die allerdings nicht in die Statistik einfließt. Am Samstag gewann er außerdem den Sprint, wird aber aufgrund eines Motorwechsels am Sonntag nicht von der Pole starten, was für seine Statistik ebenso nicht zählt.

Brawn ist sich des Unmutes über diese neue Regelung bewusst. "Wir respektieren unsere Fangemeinde, und das ist auch von ihnen zurückgekommen", meint er. "Interessanterweise kam das auch von den Fahrern. Sie hatten das Gefühl, dass die [neue Regel zur] Poleposition ein wenig verwirrend war, und das müssen wir lösen."

Ein ebenso großer Kritikpunkt: die Punktevergabe. In der Saison 2021 erhalten die Top 3 als zusätzlichen Anreiz Punkte für den Sprint. Nach dem 3-2-1-Schema werden sie belohnt. Bei den Fahrern kommt diese magere Ausbeute allerdings nicht so gut an.

"Sie wollen eine größere Belohnung für den Sprint", verrät Brawn gegenüber 'Sky' am Samstagabend. "Sie wollen mehr Punkte bekommen." Dadurch könnten womöglich manche Piloten zu riskanteren Manövern verleitet werden. Das Gegenargument lautet allerdings: Der Grand Prix am Sonntag darf nicht entwertet werden.

Die Kritikpunkte #2: "Warm-up" und Namensgebung

Ein weiterer Kritikpunkt: das zweite Freie Training. Viele Zuschauer hatten in Silverstone und Monza das Gefühl, dass die zweite Trainingssession am Samstagvormittag recht bedeutungslos ist und nichts zur Action beitragen konnte. "Daraus müssen wir mehr machen", weiß Brawn.

"Fast jede Session war von Bedeutung", merkt er an, daher seien die Fans umso enttäuschter gewesen und hätten "gejammert" über das zweite Training. "Die Teams meinten anfangs, dass sie beim FP2 nicht sicher waren, wie nützlich es sein würde", gibt er außerdem zu.

Denn bereits nach dem Qualifying ab Freitagabend befinden sich die Autos im Parc ferme - nur noch wenige Änderungen dürfen dann noch an den Boliden vorgenommen werden. "Aber sie haben im FP2 tatsächlich mehr Runden gedreht als normalerweise. Wir müssen also herausfinden, wie wir das rüberbringen können."

Die Alternative wäre, nur am Samstagnachmittag zu fahren. Allerdings müsse Liberty Media auch an die Promoter denken, merkt Brawn an. "Sie wollen die Zuschauer anlocken und die Plätze so früh wie möglich füllen. Das FP2 ist also eine weitere Gelegenheit, die Autos fahren zu sehen."

Valtteri Bottas

Valtteri Bottas gewann den zweiten Sprint 2021 - und erhielt dafür eine Medaille

Foto: Motorsport Images

"Wir müssen darüber nachdenken, wie wir diesen Wert maximieren können." Ein Vorschlag wäre, als Hommage an die große Historie des Sports die Session in "Warm-up" umzubenennen. "Daran hatte ich noch gar nicht gedacht", gibt Brawn zu.

Abgeneigt scheint er nicht zu sein. Als "Warm-up" wurde früher ein Aufwärmtraining bezeichnet, das bis 2003 am Sonntagvormittag gefahren wurde. "Es stimmt schon, das Warm-up war ein Ereignis für sich. Man bekam ein Gefühl dafür, wo die Leute stehen. Wir werden das berücksichtigen."

Noch ein Kritikpunkt betrifft die Kommunikation. Denn Liberty Media war bereits in Silverstone bedacht darauf, die neue Session nicht als "Rennen" zu bezeichnen, sondern als "Sprint-Qualifying". Brawn ist sich auch dessen bewusst. Er gibt zu, dass die Namensfindung "ein bisschen schwierig" ist.

"Das Sprint-Qualifying soll den sequenziellen Charakter des Rennens betonen: Es ist ein Sprint, um das Qualifying zu bestimmen, um die Startreihenfolge für das Rennen festzulegen. Aber es stimmt: Jeder wird verleitet dazu, es als Rennen zu bezeichnen."

