Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat: Lewis Hamilton

Disqualifiziert, zurückversetzt und trotzdem Sieger: Wie Lewis Hamilton beim Formel-1-Grand-Prix in Brasilien emotional Achterbahn gefahren ist und dominiert hat

Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat: Lewis Hamilton

Liebe Leser,

mir wird manchmal vorgehalten, ich greife in meiner Formel-1-Montagskolumne zu häufig die offensichtlichen Themen auf. Dass ich selten mal jemanden gut schlafen lasse, der vielleicht nicht so sehr im Rampenlicht steht, es aber ebenso sehr verdient hätte, genannt zu werden.

Und ja, das stimmt. Es sind oft die offensichtlichen Namen. Das liegt aber auch daran, dass diese Kolumne nun mal den Titel trägt, "wer letzte Nacht am besten geschlafen hat" – und das ist in den allermeisten Fällen für mich ein Protagonist, der besonderes auf mich gewirkt hat, weil er vielleicht etwas wirklich Besonderes erreicht hat. Sebastian Vettel in Monaco, zum Beispiel, oder Esteban Ocon in Ungarn.

Natürlich: Manchmal hat man Auswahl und muss sich entscheiden. (Vielen Dank an dieser Stelle für die regelmäßig vielen Zuschriften auf Twitter mit Nominierungen für diese Kolumne!) Dieses Mal aber kann es – frei nach dem "Highlander" – nur einen geben, der in der Nacht von Sonntag auf Montag am besten schläft. Und das ist, wenig überraschend, aber glasklar: Lewis Hamilton.

Rekapitulieren wir kurz sein Wochenende: Bestzeit im ersten Freien Training. Bestzeit im Qualifying. Disqualifikation. Startplatz 20 im Sprint. P5 im Ziel. Strafversetzung auf P10 in der Startaufstellung. P1 im Ziel. Und das war nur der Schnellverlauf einer emotionalen Achterbahnfahrt, die Hamilton in Brasilien hingelegt hat.

Also nochmal der Reihe nach ...

Nur eine Woche nach der Niederlage in Mexiko gegen Max Verstappen und Red Bull scheint der Grand Prix in Brasilien unter keinem guten Stern zu stehen für Hamilton, weil er sich eine Startplatzstrafe um fünf Position einfängt für einen überzähligen Motorwechsel. Mit diesem Handicap werde Mercedes das Rennen "nur schwer gewinnen können", sagt Teamchef Toto Wolff am Freitagabend, ohne zu wissen, was noch kommt.

Hamilton hat zu diesem Zeitpunkt zwar bereits die Qualifying-Bestzeit und damit Startplatz eins für das Sprintqualifying erzielt, weiß aber genausowenig wie Wolff von der Strafe, die ihm blüht: Ein technischer Fehler am Heckflügel lässt Hamiltons Mercedes W12 durch die technische Nachkontrolle fliegen, die Folge ist die am folgenden Tag verkündete Disqualifikation.

Da muss man als WM-Titelkandidat schon mal schlucken.

Denn nicht vergessen: Während Hamilton P1 im Qualifying verliert und auf P20 zurückfällt, gewinnt Verstappen P1 und einen "Freifahrtschein" im Sprint. Schlimmer kann es eigentlich nicht kommen. Das ist mehr als nur ein herber Dämpfer für die eigenen Titelambitionen.

Irgendwie aber dreht Hamilton die Sache wieder, fährt im Sprintrennen wie entfesselt und beendet das 24-Runden-Rennen auf Position fünf, nur 20 Sekunden hinter der Spitze – und nur eine Sekunde hinter Sergio Perez, der von Startplatz drei losgefahren ist.

Es ist nicht nur das Auto ...

Natürlich: Hamilton hat davon profitiert, eines der beiden schnellsten Autos im Feld zu fahren. Er hatte einen frischen Verbrennungsmotor im Heck. Zu seinem ohnehin großen Topspeed-Vorteil kam noch der DRS-Effekt hinzu, der ihn regelrecht durch das Feld schneiden ließ.

Aber: Das muss man dann auch erst mal so zu Ende bringen, über 24 Runden hinweg. Und Hamilton hat bis zum letzten Meter gekämpft und viel riskiert. Siehe sein Überholmanöver in der Schlussrunde gegen McLaren-Fahrer Lando Norris in Kurve 1. Da hätte wahrscheinlich nicht jeder so kompromisslos reingehalten, zumal als WM-Anwärter. Doch Hamilton hat genau das gemacht. Blitzsauber.

