Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat

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Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat
Stefan Ehlen
Autor: Stefan Ehlen
26.03.2018, 04:14

Zwei Autos in den Punkten beim Debüt von McLaren-Renault in Melbourne: Fernando Alonso und Rennleiter Eric Boullier haben endlich die Wende geschafft

Liebe Leser,

war das der langersehnte Befreiungsschlag, den McLaren so dringend gebraucht hat? In jedem Fall bedeutet die Zielankunft beider Fahrzeuge beim Formel-1-Auftakt 2018 in Melbourne für McLaren eines: viel Balsam auf die geschundenen Racer-Seelen. Denn Fernando Alonso und Stoffel Vandoorne steuerten ihre beiden McLaren-Renault MCL33 in den Punkterängen über die Linie. Und das will mit Blick auf die McLaren-Statistiken der jüngeren Vergangenheit durchaus etwas heißen.

In der modernen Honda-Ära von 2015 bis 2017 nämlich war es dem britischen Traditionsteam aus Woking nicht gelungen, auch nur einmal beim Auftaktrennen in die Punkte zu fahren. Das höchste der Gefühle war ein elfter Platz 2015 von Jenson Button. Sonst gab es nur weitere Plätze im Mittelfeld und insgesamt drei Ausfälle bei sechs Versuchen. Einmal, 2015, strandete ein McLaren-Auto sogar bei der Fahrt in die Startaufstellung – mit Motorschaden.

Und, so schlimm das für das erfolgsverwöhnte McLaren-Team sein muss, auch die doppelte Zielankunft in den Top 10 war zuletzt eine Seltenheit. Lediglich sechs Mal in 60 Rennen von 2015 bis 2017 sammelten beide McLaren-Piloten am gleichen Wochenende WM-Punkte: je einmal 2015 und 2017 (beide Male beim Grand Prix von Ungarn) und vier Mal 2016 (Russland, Monaco, Malaysia und USA).

Fernando Alonso, McLaren, in the drivers parade

Überhaupt holte McLaren in der Honda-Zeit nur in 31 von 60 Grands Prix ein zählbares Ergebnis mit mindestens einem Auto. Das entspricht einer Erfolgsquote von gerundet 52 Prozent – und steht damit in krassem Kontrast zur Allzeit-McLaren-Statistik von 76 Prozent seit 1966 (alle McLaren-Statistiken in der Formel-1-Datenbank nachlesen!).

Gerade auch für Alonso stand der Saisonauftakt während der McLaren-Honda-Partnerschaft unter keinem guten Stern: 2015 trat er nach einem Testunfall gar nicht in Melbourne an, 2016 verunfallte er nach einer Kollision mit dem damaligen Haas-Piloten Esteban Gutierrez schwer und schied aus, 2017 musste er nach 50 Runden mit gebrochenem Unterboden vorzeitig aufgeben.

Aber nicht so in diesem Jahr: Alonso sah nicht nur erstmals seit 2014 wieder die Zielflagge auf dem Albert Park Circuit und damit erstmals in seiner zweiten McLaren-Karriere seit 2015, er holte auch ein wirklich wichtiges Ergebnis. Denn damit egalisierte er zugleich die Team-Bestleistung mit Honda-Power aus den vergangenen drei Jahren: Alonso hatte seit 2015 insgesamt nur drei Mal einen fünften Platz erreicht.

Und McLaren steht dank der Punkteausbeute aus Melbourne (zwölf Zähler für die Plätze fünf und neun) zum ersten Mal seit dem Grand Prix von Bahrain 2014 wieder in den Top 4 der Konstrukteurswertung – nachdem das Team in der gleichen Saison mit den Plätzen zwei und drei beim Auftakt in Australien durch Jenson Button und Kevin Magnussen noch als WM-Tabellenführer abgereist war. Damals allerdings noch mit Mercedes-Antrieben.

Fernando Alonso, McLaren MCL33

McLaren hat also allen Grund dazu, den Saisonauftakt 2018 als Erfolg zu verbuchen. Und als einen wichtigen Fingerzeig. Ganz nach dem Motto: "Schaut her, wir haben es ja immer gesagt – nicht unser Auto war so schlecht, sondern nur der Motor." Alles andere wäre ein krasser Fehlstart in die Renault-Ära gewesen und vielleicht sogar der Todesstoß für den von einst von Bruce McLaren gegründeten Rennstall. Denn machen wir uns nichts vor: McLaren fuhr den eigenen Ansprüchen zuletzt meilenweit hinterher, Sponsoren sind Mangelware. Der Aufwärtstrend kam daher genau zur richtigen Zeit.

Klar ist aber auch: Diesem Ergebnis muss McLaren in den kommenden Rennen weitere positive Resultate folgen lassen, wenn der Melbourne-Effekt nicht als Eintagsfliege verpuffen soll. Denn wie mein Kollege Christian Nimmervoll in der Schwester-Kolumne auf Motorsport-Total.com so treffend analysiert hat: Im Qualifying fehlten McLaren 1,7 Sekunden auf die Bestzeit, im Rennen profitierte das Traditionsteam vom Doppelausfall der Haas-Boliden. Und davon, auf einem Niveau mit dem anderen Renault-Kundenteam Red Bull zu fahren, war McLaren in Australien auch noch etwas entfernt – um eine Zehntelsekunde bei den schnellsten Rennrunden, zum Beispiel.

Es bleiben also noch Hausaufgaben. Doch der Anfang ist gemacht. Was Alonso und McLaren-Rennleiter Eric Boullier nach dem Honda-Dilemma der vergangenen Jahre sicher gut hat schlafen lassen.

Wer sonst noch gut geschlafen hat:

Den ruhigsten Schlaf in Melbourne hatte vermutlich Rennsieger Sebastian Vettel. Denn der Ferrari-Pilot hatte den perfekten Konter auf die Aussagen von Lewis Hamilton aus der Pressekonferenz nach dem Qualifying. Angesprochen auf die herausragende Leistung im abschließenden Q3 mit der Rekordrunde für die Pole-Position hatte Hamilton gesagt, er habe Vettel damit "das Lächeln stehlen" wollen. Vettel meinte nur: Ihm sei wichtiger, am Sonntag nach dem Rennen grinsen zu können. Und diese Rechnung ging auf, wenn auch mit etwas Rennglück. Und Vettel strahlte wie ein Honigkuchenpferd auf dem Podium. Davon zeugen die vielen Bilder unserer Agenturen LAT und Sutton.

So ist der Ferrari-Mann der erste WM-Tabellenführer der Formel-1-Saison 2018, was auch seinem Teamchef Maurizio Arrivabene eine ruhige Nacht beschert haben dürfte. Denn wir wissen ja: Ferrari steht in der Formel 1 immer unter einem ganz besonderen Erfolgsdruck, den speziell Konzernchef Sergio Marchionne regelmäßig erhöht. Auch, weil Ferrari schon seit 2007 keinen Fahrer-Weltmeister mehr gestellt und seit 2008 keinen WM-Titel mehr eingefahren hat …

Mit einem Hochgefühl dürfte auch Renault-Sportchef Cyril Abiteboul zu Bett gegangen sein. Denn alle drei Renault-Teams (neben dem Werksteam noch McLaren und Red Bull) fuhren beim Auftakt in Melbourne in die Punkte – mit allen sechs Fahrzeugen! Daniel Ricciardo erzielte zudem die schnellste Rennrunde. Und in dieser Rangliste fanden sich sechs Renault-Autos unter den Top 12. Ein Achtungserfolg!

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