Auch an dieser Thematik möchte der Sportchef ansetzen. "Das ist etwas, was wir mit der FIA besprechen müssen, denn sie hat hier das letzte Wort. Wir werden uns nach den Veranstaltungen mit ihnen zusammensetzen und sehen, was wir tun können."

Kein "Alonso-Faktor": Weniger Action als erhofft in Italien

Im Gegensatz zum zweiten Sprint konnte der erste in Silverstone für ein wenig Drama sorgen. Besonders in der ersten Runde wurde Action geboten, im Mittelfeld wurde gekämpft. Zweifelsohne die beste Show lieferte Fernando Alonso im Alpine ab, der mit einer alternativen Reifenstrategie einige Plätze aufholen konnte.

"Fernando hat [in Silverstone] viel dazu beigetragen, aber das ist genau das, was man sich vorstellen kann: dass die Leute erkennen, dass es diese Möglichkeiten gibt. Sie werden vielleicht ein bisschen aggressiver und gehen ein bisschen mehr Risiko ein."

In Monza hatte sich der Sportchef noch vor der Session auf mehr Überholmanöver aufgrund der Charakteristik der Strecke gefreut. Doch sein Wunsch ging nicht in Erfüllung. "Monza ist auch eine herausfordernde Strecke, um dort zu überholen, besonders wenn alle auf denselben Reifen fahren."

Tatsächlich entschieden sich die meisten Piloten in Italien für den Medium-Reifen im Sprint, nur die McLaren-Fahrer riskierten in den Top 10 auf dem Soft, was sich bezahlt machte. Insgesamt sorgten aber auch Daniel Ricciardo und Lando Norris nicht für das erhoffte Feuerwerk.

"An der Spitze wäre es schön gewesen, einen härteren Kampf zu haben, aber wir haben einige großartige Kämpfe in der Mitte des Feldes gesehen", analysiert Brawn das Geschehen im zweiten Sprint. Die großen Gewinner waren Daniel Ricciardo, Charles Leclerc, Antonio Giovinazzi und Lance Stroll mit je zwei gewonnen Plätzen.

Lewis Hamilton hingegen war der große Verlierer des zweiten Sprints mit zwei verlorenen Plätzen im Vergleich zu seiner Qualifying-Platzierung. "Wir sehen, wie sich das auf das Rennen auswirkt. Wir haben morgen ein ganz anderes Rennen vor uns, als wir gestern dachten", gibt er zu bedenken.

Sein Resümee: "Es war sehr gut."

Die Zukunft des Sprints: Wie geht es nun weiter?

Liberty Media hat klargestellt, dass man zunächst alle drei Probeläufe des Sprints abwarten möchte - nach Silverstone und Monza wird der dritte voraussichtlich in Interlagos stattfinden - bevor mit den Teams und der FIA über die Zukunft des Formats diskutiert wird.

Eine Idee könnte etwa sein, die Sprints in der Saison 2022 eigenständiger zu machen. Wie bereits berichtet, würde ein "Standalone"-Event nicht mehr die Startaufstellung für das Hauptrennen am Sonntag vorgeben. Sollte diese Idee Anklang finden, könnte bei einem Drittel der Rennen Sprints gefahren werden.

"Ich denke, wir müssen darüber nachdenken, ob wir das Konzept eines Grand-Slam-Events wollen, bei dem so etwas stattfindet. Und wie legen wir fest, wann und wie oft ein Sprint stattfinden soll?", fügt Brawn hinzu. "Könnte es sich dahin entwickeln, dass es bei jedem Rennen stattfindet, oder sollte es eine Besonderheit bleiben?"

Diese und weitere Fragen müssen nach Saisonende geklärt werden. "Das ist ein offener Punkt." Eine Mischung aus dem konventionellen und dem neuen Format kann sich der Sportchef gut vorstellen, eine gesamte Saison mit Sprints hingegen eher weniger.