Lewis Hamilton überholt Lando Norris in der Schlussrunde des Sprints

Lewis Hamilton überholt Lando Norris in der Schlussrunde des Sprints

Foto: Zak Mauger / Motorsport Images

Sicher: Die meisten Fahrer haben ihn einfach ziehen lassen, ohne große Gegenwehr zu leisten, selbst wenn sie sich prinzipiell hätten (besser) verteidigen können. Das ist aber nichts, was Hamilton anzulasten wäre. Vielmehr liegt der Fehler im System: Die bisherigen Formel-1-Sprintqualifyings waren eher Fahren nach Fahrplan als Feuerwerke an Action, weil sich natürlich niemand etwas für den Grand Prix verbauen will, indem er sich in ein am Ende vielleicht sinnloses Duell verstrickt.

Umgekehrt hatte bisher auch noch niemand so sehr den Drang und die Notwendigkeit, unbedingt nach vorne durchfahren zu müssen. Das war Hamiltons wahrscheinlich größte Aufgabe an diesem Wochenende, und er hat sie mit Bravour gemeistert. Eins mit Sternchen. Soll über-erfüllt. Und sich die Aufgabe für den Grand Prix wesentlich einfacher gemacht.

Nach dem Sprint tippen viele: Da kommt ein Podium raus!

Danach hat sich schon eine Sensation abgezeichnet. Ich selbst tippte, wie die breite Mehrheit der User bei meiner Spontan-Abstimmung auf Twitter, auf einen Podestplatz für Hamilton, einfach aufgrund seiner überragenden Form in Qualifying und Sprint.

Es kam aber noch besser: Zehnter beim Start, Sechster nach Runde eins, Dritter nach Runde fünf. Und spätestens da zeichnete sich ab, dass Red Bull einen ganz schweren Stand haben würde gegen diesen Hamilton, dessen Speed "wie vom anderen Stern" zu sein schien, so sollte es später Sergio Perez formulieren. Immerhin: Er stand Hamilton kurz im Weg, konterte einmal gekonnt, war dann aber doch besiegt.

Und dann hat Hamilton nur noch einen Gegner. Seinen WM-Rivalen. Verstappen. Und Hamilton weiß inzwischen um die Stärken seines Autos auf dieser Strecke, den überragenden Topspeed, die deutlich bessere Pace.

Selbst die Verstappen-Spielchen lassen ihn kalt

Man kann sich ausmalen, wie "on fire" Hamilton im Cockpit sein muss. On fire, aber kontrolliert. Nicht mal die Spielchen von Verstappen bringen ihn aus dem Konzept: das Schlangenlinie-Fahren auf der Gegengeraden, das fragwürdige Hinaustragenlassen in Kurve 4.

Nein. Hamilton überholt Verstappen doch noch, bringt es sauber und stilvoll zu Ende und erzielt seinen 101. Grand-Prix-Sieg in der Formel 1, vielleicht seinen besten bisher. Auf jeden Fall einen ganz wichtigen. Denn damit meldet sich Mercedes erfolgreich im WM-Titelkampf zurück.

Und dieser Erfolg und dessen Begleiterscheinungen verfehlen ihre Wirkung auf Red Bull nicht: Erstaunlich offen äußert Helmut Marko nach dem Rennen "ganz arge Bedenken", ob der Titelgewinn dieses Jahr überhaupt noch möglich ist für sein Team.

Natürlich: Marko spielt vor allem auf Hamiltons "Raketenmotor" an. Doch es sind sicherlich auch Hamilton und dessen fahrerische Über-Form, die ihm Respekt abringen.

Denn an einem Wochenende, das bloße Schadensbegrenzung hätte sein können, ist Lewis Hamilton über sich selbst hinausgewachsen. Er hat das größtmögliche Handicap wettgemacht. Und er und sein Team haben die Konkurrenz damit das Fürchten gelehrt und dieser so eindrucksvollen Formel-1-Saison 2021 eine weitere neue, überraschende Wendung gegeben.

Also ja, ich glaube wirklich: Lewis Hamilton hat in der Nacht zum Montag am besten geschlafen. Zweifelsohne.

Einverstanden? Widerspruch? Lassen Sie uns reden!

Sie denken ähnlich? Oder ganz anders? Dann lassen Sie uns darüber reden: Folgen Sie mir gerne auf Facebook und/oder Twitter, wo ich diese Kolumne – und weitere aktuelle und historische Themen aus der Formel 1 und dem Motorsport allgemein – gerne mit Ihnen diskutiere. Schreiben Sie mir!

Und wer nach dem Rennen in Brasilien gar nicht gut geschlafen hat? Das erfahren Sie wie immer in der Schwesterkolumne von Chefredakteur Christian Nimmervoll auf Motorsport-Total.com.

Ihr
Stefan Ehlen

geteilte inhalte
kommentare
"Rücksichtslos" und "verzweifelt": Heftige Kritik an Tsunoda
Vorheriger Artikel

"Rücksichtslos" und "verzweifelt": Heftige Kritik an Tsunoda

Nächster Artikel

Formel-1-Liveticker: Mercedes "unerreichbar" für Red Bull

Formel-1-Liveticker: Mercedes "unerreichbar" für Red Bull
Kommentare laden