Porsche zieht Berufung zurück! Ferrari behält GTE-Pro-Titel

Ferrari darf sich endgültig als GT-Weltmeister feiern lassen - Dabei zeigt die Analyse, dass Alessandro Pier Guidi nicht ausreichend Zeit zurückgegeben hat

Porsche zieht Berufung zurück! Ferrari behält GTE-Pro-Titel

Die Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) 2021 ist endgültig entschieden. Porsche hat seine Berufung gegen den abgewiesenen Protest bei den 8 Stunden von Bahrain zurückgezogen. Alessandro Pier Guidi und James Calado sind damit Fahrer-, Ferrari Markenweltmeister in der GTE Pro.

Porsche hatte seine Absicht zur Berufung ("Intend of Appeal") noch am Samstag in Bahrain angekündigt. Kurz vor Ablauf der 96-Stunden-Frist meldete der deutsche Sportwagenhersteller, dass die Berufung fallengelassen wird.

"Nach einer tiefgreifenden Analyse der Situation unter Zuhilfenahme rechtlicher Beratung hat sich Porsche dazu entschieden, keine weiteren rechtlichen Schritte einzuleiten", heißt es seitens Porsche.

Informationen von 'Motorsport.com' zufolge hätte eine Berufung wenig Aussicht auf Erfolg gehabt. Denn letztlich sind sowohl die Anordnung des Platztauschs (Porsche plädierte auf Durchfahrtsstrafe) als auch die Einschätzung, dass Pier Guidis Verzögern ausreichend gewesen ist, eine Tatsachenentscheidung von Rennleiter Edoardo Freitas. Diese ist nur schwer anzufechten.

Natürlich bleiben Fragen. Erstens über die Ferrari-Pace (mehr dazu in den nächsten Wochen) und zweitens über die Art der Bestrafung. Der Platztausch war zwar zweckmäßig für ein packendes Finale, aber inkonsistent mit anderen Entscheidungen - auch im selben Rennen.

Dreimal wurde wegen "Causing a Collision" eine Durchfahrtsstrafe verhängt - gegen Tomonobu Fujii im TF-Sport-Aston-Martin #777, gegen Katherine Legge im Iron-Lynx-Ferrari #85 und gegen Axcil Jefferies im Proton-Porsche #88. Im Falle Pier Guidi vs. Christensen entschieden Rennleiter und Sportkommissare anders.

Deshalb lässt Porsche auch ausrichten: "Im Interesse des Sports plädiert Porsche für eine künftig stringente und einheitliche Linie in Sachen Strafen für Vergehen auf der Strecke, besonders im Rennen."

Die Entscheidung wäre aber nur anzufechten gewesen, wenn im Reglement der WEC explizit eine Durchfahrtsstrafe festgehalten wäre. Dann hätte ein rechtlicher Grund bestanden, weil der Rennleiter das Regelwerk nicht befolgt hätte. Das war aber nicht der Fall.

Analyse: Was der Abschuss Michael Christensen gekostet hat

Das Finale bei den 8 Stunden von Bahrain war die vielleicht größte Kontroverse, die die Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) in ihrem mittlerweile beinahe zehnjährigen Bestehen erlebt hat. Alessandro Pier Guidi wurde nach dem Rammstoß gegen Michael Christensen langsamer, aber nicht um so viel, wie Christensen vorher verloren hat. Das zeigt eine Analyse der Rundenzeiten.

Analyse 8h Bahrain - Kollision Ferrari vs. Porsche

Analyse: Verlorene Zeit rund um den Unfall

Foto: smg/Stritzke

Um die Situation zu analysieren, werden wir uns die Rundenzeiten rund um den Unfall herum ansehen. Die GTE-Pro-Boliden fuhren auf dem Bahrain International Circuit Zeiten von knapp zwei Minuten. Im Durchschnitt der 100 schnellsten Runden hatte Porsche leicht die Nase vorn - 1:58.509 Minuten für die #92 (Estre/Jani/Christensen) zu 1:58.600 Minuten für die (Pier Guidi/Calado).