Stefano Domenicali, Ross Brawn

Domenicali & Brawn: Liberty Media will alle drei Sprints abwarten für ein Urteil

Foto: Motorsport Images

"Denn es wird eine weitere Entwicklung dieses Formats für das nächste Jahr geben, und wir müssen sicherstellen, dass es funktioniert." Sollte Liberty Media hingegen beim aktuellen Sprint-Format bleiben, dann wären Strecken wie Monaco praktisch ausgeschlossen.

"Wenn [der Sprint] hingegen mehr ein eigenständiges Format wird, dann sind wir flexibler, wo wir es ausprobieren. Das wird also einen Einfluss haben." Brawn ist sich auch sehr wohl bewusst, dass viele Puristen Gimmicks vollkommen ablehnen, und dem Sprint daher sehr skeptisch gegenüberstehen.

Darauf angesprochen, versucht er zu beruhigen: "Ich will auch keine Spielereien. Wir wollen das Rennen nicht kannibalisieren, wir wollen, dass die Integrität erhalten bleibt. Aber wir bieten drei Tage Action." Durch das neue Format sei der Freitag mit dem Qualifying aufgewertet worden, freut er sich.

Das Interesse der Zuschauer sei "viel höher" als an einem normalen Trainingsfreitag, merkt er an. "Unsere Zahlen sind heute höher als in Silverstone, die Sache entwickelt sich also gut. Aber wir wollen keine Gimmicks, das verstehe ich."

Finanzen: "Kommerziellen Nutzen für alle aufzeigen"

Der kommerzielle Aspekt lässt sich in der Debatte rund um das Sprint-Format nicht leugnen. Denn Liberty Media hat großes Interesse daran, dass Fans schon ab dem Freitag eines Rennwochenendes den Fernseher einschalten oder an die Rennstrecke pilgern.

Das erlaubt den Rechteinhabern im Gegenzug wiederum, höhere Gebühren von den Rennstrecken zu verlangen oder teurere Sponsorendeals und TV-Verträge abzuschließen. Dabei müssen die Verantwortlichen allerdings auch bedenken: Den Teams kosten Sprint-Rennwochenenden mehr.

Sollte das neue Format unterm Strich also mehr Geld kosten als einbringen, dann wäre das wohl ein Grund, zukünftig wieder die Finger davon zu lassen. "Wir müssen den kommerziellen Nutzen für alle aufzeigen", weiß Brawn. "Wir müssen den kommerziellen Nutzen für die Teams und die Veranstalter aufzeigen."

Der kommerzielle Nutzen ergebe sich aus der Einbindung der Fans und der kommerziellen Partner. "Wir werden nur dann in der Lage sein, diesen kommerziellen Nutzen zu demonstrieren, wenn wir die Fans eingebunden und sie glücklich machen."

Damit die Rechnung für die Rennställe noch Sinn ergibt, habe man das Finanzsystem überarbeitet. Die Teams erhalten eine Bonuszahlung für alle drei Events, um die zusätzlichen Kosten abzudecken. "Sie müssen als Gewinner aussteigen, aber sie können ihren Sponsoren und Partner auch mehr anbieten."

"Sie haben den Freitag, zu dem sie Leute einladen können, das ist wirklich sinnvoll. Es ist also ein ziemlicher Jonglierakt. Aber wir haben noch von keinem Veranstalter gehört, der das für eine schlechte Idee hält."

Sprints auch 2022? "Es gibt keine Garantie"

Wie wird das Fazit des Formel-1-Managements nach dem dritten Sprint, der für den Grand Prix von Brasilien am 14. November, geplant ist, ausfallen? Feststeht schon jetzt: Sollte das neue Format insgesamt hinter den Erwartungen zurückbleiben, wird in Zukunft nicht daran festgehalten werden.

"Es gibt keine Garantie", betont Brawn. "Wir müssen die Meinungen und Ansichten der FIA und der Teams abwarten. Ich persönlich denke, dass es die Möglichkeit gibt, es zu entwickeln und noch attraktiver zu machen." Er wäre daher "sehr enttäuscht", würden 2022 keine Sprints mehr stattfinden.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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