Abt-Gastfahrer di Grassi liebäugelt mit DTM-Karriere: "Hat als Witz begonnen"

Wie es zum Abt-Audi-Gaststart von Lucas di Grassi beim DTM-Finale kam, wie der Hockenheim-Test des Formel-E-Stars lief und wieso eine DTM-Zukunft vorstellbar ist

Abt-Gastfahrer di Grassi liebäugelt mit DTM-Karriere: "Hat als Witz begonnen"

Das Abt-Team sorgte vergangene Woche für eine Überraschung, als man für die letzten zwei DTM-Saisonwochenenden plötzlich Ex-Formel-E-Champion Lucas di Grassi als Gaststarter aus dem Hut zauberte. Der 37-jährige Brasilianer wird in Hockenheim und auf dem Norisring einen vierten R8 LMS steuern - ein Abschiedsgeschenk nach den sieben gemeinsamen Formel-E-Jahren mit Abt.

Doch wie kam es überhaupt zum Gasteinsatz? "Alles hat als Witz begonnen", grinst der ehemalige Formel-1-Pilot - und verweist auf das Formel-E-Wochenende Mitte Mai in Berlin-Tempelhof.

"Wir waren natürlich alle ein bisschen traurig, dass Abt und Audi nach sieben Jahren die Formel E verlässt. Und Thomas Biermaier (Abt-Sportdirektor; Anm. d. Red.) ist in Berlin auf mich zugekommen und hat mich gefragt: 'Was hältst du davon, in der DTM zu starten?'."

"Wenn du mir genug bezahlst, dann fahre ich"

Wie der Brasilianer reagierte? "Ich habe gesagt: 'Wenn du mir genug bezahlst, dann fahre ich!'", erzählt di Grassi. "Und dann wurde aus dem Witz Realität - und wir haben am Ende unsere Zusammenarbeit über die Formel E hinaus festgelegt. Das war sehr gut mit Abt, und ich hoffe, dass das erst der Anfang ist."

Denn di Grassi, der in der kommenden Saison in der Formel E für Susie Wolffs Venturi-Team antritt, könnte sich langfristig auch eine DTM-Karriere vorstellen: "Nächstes Jahr oder in den kommenden Jahren bleibt die Formel E meine Priorität", holt er aus. "Aber ich weiß, dass auch die DTM mit E-Fuels und der Elektrifizierung CO2-neutral werden will. Und man weiß nie, was die Zukunft bringt."

Die DTM sei jedenfalls "eine tolle Meisterschaft. Ich weiß nicht, was ich in zwei, drei Jahren machen werde. Und wenn ich nicht Formel E fahre, dann wäre die DTM wahrscheinlich meine erste Wahl, da die Meisterschaft extrem gut und extrem hochkarätig ist."

So lief di Grassis DTM-Test auf dem Hockenheimring

Um an den kommenden beiden Wochenenden nicht völlig unvorbereitet zu sein, durfte sich di Grassi am Mittwoch vor einer Woche bei einem Test im Audi R8 LMS des Abt-Teams auf den Hockenheimring einschießen.

"Meine Vorbereitung waren ein paar Runden in Hockenheim, wo ich das Auto geteilt habe", verweist er darauf, dass er sich mit den Stammfahrer Kelvin van der Linde und Mike Rockenfeller in deren Einsatzautos abwechselte. "Es war großartig, aber bei weitem nicht genug."

Was bei seinem Test im Vordergrund stand? "Mit einem GT3- oder einem DTM-Auto sind die Tracklimits in Hockenheim ein großes Problem", sagt er. "Dann stellt sich die Frage, wie viel Randstein man nutzt. Die Hauptarbeit bestand für mich darin, all die unterschiedlichen Linien hinzukriegen und die Strecke ein bisschen zu verstehen."

"Qualität der Fahrer in der DTM wird unterschätzt"

Das gleiche galt auch für den Boliden: "Ich musste verstehen, wie der Reifen funktioniert, wie all die Systeme funktionieren. Ich wollte auf das Tempo der anderen Jungs kommen." Die Runden in Hockenheim seien diesbezüglich zwar "sehr nützlich" gewesen, haben aber nicht ausgereicht.

Die vier Audi R8 LMS des Abt-Teams von Kelvin van der Linde, Lucas di Grassi, Mike Rockenfeller und Sophia Flörsch.

Das Abt-Team wird an den beiden Finalwochenenden vier Autos einsetzen

Foto: ABT Sportsline

Das führt di Grassi auf die Klasse seiner Kollegen zurück: "Die Qualität der Fahrer im DTM-Feld wird immer noch ein bisschen unterschätzt in der Motorsport-Community, denn es handelt sich um ein extrem starkes Feld", so der ehemalige Le-Mans-Pilot. "Daher ist es sehr schwierig, mitten in der Saison in diese Meisterschaft einzusteigen."

Abgesehen vom Test stammen di Grassis bislang einzige Erfahrungswerte mit dem Boliden vom GT-Weltcup in Macau im Jahr 2017: Damals kam es in den engen Gassen der Glücksspielmetropole zu einem Massencrash, an dem auch di Grassi beteiligt war. "Ich habe das Rennen an der Spitze beendet, aber nicht so, wie ich es vorhatte", verweist er darauf, dass sein Bolide am Autofriedhof auf einem anderen Fahrzeug landete.

Di Grassi: "Würde Kelvin im Titelkampf helfen"

Auch seine DTM-Erfahrung hält sich in Grenzen: "Als ich 2012 zu Audi gegangen bin, habe ich das DTM-Auto der vergangenen Generation gemeinsam mit Nico Müller auf dem Red-Bull-Ring und dann in Estoril getestet", verrät er.

Welche Erwartungen er nun hat? "Ich habe sehr wenig Erfahrung mit dem GT3-Auto", sagt er. "Ich werde also ein bisschen Spaß haben in der DTM, hoffentlich die Titelkandidaten oder irgendwen anderen nicht allzu sehr stören und einfach meine ersten Erfahrungen sammeln."

Er wolle sich an das Auto gewöhnen und sein bestes geben, "aber ich habe nicht wirklich ein Ziel", so di Grassi. "Ich werde pushen und versuchen, das bestmögliche Ergebnisse einzufahren, ob ich nun in den Punkten bin oder am Ende des Feldes."

Sollte sich aber doch die Gelegenheit ergeben, dass er Abt-Titelkandidat Kelvin van der Linde helfen kann, dann werde er es tun: "Wenn ich mich in so einer Position befinden würde, dann hätte ich bereits ein großes Ziel erreicht", sagt er. "Ich würde ihm definitiv helfen, obwohl es sehr unwahrscheinlich ist. Aber wir sind bei Abt im gleichen Team."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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