In der Unfall-Runde wurde auch der Ferrari 488 GTE Evo leicht verlangsamt. Die 2:00.759 Minuten waren die 207.-beste Runde der absolvierten 233 Umläufe. Der letzte Sektor allein ist etwas mehr als eine Sekunde langsamer als die Durchschnittszeit aller regulären Runden.

Natürlich ist das aber nichts im Vergleich zu den 2:12.644 Minuten für den Porsche 911 RSR-19. Der Dreher plus Anlassen und Wiederlosfahren haben unterm Strich bis zur Ziellinie zwölf bis 13 Sekunden gekostet. Hinzu kommen weitere etwa vier Zehntelsekunden im ersten Sektor durch den verlorenen Schwung.

Analyse 8h Bahrain - Kollision Ferrari vs. Porsche

Analyse 3. Sektor Alessandro Pier Guidi: 10 Sekunden verlangsamt

Foto: smg/Stritzke

In der anschließenden Runde wird Alessandro Pier Guidi von Rennleiter Edoardo Freitas angewiesen, die Position zurückzugeben. Im letzten Sektor wird er deutlich langsamer, beinahe zehn Sekunden. Im ersten Sektor verliert er ebenfalls Runde vier Zehntelsekunden (37,947 Sekunden), weil er auf der Zielgeraden noch langsam gewesen ist.

Doch Michael Christensen überholt nicht, sondern kommt zum "Splash-&-Dash" an die Box. Nun bricht die Konfusion aus. Rennleitung und Sportkommissare müssen innerhalb von Sekunden entscheiden, ob das Verlangsamen nun genug gewesen ist oder nicht.

Ferrari wird schließlich mitgeteilt, dass es genug gewesen sei. Daraufhin kommt Pier Guidi an die Box. Trotz des Zeitverlusts im ersten Sektor ist seine Inlap fast sieben Zehntelsekunden schneller als die Inlap von Christensen.

Wie sich Pier Guidi den Vorteil verschafft hat

Als Pier Guidi ganz knapp vor Christensen wieder aus der Box herauskommt, ist das Rennen entschieden. Die Outlap ist sogar eine fast Sekunde langsamer als jene von Christensen einen Umlauf zuvor.

Analyse 8h Bahrain - Kollision Ferrari vs. Porsche

Die entscheidenden vier Runden: Ferrari 2,45 Sekunden schneller

Foto: smg/Stritzke

Insgesamt gewann der Ferrari #51 über die vier Runden 2,45 Sekunden auf den Porsche. Der Vorsprung auf der Ziellinie nach der 229. Runde (Outlap Pier Guidi) weit weniger betrug. Hinzu kommt, dass der Abstand während der Runde noch anwuchs. Der Liveabstand auf den ersten Metern nach dem Stopp lag bei 0,9 Sekunden.

Pier Guidi hat bis Kurve 1 in Runde 229 also rund drei Sekunden gutgemacht. Das liegt zu zwei Sekunden daran, dass Pier Guidi zehn Sekunden hergegeben hat, Christensen zuvor aber zwölf verloren hatte. Der restliche Teil geht auf Pier Guidis schnelleren Sektor 2 und 3 auf der Inlap zurück.

Natürlich hatten weder die Rennleitung noch die Sportkommissare die Möglichkeit, so schnell alles zu analysieren. Deshalb gaben sie Pier Guidi freie Fahrt. Fakt ist aber, dass der Zeitverlust zu keinem Zeitpunkt vollständig ausgeglichen war.

Andererseits muss sich Porsche auch an die eigene Nase fassen, dass man genau zum Platztausch an die Box gekommen ist. Der Boxenstopp war noch nicht überfällig. Er lag 30 Runden vor dem Job zuvor. In einem Stint von Kevin Estre drehte der Porsche ohne FCY-Unterbrechung 33 Runden. Selbst bei einem leicht höheren Verbrauch von Christensen wäre der Stopp also noch nicht überfällig gewesen.

Natürlich wollte Porsche den Boliden möglichst schnell durchchecken. Allerdings waren von außen keine gefährlichen Beschädigungen zu erkennen. So bleibt die Möglichkeit, dass Porsche die Unsicherheit des letzten Boxenstopps zuerst aus dem Weg räumen wollte, um den Platz danach zurückzuerhalten. Aber auch diese Entscheidung musste in Sekunden getroffen werden.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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